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Mittwoch, 16. Oktober 2019

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Wolfgang Koch (Hans Sachs), Copyright: Bernd Uhlig

Wolfgang Koch (Hans Sachs), © Bernd Uhlig

Barenboims 'Meistersinger' zu den Festtagen 2019

Wie duftet doch die Hanf-Plantage...

Nun sind die festlichen Deutsche-Wiedervereinigungs-'Meistersinger' der Staatsoper mit Verspätung doch noch da angekommen, wo sie von Anfang an hinsollten – nämlich ins Hause Unter den Linden. Wir erinnern uns: 2015 sollte mit der Neuproduktion von Regisseurin Andrea Moses die Rückkehr der Staatsoper ins frisch renovierte Stammhaus gefeiert werden, am Tag der deutschen Einheit. Da aber die Renovierung Unter den Linden noch nicht abgeschlossen war, fand die Premiere am 3. Oktober im Schiller Theater statt. Deutschlandfahnen durften trotzdem in Hülle und Fülle geschwenkt werden.

Vier Jahre später findet nun im Rahmen der Festtage rund um Ostern der Transfer nach Mitte statt. Dafür kam viel internationales Publikum, das Haus war restlos ausverkauft. Reisefreudige Wagnerianer aus Übersee konnten sich erst die Thielemann-Neuproduktion in Salzburg anschauen und dann die in Berlin mit Konkurrent Barenboim und der Staatskapelle Berlin. Da sein vorgesehener Stolzing (Burkhard Fritz) krank wurde, sprang kurzerhand Klaus Florian Vogt ein, der am Abend zuvor in Salzburg auf der Bühne gestanden hatte, der aber auch die 2015er Premierenbesetzung in Berlin gewesen war. Diesen Doppel-Stunt macht ihm sicher so schnell niemand nach.

Alte Meister

Eine Besonderheit der Produktion war von Anfang an, dass man für die ‚Meister‘ ein All-Star-Team von verdienten Wagner-Recken aufgeboten hatte: Graham Clark als Kunz Vogelgesang, Siegfried Jerusalem als Balthasar Zorn, Reiner Goldberg als Ulrich Eisslinger, Franz Mazura als Hans Schwarz und Olaf Bär als Hans Foltz. Dieses Team stand nun wieder auf der Bühne und gab dem Ganzen durch seine Präsenz die Aura des Außergewöhnlichen. Die älteren Herren hatten auch sichtlich Spaß an der Sache und sorgten mit ihrem Spiel und ihren Ensembles für viel Witz; besonders Graham Clark ließ es sich nicht nehmen, in seinen kurzen Einwürfen alle anderen zu überstrahlen, danach musste er scheinbar selbst lachen, dass ihm das noch gelingt. (Ich musste auch lachen, weil es mich an so viele wunderbare Abende mit ihm erinnerte.)

Aber natürlich geht niemand ernsthaft wegen der Alten Meister in sechs Stunden Wagner. Oder? Unglücklicherweise war das übrige Solistenteam rein vokal gesprochen kein besonderes Ereignis: Matti Salminen war ebenfalls eingesprungen als Veit Pogner und klang wie der Schatten seiner selbst, trotz beachtlicher Bühnenpräsenz. Obwohl ich auch ihn wegen der Erinnerung an viele grandiose Abende sehr liebe, war es ermüdend, ihm zuzuhören. (Ein vereinzeltes Buh schallte ihm deswegen am Ende entgegen.) Dazu kam ein gleichfalls müder Fritz Kothner (Jürgen Linn), der die ganze Singschulszene – hier als Board Meeting von deutschen Wirtschaftsbossen inszeniert, vor kreisendem Mercedes-Stern – recht glanzlos daherkommen ließ.

