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Dienstag, 12. November 2019

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Senta (Christiane Libor), Daland (Randall Jakobsh), Holländer (Iain Paterson), Copyright: Tom Schulze

Senta (Christiane Libor), Daland (Randall Jakobsh), Holländer (Iain Paterson), © Tom Schulze

Wagners Seemanns-Saga an der Oper Leipzig

Ein echter Holländer

‚Wagner 22‘ heißt das Projekt der Oper Leipzig, das über viele Jahre alle 13 Wagneropern von den 'Feen' bis zum 'Parsifal' auf dem Spielplan versammelt, um im Sommer 2022 innerhalb von drei Wochen in chronologischer Reihenfolge einen Komplettablauf zu vollführen. Die Inszenierung des 'Fliegenden Holländers' hierfür legte nun der in Leipzig bereits zum fünften Mal Regie führende Michiel Djikema vor – und das mit großartigem Publikumserfolg. Der niederländische Regisseur und Bühnenbildner stellt erneut sein Können unter Beweis, einen Theaterraum durch technische Raffinessen und kühne Kunstgriffe zum phantastischen Wunderkabinett zu verwandeln. Einzig die Personenführung bleibt etwas undefiniert und damit auch das Schauspiel stellenweise etwas blass.

Das Dirigat für diesen Anlass hatte selbstredend der die Doppelspitze in sich vereinende Generalmusikdirektor und Intendant Ulf Schirmer inne. Die stürmische See beschwörend, gerät das tosende Gewandhausorchester zwar zuweilen fast etwas brachial, doch übertönt es nie die Einzelstimmen oder den Chor der Oper Leipzig, der ausgewogen und akkurat die umfangreiche Partie meistert (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint).

Geschichte von Geschichten

Richard Wagner dienten als Inspiration für den 'Fliegenden Holländer' neben einer eigenen Seereise ganz besonders Heines 'Memoiren des Herren von Schnabelewopski'. Deren Protagonist beschreibt unter anderem eine Theateraufführung des Holländer-Stoffs in Amsterdam. Djikema kehrt dieses Verhältnis gewissermaßen um, lässt Ausschnitte der 'Memoiren' als Textprojektionen das Bühnengeschehen kommentieren und ergänzen. Zugleich referenziert die Szene Handlungselemente der Heine-Vorlage. Die holländische Blondine etwa, die Schnabelewopski während seines Theaterbesuchs mit Orangenschalen bewirft, materialisiert sich als ‚Mädel‘, das der Steuermann träumerisch besingt. Ein Geflecht von Geschichten formt eine Schichtung von Erzählebenen.

Mit Witz und Ton

Prägnant ist die humoristische Note, die Djikema einstreut. Hierzu trägt unter anderem besagter Steuermann bei, den Dan Karlström regsam und stimmkräftig als amüsanten Sidekick und manchmal auch Identifikationsfigur des Publikums gibt. Nicht minder sympathische Einfalt schenkt Randall Jakobsh dem geruhsamen Kapitän Daland. Die stimmliche Fülle überzeugt, doch gerät der Sitz teils zu weit nach hinten, sodass besonders in der Höhe der klangliche Kern im Hals versinkt. Stimmliche Probleme zeichnen sich aber einzig bei Ladsilav Elgr ab, der als Eric im 3. Aufzug mit einigen melodischen Brüchen ins Finale stolpert. Zuvor konfrontiert er Senta und den Holländer im Schlafzimmer und ja, bei diesem Anblick hört der Spuk endgültig auf: nicht nur Senta, sondern auch der Holländer – in Unterwäsche! Regisseur Djikema entreißt die Handlung dem ewigen Strudel hochtrabender Weltschmerztragik und wirft sie in den zeitlosen Lebensalltag. Er gestaltet Aspekte aus, die ein Liebesdrama über Treue, Leidenschaft und Aufopferung zum Vorschein kommen lassen.

Charmanter Spuk

Dementsprechend erscheint auch der Holländer von Anfang an eher menschlich, ja geradezu bemitleidenswert und weniger furchteinflößend, weshalb die zarten Töne, denen Iain Paterson Raum gewährt, die lyrischen Nuancen, sich wohlgeformt einfügen. ‚Voll Überdruß‘ wirft ihn zu Beginn das Meer mit drei Pottwalen an Land, deren pralle Rümpfe mit den Schätzen des gefürchteten Freibeuters gefüllt sind. Auch die Spinnstube setzt auf Bildgewalt: Hinter den Frauen rotiert eine gewaltige industrielle Spindel. Senta indessen starrt das leere Bild des Holländers an, das sie in Händen hält. Christiane Libor verleiht ihr eine schwere, aber nicht schwerfällige Stimmgewalt. Während ihr im zweiten Akt noch die Phrasen-Enden verrutschen, feuert sie durchwegs Spitzentöne von eleganter Präzision. Ihr zur Seite Mary, die Karin Lovelius solide gibt.

Illusionist des Theaters

Den Höhepunkt des Bühnenspektakels bildet ohne Zweifel das Geisterschiff, das zu Beginn des dritten Akts sogar für Szenenapplaus sorgt – und das bei Wagner! Nur für einen kurzen Moment auf der Bühne erfüllt es seinen Zweck vollends – an die Rampe geschoben überschattet der Bugmast, weit über den Orchestergraben ragend, locker die ersten sechs bis sieben Reihen des Parketts. Da kann einem nur die Luft wegbleiben. Auf dem Schiff: die untote Mannschaft des Holländers, wie sie umhertollt und die Kanonen bedient. Schnell ist man erinnert an die Geisterpiraten aus Disneys Erfolgsreihe 'Fluch der Karibik', die in ähnlicher Weise trotz des düsteren Rahmens durch – zumindest im ersten Teil intelligenten – Humor unterhält und ebenso mit allerlei Effekten fesselt.

Der neue 'Holländer' an der Oper Leipzig liefert keine tiefenpsychologische Studie, keine philosophische Weltschau. Solch ein Anspruch läge ihm fern. Djikema zeigt schlichte Figurenbeziehungen und verfolgt ein Bildertheater im besten Sinne, das die Magie der Bühnenmaschinerie mit höchster handwerklicher Bravour zum Leben erweckt. Bei Filmen stellt man sich in Zeiten des CGI immer seltener die Frage, wie etwas gemacht wurde. Aber ist dies – bei all dem gelungenen Minimalismus und der gekonnten Psychologisierung – nicht das, was das Theater ausmacht? Der Zauber der Bühne.

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Kritik von Theo Hoflich

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Der fliegende Holländer: Romantische Oper in drei Aufzügen

Ort: Oper,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Chor der Oper Leipzig (Chor), Ulf Schirmer (Dirigent), Gewandhausorchester Leipzig (Orchester)

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