> > > > > 20.09.2003
Samstag, 22. Januar 2022

Lucerne Festival: Cello:Fabrik

Tanz der Extase

‘Cello:Fabrik’, was ist denn das?, mochte manch ein unbeleckter Konzertgänger grübeln. Unter dem Titel ‘violoncello mio!’ lieferte diese ein Nachmittagskonzert der Sparte Kammermusik beim Lucerne Festival. Und es war eine 90-minütige Performance der Extraklasse, die ein bisschen nach Kabarett roch. Zwei Cellisten (Thomas Demenga & Fabian Diederichs) und drei Cellistinnen (Anita Leuzinger, Stéphanie Meyer & Bettina Castaño) saßen einmütig nebeneinander auf dem Podium und begannen ihre Vorstellung mit Igor Strawinskys Marsch aus: ‚Three easy pieces’, bei der sich die Person ganz links auf der Bühne, Bettina Castaño, aus dem Quintett herausschälte und mit ihrem Cello anfing, das Tanzbein zu schwingen. Erst sehr verhalten, quasi als ‘unbefriedigte Kurtisane’, dann immer drängender und lustvoller. Die Erotik knisterte hier wirklich. Unter Igor Strawinskys, Johann Sebastian Bachs, Johannes Brahms’ oder auch Sulhan Tsinzades Musik – alles im griffigen, cellistisch genialen Arrangement von Thomas Demenga – geriet Castaños Aufführung nach und nach zu einer Apotheose des Tanzes. Immer schneller und schneller drehte sie in wechselnden Kostümen ihre Runden um die eigene Achse, warf die Haare um ihren schlanken Hals, feuerte sich mit Klatsch-Rhythmen selbst an und verglühte schließlich im Feuer der Erotik des Flamenco, den sie wie keine zweite beherrscht. Unglaublich exakt ihre Bewegungen, feinmotorisch abgestimmt ihre Finger-, Handgelenks- und Hüftrotationen, die zum Finale hin in einen wahrhaftigen Tanz-Exzess mündeten. Dabei begeisterte nachhaltig die präzise Beinarbeit der Tänzerin.

Dazu mutete das beinahe pausenlos spielende Cello-Quartett fast bescheiden an. Und doch stimmte hier alles. Technisch und musikalische rangierte die Gruppe mit höchstem Anspruch. Lediglich einzelne Nummern (z.B. aus den vier Tangos) oder Teile der Improvisation ImproCompris, die hier ihre Welturaufführung erlebte, senkten die durchweg hohe Spannungskurve ab. Verblüffend die hohe intonatorische Treffsicherheit bei Passagen in hohen Lagen und der seidig weiche Cellosound.

Witzig und humorvoll gestaltete die Cello-Fabrik ihre Zugabe, die ein Stück vorstellte, dass Demenga nach eigenen Aussagen während seiner Studien in New York komponiert hatte, wobei er ständig durch Autohupen gestört worden sei... das hörte das Publikum im Ergebnis seiner Arbeit. Allenthalben wurde das pfiffig dahinfließende Stück von imitiertem Autogehupe unterbrochen. Sehr zur Belustigung der Hörer im Luzerner Saal des KKL.
Am 8. Oktober 2003, 22.35 Uhr sendet das Schweizer Radio DRS 2 einen Mitschnitt des Konzertes.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Lucerne Festival: Cello:Fabrik:

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Igor Strawinsky, Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms, Sulhan Tzinzade

Mitwirkende: Thomas Demenga (Solist Instr.), Fabian Diederichs (Solist Instr.), Anita Leuzinger (Solist Instr.), Stéphanie Meyer (Solist Instr.), Bettina Castano (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Lucerne Festival

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