Person of Color

Der Glanz wurde auch von Klaus Florian Vogt nicht geliefert, denn der sah zwar blendend aus, klang aber (verständlicherweise) nicht sonderlich frisch. Er musste wirklich ‚arbeiten‘, ballerte seine Heldentenortöne heraus, beeindruckte damit auch, verzauberte aber nicht. Jedenfalls nicht so, wie ich das früher öfter mit ihm erlebt habe mit dieser Rolle. Während Siyabonga Maqungo ein silbrig timbrierter und interessanter David war, auch als einzige Person of Color zwischen all den ‚weißen‘ Darstellern, wirkte er im Spiel viel zu befangen, um die endlos langen Regelerläuterungen im ersten Aufzug erträglich zu machen. Und das, obwohl Andrea Moses detailliert mit allen Sängern gearbeitet hat und die Spielfreude ein großes Plus der Produktion ist. (Über die Wirtschaftsbosse-Interpretation kann man streiten; aber ich setze die Qualitäten der Inszenierung hier als bekannt voraus.)

Party auf dem Dach

Bleiben die jugendlich-strahlende Julia Kleiter als Eva (die aber das Quintett nicht ganz so strahlend aussang) und Katharina Kammerloher als sexy Magdalena auf der Plus-Seite des Abends. Und Wolfgang Koch als Hans Sachs? Vielleicht hätte er mit eindrucksvoller vokaler Autorität die Aufführung insgesamt tragen können. Aber für mich klang auch er durchweg müde und musste sich die Töne förmlich aus dem Leib pressen. Und das, obwohl Barenboim vorbildlich dafür sorgte, dass die Sänger sich niemals überanstrengen mussten, um gegen das Orchester anzusingen. Dennoch verfiel Koch in eine Art monochromen Einheitsstil, der kaum textliche noch sonstige Nuancen zuließ. Auch nicht beim besungenen Flieder, der hier eine Hanf-Plantage auf dem Dach des Kaufhauses Sachs ist. Immerhin: Hübsch anzusehen war das mit der Neon-Werbung (‚Sachs‘, ‚Pogner‘, ‚Nürnberger‘), solange man sich nicht mit Fragen der Logik aufhält, warum in Nürnberg plötzlich alle auf diesem Partydach auftauchen und dort Regenbogenfahnen, Hertha-Fahnen, Reichsdeutschefahnen usw. schwingen, während sie aufeinander einprügeln (Bühnenbild: Jan Pappelbaum, Kostüme: Adriana Braga Peretzki).

Da konnte letztlich ein exzellenter Beckmesser (Martin Gantner) im Alleingang nur wenig ausrichten. Und Barenboim selbst – vom Publikum umjubelt, als sei es eine Demonstration der Unterstützung, kurz nach dem Skandal um seinen Führungsstil – schien auch nur eine vom Blatt gespielte Lesart abzuliefern, der der große Atem und Spannungsbogen fehlte (besonders auffallend in der Ouvertüre und im Quintett). Bei der Festwiese warf er sich und den Chor mächtig aus der Kurve ('Wachet auf'), was auf mangelnde Probenzeit hindeutet. Er hatte ja am Abend davor die Prokofjew-Premiere 'Verlobung im Kloster' dirigiert und am Abend davor die Wiener Philharmoniker. Selbstverständlich besitzt er genug Routine, um die 'Meistersinger' trotzdem einigermaßen souverän zu Ende zu bringen.

Soziales Event

Dennoch wurde der Abend gefeiert und läuft noch zweimal bei den Festtagen, inklusive Ostersonntag. Als soziales Event fand ich es eindrucksvoll, zwischen einem derart kosmopolitischen und glanzvollen Publikum zu sitzen. Aus Nostalgie fand ich es gleichfalls wunderbar, die Alten Meister noch einmal in dieser Form zu erleben. Auch deshalb, weil ich mit vielen von ihnen an der Staatsoper und mit Barenboim als Dirigent unvergleichliche Abende erlebt habe (Clark/Jerusalem in 'Siegfried', Goldberg im 'Parsifal' usw.). Als heutiges Wagner-Ereignis zu Sonderpreisen kann ich die 'Meisteringer' nur zurückhaltend empfehlen. Und das schmerzt schon ein bisschen, Jubel hin oder her.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Die Meistersinger von Nürnberg: Die Andrea-Moses-Inszenierung Unter den Linden

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Daniel Barenboim (Dirigent), Andrea Moses (Inszenierung), Staatskapelle Berlin (Orchester), Julia Kleiter (Solist Gesang), Graham Clark (Solist Gesang), Klaus Florian Vogt (Solist Gesang), Wolfgang Koch (Solist Gesang)

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