> > > > > 18.05.2006
Donnerstag, 21. November 2019

Die Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott

Elektra rast durch die Alpen

Wie wenig Programmmusik passt in eine sinfonische Dichtung? Dieser Frage schien Jonathan Nott am gestrigen Abend in der Kölner Philharmonie nachzugehen, als er sich mit seinem flexiblen und engagierten Klangkörper aus Bamberg die ‚Alpensinfonie’ Richard Strauss’ vorgenommen hatte. Gewiss gilt Nott als ein wenig unterschätzt in der Musikwelt, seine Neugier und seine klug zusammengestellten Programme von Tradition und Moderne zeigen sein Gespür für Innovation aber auch sein musikalisches Können. So war es natürlich reine Absicht und nicht Unverständnis der Partitur etwa, als Nott im rasanten Sturm zum Angriff auf die Alpen blasen ließ, um gar nicht erst die enorme Plastizität dieser sinfonischen Dichtung aufkeimen zu lassen. Richard Strauss hatte noch selbst gesagt: ’Ich will meine Alpensinfonie den ’Antichrist’ nennen, als da ist: sittliche Reinigung aus eigener Kraft, Befreiung durch Arbeit, Anbetung der ewigen herrlichen Natur.’

Mit diesem an Nietzsche angelehnten Ansatz zeigt er eine abstrahierende Lesart dieses Werks und zumindest die Begriffe der sittlichen Reinigung und der Befreiung durch harte orchestrale Arbeit waren deutlich zu spüren auf dem Podium. Unerbittlich peitschte Nott durch Sonnenaufgang und Anstieg und widmete sich vor allem Strauss’ Instrumentierung und seinen chromatischen Kniffen – dass die Elektra und Salome nur wenig vor der Alpensinfonie entstanden waren, ließ Nott in jedem Takt spüren. Wie von Irrsinn geplagt rutschte und stolperte man da durch das donnernde Gewitter (nicht nur hier grandios die tiefen Streicher), die Vision nach der leider auch überhasteten Gipfelerklimmung zeichnete sich durch rasende hohe Streicher aus, Läuterung und Wahnsinn lagen hier nah beieinander. Aber vor allem gelang der Ansatz diesem Strauss jedes Klischeehafte und Platte auszutreiben, der innige, anmutig ’befreite’ Ausklang in den vorzüglichen Soli von Horn und Trompete ließ endlich verschnaufen und abendliche Ruhe vernehmen.

Jedoch insgesamt hätten es Nott die Musiker und das Publikum wohl auch gedankt, wenn es etwas weniger rasant zugegangen wäre. Er hätte nicht erbost mahnend den Posaunen nach einigem Geklapper den Takt vorschlagen müssen (wobei sein oft undeutliches, ja verwischendes Dirigat gerade im Strauss einige Probleme mit sich brachte), die Aneinanderreihung von stets straff durchmarschierenden Übergängen ließ nicht immer Überraschung oder Steigerung zu und man hätte sich mehr Zeit für manche Momente lassen können – Neugier und neuer Ansatz eines Werks sollten nicht ins übermotivierte Gegenteil schlagen.

Sommerwinde und körperliche Musikalität

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Kritik von Alexander Gurdon



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Bamberger Symphoniker, J. Nott, J. Jansen: Webern, Mendelssohn, Strauss

Ort: Philharmonie,

Werke von: Richard Strauss, Anton von Webern

Mitwirkende: Jonathan Nott (Dirigent), Bamberger Sinfoniker (Orchester), Janine Jansen (Solist Instr.)

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