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Freitag, 18. Januar 2019

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Dirigent Kevin John Edusei leitet das Neujahrskonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, Copyright: Kai Bienert

Dirigent Kevin John Edusei leitet das Neujahrskonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, © Kai Bienert

Das Neujahrskonzert des DSO im Zirkus Roncalli

Pure Poesie

Meine 16-jährige Nichte ist eines meiner Lieblingsstudierobjekte, wenn es um die Beziehung von Teenagern zu Klassischer Musik geht. Denn das Kind liebt Musik, liebt Theater, Tanz und Show, aber sie hasst sogenannte ‚Klassik‘. Weil sie dazu laut eigener Aussage keinerlei Beziehung hat und das Ganze deswegen langweilig findet. In ein Konzert des Deutschen Symphonie Orchesters müsste man sie schon an Händen und Haaren schleifen. Umso erstaunlicher ist es, wenn sie von alleine fragt, ob ich nicht Karten für das DSO-Konzert am 31. Dezember oder 1. Januar besorgen könnte.

Es handelt sich dabei um die drei traditionellen Silvester- und Neujahrskonzerte des DSO im Zirkus Roncalli. Bei dem scheinbar andere Regeln gelten als sonst. Nicht nur, weil man mit Popkorntüte in der Hand im Tempodrom statt der Philharmonie sitzt, der Musik in Kombination mit Lichtshow lauschen kann und letztes Jahr sogar eine Nummer aus 'Harry Potter' auf dem Programm stand. (Das Kind war aus dem Häuschen; Ohren und Augen leuchteten auf.) Die Hauptattraktion ist aber, dass es zu den Musikstücken Zirkusartisten zu bewundern gibt, die eine grandiose Vorführung zu klassischen Klängen liefern – und damit eine mentale Blockade bei all jenem durchbrechen, die ‚Klassik‘ partout blöd finden.

Manege frei

Denn beim Silvester- und Neujahrskonzert ist die Klassik quasi der Soundtrack im Hintergrund, das Publikum applaudiert den Darbietungen in der Manege immer wieder, völlig ungeachtet der musikalischen Struktur. Das schafft: Entspannung. Und es funktioniert gut. Weil es einer Alltagsrealität vieler Menschen entspricht, die genau so Musik hören: zuhause, in der U-Bahn, im Bus. Letztes Jahr standen Musicalklassiker auf dem Programm, mit Dirigent John Wilson und Sängerin Kim Criswell. Gemischt mit vielen populären Klassikern, auch aus dem Filmbereich. Für den Jahreswechsel 2018/19 war Dirigent Kevin John Edusei engagiert, der sich zusammen mit Sopran Jeanine De Bique für ein deutlich ‚konservativeres‘ Programm entschieden hatte. Es fing an mit Wagners 'Fliegender Holländer'-Ouvertüre und führte sofort zu entnervten Blicken meiner Sitznachbarin. Denn die Wagner-Klänge wurden pur dargeboten, also ohne Akrobaten. Und der Klang im Tempodrom war so, als würde man einer Schrammelkapelle aus der tiefsten Provinz zuhören.

Spazierfahrt durch Moskau

In dem Häppchenformat, das solch ein Zirkusambiente verlangt, funktionierten die Nummern von Dmitri Kabalewski (Ouvertüre zu 'Colas Breugnon') oder Dmitri Schostakowitsch ('Spazierfahrt durch Moskau' aus 'Moskau Tscherjomuschki') wesentlich besser. Auch fand das Orchester dabei zunehmend zu gewohnter Klangklasse. Die Idee, die Sopranistin mit zwei Gounod-Koloraturarien aus 'Roméo et Juliette' und 'Faust' ins Rennen zu schicken, kann ich nicht wirklich als geglückt bezeichnen. Die Nummern passten kaum in den Rahmen des Abends, die charmante Sängerin aus Trinidad wirkte stimmlich viel zu wuchtig und schwerfällig. Sie dann im zweiten Teil auch noch 'Glück, das mir verblieb' aus Korngolds 'Toter Stadt' zu einer Trapeznummer vom Duo Rose singen zu lassen, wo alle 30 Sekunden in die Musik reinapplaudiert wurde, empfand ich als unfair der Sängerin gegenüber, nicht zu Korngold passend und einfach völlig daneben. (Es gibt durchaus Vokalmusik, die solch eine Kombination verträgt, aber diese Arie zählt nicht dazu.)

