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Mittwoch, 17. Juli 2019

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Anna Laudere als Marguerite und Edvin Revazov als Armand in "Die Kameliendame", Copyright: Wilfried Hösl

Anna Laudere als Marguerite und Edvin Revazov als Armand in "Die Kameliendame", © Wilfried Hösl

'Die Kameliendame' im Münchner Nationaltheater

Dauerhaft etabliert

Dass er mit seiner Idee einer choreographischen Umsetzung von Alexandre Dumas‘ 'Kameliendame' einen derart großen Wurf und Welterfolg landen würde, konnte John Neumeier anlässlich der Stuttgarter Premiere dieses Stücks im Jahr 1978 sicherlich noch nicht ahnen. Zwar erst knapp 20 Jahre später kam es erstmals in München auf die Bühne, die seither 103. dortige Aufführung am Samstagabend zeugt aber davon, wie dauerhaft etabliert dieses Ballett inzwischen ist. So hat sich auch die Titelpartie längst zum Traum einer jeden Ballerina entwickelt, Anna Laudere war es in diesem Monat vorbehalten, darin als Gast aus Hamburg ihr Rollendebüt beim Bayerischen Staatsballett zu geben. Erwartbar glanzvoll gelingt es ihr auch in München, das Innerste der Figur der Marguerite Gautier nach außen zu kehren und bis in jede Faser ihrer Bewegungen perfekt zu verkörpern.

Sinnlich ausgekostet

Anmutig verliebt schwebende Eleganz auf der einen, physische Zerbrechlichkeit auf der anderen Seite – in beiden Seelenzuständen strahlt sie in allen anspruchsvollen Schritten und Spielphrasen technische Souveränität im Einklang mit schauspielerischer Präsenz aus. Gedrehte Arabesken und Développés führt sie makellos vor, bis in ihre Mimik und Gestik hinein liebt und leidet man mit ihr mit. An ihrer Seite und wie sie beim Hamburg Ballett groß geworden: Ehemann Edvin Revazov als Armand Duval, der die Besetzung des ersten Solopaars ideal komplettiert. Ob es nun an der nicht alltäglichen Konstellation ihrer gleichzeitig privaten Liaison im echten Leben liegt oder nicht – vom ‚blauen‘ über den ‚weißen‘ bis hin zum ‚schwarzen‘ Pas de deux harmonieren beide bestens und können sich tänzerisch blind aufeinander verlassen. Akrobatik und Leidenschaft sind in den sinnlich ausgekosteten Hebe- und Tragefiguren mit schwebender Horizontale Trumpf. Auch im Alleingang weiß Revazov zu überzeugen. Mit energischer Impulsivität und stabiler Körperspannung gelingt ihm eine eindrückliche Darstellung seiner aufgewühlten Gefühls- und Gedankenwelt ob des Trennungsbriefs. Auch die Demi-Solisten und das Corps de Ballet agieren auf hohem Niveau.

Profilscharf

Neumeiers Konzept ist (obwohl seinerzeit eher unter Zeitdruck entstanden) bis ins Detail durchdacht: Handlungsstränge sind stringent erzählt, die Personen profilscharf charakterisiert. Dazu kommen ästhetisch geformte Bilder und nostalgisch-edle Kostüme, für die Altmeister Jürgen Rose verantwortlich zeichnet. Selbst die Idee des über längere Strecken hinweg schicksalhaft still am linken Bühnenrand sitzenden Monsieur Duval erweist sich als im Gesamtkontext aufgehender, die Szenerie – nur scheinbar widersprüchlich – mit parallelem Leben erfüllender Kunstgriff. Bis in eine ausgelassene Kissenschlacht hinein wird das pralle, bunte Pariser Leben des 19. Jahrhunderts auch sonst in vollen Zügen nachempfunden. Weiterer Glücksgriff Neumeiers und zweifellos mitursächlich für die Erfolgsgeschichte: Die Auswahl der Stücke von Chopin, für die er sich (rückblickend glücklicherweise) statt seiner ursprünglichen Idee, eine Bearbeitung der Opernmusik zu verwenden, letztlich entschied. Nicht alle davon, namentlich die Ecksätze des f-Moll-Konzerts op. 21 oder die g-Moll-Ballade op. 23, werden in der pianistischen Umsetzung überall den virtuosen Anforderungen des Klaviersatzes ganz gerecht. Das fällt aber insgesamt nicht weiter ins Gewicht, am Ende des Tages bzw. Abends steht die Erkenntnis: Egal, wie oft schon gespielt – diese Produktion ist und bleibt unbedingt sehenswert.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Die Kameliendame: Ballett von John Neumeier

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Frédéric Chopin

Mitwirkende: John Neumeier (Choreographie)

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