> > > > > 26.04.2019
Freitag, 19. Juli 2019

Gefeierte Uraufführung im Schwetzinger Schloss

Babel als Plädoyer für kulturelle Vielfalt

Macht ist ein Ordnungsprinzip, damit die Welt nicht ins Chaos stürzt. Die Sprache ist ein zentrales Instrument, durch die sich Macht äußert. Je weniger Sprachvielfalt, umso besser das Verstehen – ein starkes Argument in der laufenden Debatte um Integration. Elena Mendoza und Matthias Rebstock gelingt mit ihrem Musiktheater 'Der Fall Babel', entstanden als Auftragswerk der Schwetzinger Festspiele 2019, ein überzeugender Einspruch.

Sprachverwirrung – ein Mythos

Wenn es um Babylon geht, trennt die Wissenschaft in Mythos und Wirklichkeit. Im Altertum größte Stadt der Welt, lebten zeitweise über 200.000 Menschen unterschiedlichster Nationen in einem wirtschaftlich und politisch stabilen System friedlich zusammen. Babylon als Metapher für Zerfall und Verrohung der Zivilisation entspringt einem Mythos, basierend auf der Überlieferung der Genesis. Der Turmbau ist Sinnbild für den Größenwahn der Menschheit. Gott straft mit unkontrollierbarer Sprachverwirrung, damit der Bau nicht vollendet werden kann. Dieses Babylon-Verständnis hat sich durchgesetzt, vielleicht auch, weil die Zivilisation diesen Mythos braucht, um sich selbst zu verstehen.

Erprobtes Team

Mendoza und Rebstock griffen diesen alten wie brisanten Stoff in ihrem Musiktheater 'Der Fall Babel' auf. Elena Mendoza ist gebürtige Spanierin, lebt und lehrt als Professorin für Komposition seit über 25 Jahren in Deutschland. Für ihre Werke erhielt sie mehrere Auszeichnungen, zuletzt im Februar 2019 den Heidelberger Künstlerinnenpreis. Matthias Rebstock ist Professor für szenische Musik an der Universität Hildesheim mit dem Schwerpunkt auf die Entwicklung neuer Erzählformen im Grenzbereich zwischen Musik, Theater und digitale Medien. Damit ist er auch auf internationalen Festivals unterwegs.

'Der Fall Babel' ist ihr drittes gemeinsam entwickeltes und umgesetztes Musiktheaterprojekt. Ihre Arbeitsweise widersetzt sich der klassischen Dramaturgie. Libretto, Komposition und Inszenierung erfolgen nicht nacheinander, sondern Szene für Szene in unmittelbarer Abstimmung des Zusammenspiels aus Musik, Text, Raum und Darstellung. Die Interpreten sind in einem frühen Stadium Teil des Entstehungsprozesses. Darin liegt der Schlüssel zu einer unglaublichen Dichte und Intensität der Umsetzung, die das Publikum in der knapp 85-minütigen Uraufführung ohne Pause fesselte und begeisterte.

Über Sprache und menschliche Kommunikation

Überaus detailverliebt, mit Witz und Tempo und einem sicheren Gespür für dramaturgisch spannende Handlungsstränge beleuchten Elena Mendoza und Matthias Rebstock in 13 Szenen und einem Epilog das Phänomen der Mehrsprachigkeit. Sie konzentrieren sich dabei auf die Vieldeutigkeit von Sprache allgemein wie des einzelnen Wortes und auf die Gefahr von Unterdrückung und Gewalt, die der Zwang zur Einsprachigkeit in sich birgt. Bewusst wählten sie Texte von Autoren, die nicht in ihrer Muttersprache schrieben und aus unterschiedlichen Blickwinkeln von der Schwierigkeit der Decodierung von Sprache erzählen: Fabio Morábito aus der Sicht der Übersetzer, Cécile Wajsbrot aus der Sicht der Lehrerin beim Erlernen einer Fremdsprache und Yoko Tawada aus der Sicht der Frau, die die Sprache ihrer Träume verstehen will.

Mikrokosmos auf der Bühne

Fabio Morábito ist gebürtiger Italiener. Seine Geschichte 'Los Vetriccioli' verfasste er in spanischer Sprache. Darin erzählt er vom Untergang einer Übersetzerfamilie, die jeden Winkel ihres Hauses bevölkerte und mit aller Emotionalität um die perfekte Übersetzung rang. Diese Situation dominiert die Inszenierung 'Der Fall Babel' im Rokokotheater in Schwetzingen, eingefangen in einem konzentriert vielschichtigen Mikrokosmos auf der Bühne. Bühnenbildnerin Bettina Meyer baute hierzu einen Kubus aus Metallstangen, den die Darsteller mit jeder Szene drehen und damit immer wieder neue Spielraumsichten auf mehreren Zwischenstockwerken eröffnen.

Menschen mit wirrem Haar und glühenden Köpfen verwandeln dieses Gestänge in eine labyrinthische Sprachmaschine inmitten eines Konvoluts aus Geräuschen, Sprache und Gesängen. Sie lesen, brabbeln, schmatzen, klackern, stempeln, blättern, sprechen, singen, springen geräuschvoll über die Treppen und Plateaus. Im Rhythmus herabfallende Bücher fangen sie mit hölzernen Schubern auf, metallene Dosen, Schüsseln, Flaschen und Wasserbehälter versetzen sie in Schwingung. Selbst das Abrollen der Spruchbänder zur Synchronisation der fremden Sprachen im übereinstimmenden Rhythmus ist integraler Teil.

Keiner verlässt die Bühne, zwei Musiker, eine Musikerin am Schlagzeug, zwölf Sängerinnen und Sänger der Schola Heidelberg, zwei Schauspieler. Jeder trägt ein Mikrophon, das SWR Experimentalstudio steuert elektronische Klänge bei. Abgesichert durch zahlreiche Monitore garantiert Walter Nußbaum vom Dirigentenpult aus das Zusammenwirken aller Beteiligten, die künstlerisch wie im perfekten Zusammenspiel überzeugen. So gelingt modernes Musiktheater, das anspricht und fasziniert, eine Komposition aus Chor-Oper, Klang-Installation und Sprechtheater, bar jeglicher Künstlichkeit oder Konstruktion, zeitgemäß, witzig ohne Wirkungsverlust, konzentriert, faszinierend. Bravo!

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Kritik von Christiane Franke

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