Das vierte Vokalsolo, André Previns 'The Town Is Lit' aus dem Liederzyklus 'Honey and Rue' (ohne Akrobaten) hatte zwar schöne Soul-Momente, war aber definitiv auch deplatziert. Die vier Jugendlichen in der Reihe vor mir gähnten und gruben sich in ihre Popkorntüten ein. Trotzdem bekam Jeanine De Bique viel Jubel, auch von der Popkornfraktion, vielleicht weil ihre Art zu singen aus einer gänzlich anderen Welt kommt als – Pop. (Kim Criswell traf da zuletzt den Crossover-Ton besser.)

Clair de lune

Wenn Musik und Darbietung zusammenpassten, dann entstanden aber auch diesmal magische Momente: Der Säbeltanz aus Chatschaturjans Ballett 'Gayaneh' machte zusammen mit den Airtrack Jumpers enormen Eindruck, die 'Carmen'-Ouvertüre mit den Cedeño Brothers aus Südamerika war ein Knaller. Und die turmhohe Stuhl-Balancier-Nummer von Kong Haitao zu Debussys 'Clair de lune' im Orchesterarrangement von Leopold Stokowski, kombiniert mit der 'Nimrod'-Variation von Edward Elgar, war Poesie pur. Für solche Momente – bei denen fast alle Zuschauer unter 18 in meinem Umfeld ihre Handys zückten und filmten, um das anschließend mit Freunden zu teilen – lohnte der Besuch. Definitiv. Die Musikauswahl empfand ich in den Einzelmomenten des Orchesters als unglücklich, auch die 'Karneval'-Ouvertüre von Dvořák nach der Pause. Der Raum gibt für solche Stücke nicht die Akustik her, auch nicht die nötige Konzentration. Dafür war immerhin mit 'Pirates of the Carribean' eine Nummer dabei, bei der meine Nichte sofort sagte: ‚Ah… das kenne ich!‘

Balanceakt und Brahms

Auf den Sitzen lagen übrigens Werbepostkarten für den Brahms-Zyklus des DSO im Februar, mit Robin Ticciati. Wenn ich mir vorstelle, dass meine Nichte daran auch nur ein entferntes Interesse entwickeln sollte, dann wäre vermutlich eine Kombination von Brahms mit 'Pirates' oder 'Harry Potter' besser geeignet, um DSO-Fans der Zukunft anzulocken, statt ein Psalm von Schütz oder 'Trois strophes sur le nom de Sacher' von Dutilleux. Aber vielleicht geht das Interesse des DSO an neuen Zuschauergruppen nicht so weit. Wer weiß? Jedenfalls bleibe ich ein Fan dieser Silvester- und Neujahrskonzerte, auch weil‘s sonst im Berliner Klassikbetrieb selten Coplands 'Rodeo' oder diese ganzen Kabalewski- und Chatschaturjan-Nummern zu hören gibt (z.B. den Galopp aus 'Die Komödianten'). Und den atemberaubenden Balanceakt vom Trio Simet in weißen Space-Anzügen zu Strauss‘ 'Also sprach Zarathustra' möchte ich auch nicht missen. Gerade da zeigte sich, dass manche Musikstücke solche Kombination mit Optik und Akrobatik (und Popkorn) gut vertragen.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Silvesterkonzert mit Kevin John Edusei: In Zusammenarbeit mit Circus Roncalli

Ort: Tempodrom,

Werke von: Richard Wagner, Dmitri Kabalewski, Charles Gounod, André Previn, Aram Chatschaturjan

Mitwirkende: Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (Orchester)

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