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Mittwoch, 19. Juni 2019

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Tom Woods, Copyright: Jochen Quast

Tom Woods, © Jochen Quast

Sinfoniekonzert am Theater Regensburg

Trump im Konzert

Eine Uraufführung, in der Aussagen des 45. amerikanischen Präsidenten vertont wurden – da wird man hellhörig. Zumal das Werk in keiner Spezialveranstaltung eines alternativen Musikensembles mit avantgardistischem Anspruch im Programm steht, sondern in der regulären Abonnementreihe eines Stadttheaters. So etwas erwartet man in der Regel nicht im Neuhaussaal des Theaters am Bismarckplatz. Dass dem Regensburger Publikum hier einiges zugemutet wird, darauf verweisen schon die gratis Gehörschutzstöpsel am Eingang mit dem Warnhinweis: Das letzte Stück überschreitet Grenzwerte von 85 Dezibel.

Die tonale Moderne und Bach

Doch beginnen wir am Anfang. Etwas zu verhalten startet das Philharmonische Orchester Regensburg in Aaron Coplands Ballettsuite 'Appalachian Spring’, kommt jedoch schnell in Fahrt und pinselt unter der Leitung von Tom Woods ein verspielt beschwingtes Idyll amerikanischer Prärie-Romantik. Umso stärker der Kontrast zum Schluss! Zunächst folgt jedoch ein Klavierkonzert des französischen Zeitgenossen Guillaume Connesson, Jahrgang 1970. Der Titel 'The Shining One’ verweist auf die programmatische Vorlage: den Roman 'The Moon Pool’ von Abraham Merrit aus dem Jahr 1919. Das darin beschriebene Lichtwesen in Musik zu setzen, beschwört Connesson funkelnde Klangfarben herauf, die das Orchester facettenreich zum Vorschein zu bringen weiß. Aus des Flügels Korpus schimmern die gleißenden Tonläufe von Natalia Woods andächtig mit sensibler Zurückhaltung. Ein Wechselspiel nervöser Euphorie und faszinierender Bedrängnis entsteht, auch wenn der Anspruch an die Komposition etwas hoch gegriffen scheint, ‚intensives Glück‘ und ‚quälende Todesangst‘ zugleich erlebbar zu machen, wie es die erfahren sollen, die in der Romanvorlage vom mysteriösen 'Shining One' verschleppt werden.

Nach der Pause führt ein Exkurs weit über 200 Jahre zurück. Bachs Violinkonzert in a-Moll bringt Sándor Galgóczi, dritter Konzertmeister am Hause, virtuos zur Geltung. Eine historisierende Spielweise wird gar nicht angestrebt und wäre in Anbetracht des sonstigen Programms vermutlich auch fehl am Platz. Stattdessen wird eine leichte – jedoch nie hochromantische – Delikatesse eingestreut, die mit großem Bogen und feinfühligen Vibrati besonders für den zweiten Satz ein erfrischend eigenwilliges Rezept beweist. Das Streicherensemble des Philharmonischen Orchesters Regensburg zeigt unterdessen homogene Tongebung.

Dear Mr. President

‚I use...‘ beginnt in ständiger Wiederholung der Tenor Brent L. Damkier seine brillant akzentuierte Darstellung und konterkariert in dieser zwanghaften Repetition die abstruse Aussage, die der ganze Satz bildet: ‚...social media not because I like to, but because it is the only way to fight Fake News, totally unfair.‘ – einer der paraphrasierten Tweets von Donald Trump, die als Grundlage der Neukomposition des hauseigenen 1. Kapellmeisters und Dirigenten des Abends Tom Woods dienen. Die Idee zu 'Trump‘s Tweets' sei ihm gekommen, als sein Alltag sich vor etwa eineinhalb Jahren dergestalt wandelte, dass er mit einem morgendlichen Blick auf Twitter begann, gespannt, was das Enfant terrible der Weltpolitik schon wieder Neues abgelassen hatte – und natürlich, wie die zehntausenden Reaktionen pro und kontra ausfielen. Dabei sei ihm die wohl unfreiwillige Musikalität und Poesie der Sprache in den Tweets des amerikanischen Präsidenten aufgefallen, die teils von unalltäglichen Formulierungen und seltsamen Wendungen herrührt: ‚Nobody – has more – respect for – women…‘, rezitiert Woods im vorangegangenen Gespräch, ‚das ist eigentlich eine seltsame Art der Formulierung im Englischen, aber es hat einen gewissen Rhythmus und Klang.‘ Und eben dieser Satz ist es, den die Chordamen des Opernchores im dritten Akt homophon vortragen, während der Herrenchor ‚Just grab ‘em by the pussy‘ dagegen skandiert.

Gegen giftiges Gezwitscher

Woods sei es ein Anliegen, der Giftigkeit und Gehässigkeit ein Gegengift entgegenzusetzen, das gleichsam die Worte selbst verwendet und verwandelt. Natürlich hat er hierfür auch kleine Anpassungen des Textes vorgenommen. Herausgekommen ist eine sechssätzige sinfonische Kantate (wobei der sechste Satz aufgrund der erreichten Lautstärke im Neuhaussaal gestrichen wurde, wie es zuvor verlautbart wurde) mit besonderem Hang zu skurril verfremdeten Blechbläserklängen und überaus ausgefallenen Sounds im Schlagwerk. Von Elementen, die an Mickey-Mousing erinnern, über Anklänge von Countrymusik bis zu musikalischen Zitaten strotzt die Partitur vor Abwechslung und Ideenreichtum. Nicht selten gerät der schallende Wust des Riesenapparats überladen, aber selbst darin spiegelt die Komposition nur konsequent ihre zugrundeliegende Thematik. Der Vulgarismus der Aussagen bleibt in der Vertonung nicht nur erhalten, sondern steigert sich gar ins Unermessliche, wodurch sich der Inhalt, höhnisch entgrenzt, in seiner Absurdität selbst entlarvt. Da braucht es keinen Fingerdeut, keine Moralität oder kompliziert konstruierte Satire, nur die hingebungsvoll amüsante Leistung von Solist Damkier und das energische Feuerwerk von Chor und Orchester. Besonders einfallsreich und wirkungsstark beginnt der fünfte Satz mit dem wohlbekannten Geräusch sich öffnender Coladosen, ehe der Chor deren Inhalt in Gläser gießt, die anschließend mit dem benetzten Finger gespielt werden, während Damkier in lieblicher Manier ‚I have never seen…‘ säuselt, das just durch die Vervollständigung ‚...a thin person drinking diet coke‘ forsch durchbrochen wird.

Der letzte Trumpf

Der nicht enden wollende Applaus fordert schließlich doch den letzten Satz als Zugabe. Dem voraus gehen noch der Hinweis, dass es sehr laut wird, und die Bitte, keine Beschwerden an die Intendanz einzureichen. Der Titel dieses Satzes 'Covfefe' spielt auf den Tippfehler eines Trump-Tweets an, der viel Spekulationen hervorrief. Er darf aus dieser Perspektive wohl als dadaistischer Gipfel von Trumps ungeplanter Poesie gelten. Hier versammelt Woods nochmals alle Kaliber, um einen Samba-artigen sinfonischen Bombast auf ein in sich kollidierendes ‚Bella Ciao‘ des Chors treffen zu lassen, während irgendwo dazwischen verheißungsvoll das ‚Dies irae‘ erklingt. Zweifellos hörenswert! Zumal in dieser Uraufführung gleich zwei inzwischen unmöglich geglaubte Aspekte aufeinandertreffen: die Tagesaktualität sinfonischer Musik und eine neuartige Auseinandersetzung mit Donald Trump. Da kann man nur hoffen, dass es nicht bei nur einer weiteren Aufführung bleibt.

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Kritik von Theo Hoflich

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5. Sinfoniekonzert: Mit Werken von Copland, Bach, Woods

Ort: Neuhaussaal,

Werke von: Aaron Copland, Johann Sebastian Bach

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