> > > > > 02.02.2019
Donnerstag, 27. Juni 2019

1 / 9 >

Opéra de Lyon, Copyright: Bertrand Stofleth

Opéra de Lyon, © Bertrand Stofleth

'Aus einem Totenhaus' in Lyon

Adler ohne Hoffnung

Die Opéra de Lyon zeigt die letzte Vorstellung von Leoš Janáčeks 'Aus einem Totenhaus' aus der Sicht des polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski. Die Inszenierung von Janáčeks letztem Opus wurde vom Théâtre Royal de la Monnaie übernommen und feierte im April 2018 am Royal Opera House London Erfolge. Jetzt in Lyon angekommen, zeigt sie in der Radikalität, ja schonungslosen Neudeutung von Regisseur Warlikowski bemerkenswerte Facetten der Themen Gewalt, Trauer, Einsamkeit und Überwindung der Sprachlosigkeit mit Hilfe aller Formen des Spiels. Warlikowski benutzt dazu Theater und Tanz, in dieser Inszenierung explizit Breakdance und Hip-Hop.

Das 'Totenhaus' forderte immer schon unterschiedliche Sichtweisen heraus, sei es als soziales Brennpunkt-Stück in München (Frank Castorf) oder als Psychothriller in Frankfurt (David Hermann), der den politischen Gefangenen Gorjantchikow als verfolgten Journalisten sah. Warlikowskis Regiearbeit ist mehr: ein schillerndes, mehrschichtiges Gesamtkunstwerk, das in seinem farbenfrohen Realismus kollektive Leidens- und Verdrängungsmechanismen offenlegt. Es nähert sich konsequent Fjodor Dostojewskis 1862 erschienener Erzählung 'Aufzeichnungen aus einem toten Haus' an, in welcher der Dichter seine vierjährige Gefangenschaft als politischer Häftling in Sibirien verarbeitete. Dostojewskis Credo lautet, den Menschen im Menschen finden zu müssen, um den brutalen, ausweglosen Seelenschmerzen in der Unfreiheit zu entkommen. Janáčeks 'Aus einem Totenhaus', aufgeführt 1930, ist ein klingendes Zeugnis, das mehr einem Oratorium gleicht. Es ist eine Oper ohne Handlung sozusagen. Janácek selbst verfasste das Libretto.

Warlikowskis Inszenierung ist zudem ein leichtfüßiges, quirlig daherkommendes Spektakel, das aber im tiefen Inneren Janáček ‚schwarzer Oper‘ (wie der Komponist seine Oper nannte) sehr gerecht wird und die Zeile über der Partitur ‚In jeder Kreatur ein Funken Gottes‘ bestätigt. Seine Introspektion kann als visionärer Gegenpol zu Patrice Chéreaus legendärer Inszenierung aus dem Jahr 2007 bei den Wiener Festwochen gelesen werden und hat das Potenzial zum Regietheater-Klassiker.

Ein Adler ohne Hoffnung

Ein grauer Hinterhof im Halbdunkel. Ein auf die blanke Wand gezeichnetes junges Gesicht starrt traurig ins Geschehen. Daneben hängt ein Basketballkorb. Ein Ball dotzt auf. Der Spieler dribbelt, wirft, fängt, wirft. Freiheit will er fühlen im Spiel, Mensch sein. Später wird ihm ein Bein gebrochen. Seine Hoffnung, Freiheit zu schmecken, ist zerstört. Er ist das Symbol für den Adler in Janáčeks Oper, in welcher die Gefangenen einem Adler die Flügel brechen und der, nach seiner Genesung, wieder in die Lüfte aufbricht. Ein starkes Bild! Jetzt wandelt sich der Hinterhof in die heruntergekommene Sporthalle eines Gefängnisses. Links: ein länglicher, sich drehender Drahtkäfig, der mal als Kommandantenbüro, mal als Theaterkasten fungiert, in welchem sich die Insassen verkleiden und zu monströsen Figuren eines überdrehten Spiels im Spiel werden. Rechts befindet sich eine Tribüne für das illustre Knast-Publikum. Später wird ein schäbiger Krankensaal hinzu gezaubert (Bühne von Małgorzata Szczęśniak).

Zuvor hat der Philosoph Michel Foucault via Video über ‚Überwachen und Strafe‘ doziert. In den Zwischenakten spricht ein Todeskandidat von seinen Ängsten. Die Worte sind nicht hörbar, werden aber als Banner auf das Video gebeamt. Dazu kommen Klageschreie aus dem Orchester, das tiefe und gespreizte hohe Klänge aus dem Graben schleudert. Ein leidender Körper, der sich aufbäumt, um viel Licht zu atmen. Die grellen Astraltöne schon zu Beginn der Oper, wenn offene hohe Streicher insistierend das Freiheitsthema in die Stille werfen, sind Aufruhr und Mahnmahl zugleich. Es sind die Seelenzustände gequälter Kreaturen.

