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Dienstag, 12. November 2019

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Johannes Martin Kränzle, Copyright: Karl & Monika Forster

Johannes Martin Kränzle, © Karl & Monika Forster

Opern-Doppel in Wiesbaden mit Bartók und Weill

Schwere Kost

Die hessische Landeshauptstadt huldigt in der fünften Jahreszeit dem ‚verrückten Wiesbaden‘. Das hessische Staatstheater setzt mit einem Doppel-Opernabend auf Alternativen, um jene zu beglücken, die mit der Fastnacht nicht ganz so viel am Hut haben. Lieber zuschauen, wie Narren und Närrinnen das übliche Seelendrama durchspielen. Darauf haben sich der Intendant Uwe Eric Laufenberg und seine Assistentin Magdalena Weingut abgestimmt, als sie die zwei Einakter 'Herzog Blaubarts Burg' von Béla Bartók und 'Die sieben Todsünden' von Kurt Weill untereinander aufteilten.

Um 1911 saß die Enttäuschung über die viel zu junge Ehefrau tief, die unerfüllte Leidenschaft zur Violin-Virtuosin Stefi Geyer war noch nicht verebbt. In diesem Zustand kompensierte Bartók seinen chaotischen Seelenhaushalt in einem an psychologischen Motiven reichen Opernwerk auf ein Mysteriendrama von Béla Balázs für einen Wettbewerb der ungarischen königlichen Schönen Künste, um wenigstens beruflich Erfolg zu verbuchen. Dass dies auf Anhieb nicht gelang, weil die Akademie mit der Modernität seiner Oper 'König Blaubarts Burg' nichts anfangen konnte, steht auf einem anderen Blatt. Weit wichtiger ist, dass er mit diesem symbolistisch aufgeladenen Märchenstoff zu einer lautmalerischen Musik ein Werk schuf, das viele Lesarten gestattet.

Beklemmend realistisch

Wortkarg ist dieser Herzog Blaubart, der Judith in sein Apartment im siebten Stock mitbringt. Matthias Schaller und Susanne Füller bauten hierfür einen Aufzug-Zugang zu einem hohen Raum mit dunklen Holzvertäfelungen, zur Decke hin bordürenartig abgesetzt in funkelndem Blutrot. Spärlich bleiben Blaubarts Äußerungen, widerstrebend bis zwanghaft-schmerzlich verzerrt seine Empfindungen, wenn Judith zwischen Bett und Couch nachbohrt, was er nicht preisgeben will. Doch Judith ist unnachgiebig, bricht gewaltsam in jede seiner sieben Seelen-Türen ein. Drei weitere Frauen taten dies vor ihr. Wie jene bezahlt auch Judith dafür mit ihrem Leben. So lautet die Interpretation von Wiesbadens Intendant Uwe Eric Laufenberg.

Sein Gegenwarts-Bühnen-Paar Johannes Martin Kränzle und Vesselina Kasarova durchlebt diese Stunde, in der eigentlich nichts geschieht, in einer Art Psychogramm. Kränzle verkörpert mit Blaubart einen seriösen Geschäftsmann. Judith ist die Neue an seiner Seite. Unmissverständlich formuliert er seine Regel, keine Frage zu stellen. Doch Judith kann es nicht lassen. Konsequent bedrängt sie Blaubart, schaut auf dem Computerbildschirm in die Folterkammer, durchwühlt seine Papiere mit den Abbildungen der Waffenkammer, reißt sich den blutbefleckten Schmuck vom Hals und fordert energisch den Schlüssel auch zur letzten Tür seiner dunkelsten Geheimnisse.

Kränzle verleiht dem Blaubart beklemmend realistische Charakterzüge und intoniert die splitterartig eingestreuten Gesangspartien eindringlich wie souverän. Vesselina Kasarova wirkt in ihrer Darstellung gesteuert, in ihren Partien zu sehr konzentriert auf Stimmsitz und Klang. Derweil sorgt Dirigent Philipp Pointner dafür, dass mit jeder Seelentür neue Bartok‘sche Klänge die beklemmende Atmosphäre verdüstern und die Seelennot der Protagonisten in ihrer Entwicklung offenlegen und zuspitzen. Schonungslose Schärfe erfährt das immer wiederkehrende Blut-Motiv im sich zuspitzenden Drama, das sich am Premierenabend leider nur im Orchestergraben abspielt. Die Bühnenpräsentation leidet an der mangelnden Durchdringung der weiblichen Figuren.

Zwangsjacke Familie

1933 dichteten und komponierten Kurt Weill und Bert Brecht 'Die sieben Todsünden', ein ‚Ballet chanté‘, in welchem sie unter dem Eindruck von Verfolgung und Untergang die Mechanismen der Gewinnmaximierung parodierten, aber auch solche Alltäglichkeiten wie den Schlankheitswahn. Regisseurin Magdalena Weingut erzählt in Wiesbaden die Geschichte von Anna, die unter einer Persönlichkeitsspaltung leidet. Ihre Familie – die Mutter wird von einem Mann verkörpert – zwingt sie zur Prostitution, um Geld für ein kleines Häuschen zu beschaffen. Mutter, Vater und die beiden Brüder jagen Anna sieben Jahre lang durch sieben Städte und zwingen sie, den sieben Todsünden zu widerstehen: Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Wollust, Habgier und Neid. Raumhohe, drehbare Dreikantsäulen mit Spiegelflächen begrenzen einen fiktiven Raum mit einer im Zentrum stehenden Badewanne. Eine Bildprojektion von Pieter Brueghels Zinnstich taucht den Raum zeitweise in eine surreale Welt. Die Familie hat sich an der Bühnenwand hinter einem Gazevorhang postiert. Stimm- und klanggewaltig intoniert sie die Partien, dringt im Einzelgesang jedoch nicht verständlich bis in den Zuschauerraum vor.

Nicola Beller Carbone zeichnet Anna in ihrer Doppelgesichtigkeit darstellerisch überzeugend. Anna verwandelt sich mit jedem Kleidungsstück, das sie ablegt, immer mehr in eine Femme fatale, jedoch stimmlich ohne jenes verruchte, kratzige und raue Timbre, das ihre Partien verlangen. Anna kann sich aus der psychischen Zwangsjacke der Familie entwinden. Zurück bleibt ein menschliches Wrack. Für seine musikalischen Parodien und Pointen, die das Staatstheaterorchester mit hörbarer Lust interpretierte, griff Kurt Weill tief in die Kiste amerikanischer Musikstile der 1920er und 1930er Jahre. Für seine Bühnenleistungen erhielt das gesamte Ensemble langanhaltenden Applaus.

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Kritik von Christiane Franke

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Herzog Blaubarts Burg: Premiere

Ort: Hessisches Staatstheater,

Werke von: Béla Bartók, Kurt Weill

Mitwirkende: Orchester des Staatstheaters Wiesbaden (Orchester), Johannes Martin Kränzle (Solist Gesang)

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