Der junge argentinische Dirigent Alejo Pérez hat die wegweisende Werkausgabe von John Tyrell zur Hand und malt mit äußerster Behutsamkeit, ja kenntnisreicher Beharrlichkeit alle naturalistischen Klangfarben der Partitur aus. Fantastisch musizieren die Soloinstrumente: die fett vibrierende Sologeige, krächzend-ächzende Klarinetten, düstere Hörner oder das bedrohlich an ‚Knochenmannmusik‘ erinnernde Xylophon. Irritierende Töne und Sprachmelodien, die auf der Bühne ihre famose Entsprechung erfahren. Denn Lyons musikalisch exzeptionelles 'Totenhaus' besticht durch eine große Garde an ausdrucksstarken Sängerdarstellern, welche die Figuren in ihrer Komplexität begreifen. Es sind doppelgesichtige Antihelden mit mehr oder weniger Rückgrat, die in ihrer Einzigartigkeit zwar Würde und Hoffen entbehren, aber Kreaturen sind, die, um mit Janáček zu sprechen, den ‚Funken Gottes in sich tragen‘. Warlikowski zeigt in seiner ausgefeilten Personenregie, dass jeder einzelne Insasse von Bedeutung ist.

Famoses Ensemble

Allen Sängern voran besticht Sir Willard White, der den Gorjantchikow mit emotionaler Wärme und Noblesse interpretiert. Dieser ist ein politisch Gefangener, der bei seiner Ankunft vom Kommandanten gedemütigt und von den Mithäftlingen gequält wird. Das Duett mit dem jungen Tataren Aljeja berührt (einfühlsam-mild: Pascal Charbonneau). Graham Clark gestaltet den ganz alten Sträfling als lebenserfahrenen, beschützenden weisen Mann und macht schaudern, wenn dieser mit fast ängstlicher Stimme die Worte ‚Auch ihn hat eine Mutter geboren‘ beim Tod eines Insassen spricht. Clark ist ein begnadeter Sänger mit einer famosen Bühnenpräsenz. Dunkel-grausam intoniert Alexander Vassiliev den Lagerkommandanten, der am Ende reuevoll wird und Gorjantchikow entlässt. Fantastisch ist Nicky Spence als großer Sträfling. Seine überschäumende Exaltiertheit macht deutlich, in welch höllischer Ausweglosigkeit alle leben, und dass alle überagieren müssen, um ihrem Schmerz zu entkommen. Betörend ordinär als Dirne im Hot-Pant-Cowboydress ist Natascha Petrinsky. Aus dem stattlichen Ensemble ragen die drei Monologe von Skuratov, Filka und Siskov heraus. Ladislav Elgr als Skuratov schildert eindringlich mit schönem Tenor den Mord am Zwangsverlobten seiner großen Liebe Luise. Luka (Filka), der einen sadistischen Offizier tötete, wird mit leidenschaftlicher Verve von Stefan Margita gegeben. Höhepunkt ist die intensive Erzählung Siskovs. Karoly Szemeredy gibt den Mörder an seiner untreuen Frau mit aufbäumender, einfühlsamer Intensität. Er wirkt wie ein Koloss von Mann, der innerlich zerbrochen ist. Am Ende gab es überschäumenden Applaus für diese musikalisch spannende und szenisch herausfordernde Ausnahmeproduktion.

Auf meiner Rückfahrt vom Hotel zum Flugzeug sprach der Taxifahrer von einem formidablen Spektakel in Form eines modernen Serien-Gefängnisdramas, das er am Abend in der Oper gesehen habe. Seine Frau und er seien immer noch sehr aufgewühlt, innerlich betroffen und berührt. Janáčeks 'Totenhaus' ist bei den Menschen angekommen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Barbara Röder

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Aus einem Totenhaus: Leos Janacek

Ort: Opéra national,

Werke von: Leos Janácek

Mitwirkende: Alejo Pérez (Dirigent), Orchestre de l'Opéra de Lyon (Orchester), Krzysztof Warlikowski (Regie), Willard White (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Bisherige Kommentare:

  1. Präzise Charakterisierung der schwarzen Oper
    Leider konnte ich das "Totenhaus" von Janacek in Lyon nicht besuchen, der Bericht hat mich aber so neugierig gemacht, dass ich mir die Oper bei einer eventuellen Wiederaufnahme unbedingt anhören und ansehen werde.
    Nutzer_ESHOIRX, 07.02.2019, 12:38 Uhr

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich