> > > > > 19.09.2003
Samstag, 4. Dezember 2021

Wolfgang Amadeus Mozart

'Idomeneo' konzertant mit dem BPhO

Ein Idomeneo nach Maß

Eigentlich fungiert Salzburg als die Opernplattform der Berliner Philharmoniker. Diesmal war es die laut Riccardo Muti ‘beste Konzerthalle der Welt’, das Luzerner Kultur- und Kongresszentrum (KKL) im Rahmen des Lucerne Festival, welches die glorreiche Bühne abgab für eine konzertante Aufführung von Mozarts Oper ‚Idomeneo, Re di Creta’ KV 366. Allerdings war es nicht die Premiere dieser Produktion. Die fand am 13. September 2003 bei einem Sonderkonzert in Berlin statt.

Trotz allem, die akustischen Bedingungen des KKL toppen diejenigen der Berliner Philharmonie noch einmal, und gerade in den vorderen Parkettreihen erlebt der Hörer die Musik so intensiv, wie kaum anderswo. Das lag zweifelsohne auch an den durchweg hochkarätigen, handverlesenen Solisten, die mit den Berliner Philharmonikern musizierten. Allen voran Idomeneo, den der britische Startenor Philip Langridge verkörperte. Er vereinigte in sich vollkommen jene gebrochene Gestalt des Königs von Kreta, der Siegeswillen, Macht- und Herrschsucht, Schicksal aber auch Gefühl und Verletzlichkeit in sich gleichermaßen trägt. Langridge verfügt über jene majestätisch-weite Stimme, die ihn zur Idealbesetzung dieser Figur erhob. Sein Geständnis dem Volk gegenüber – Sohn Idamante solle das Opfer sein – avancierte zu einer der ausdrucksgewaltigsten, anrührendsten Passagen im fast vierstündigen, hochdramatischen Opernmarathon.

Ebenso stark, ja überragend die Performance jenes Idamante (in Hosenrolle: Magdalena Kožená), die schlicht gekleidet, eher einen Mann des Gefühls darstellte. Kožená war irgendwie die zu Mozarts Entwurf passende, knabenhafte Erscheinung. Sie changierte mit Empfindungen, beherrschte ihre Stimme vollendet, überzeugte mit enormen Crescendi und forcierte im Secco-Rezitativ-Duett mit Ilia die Dramatik; eben jener Ilia, Prinzessin der von den Griechen besiegten Trojaner, die Idamante liebt. Die stimmlich hochbegabte Christiane Oelze, die schon im Duett mit Thomas Quasthoff bei der Deutschen Grammophon Furore machte, spielt mit Spürsinn für die weichen Faktoren der Rolle. Die Kölnerin markiert unaufdringlich, mit dezenter Haltung und größtmöglicher Innerlichkeit diese Partie. Wirklich gefühlsecht und ungestelzt zeigte sie großes musikalisches Können.

Anne Schwanewilms als Ilias Widersacherin Elettra ist da abgebrühter: Ihre große Opernerfahrung, die sie voll ausspielt, ist ihr dabei von Nutzen. Die pikante Konstellation dabei: Leicht ältere Frau (Schwanewilms als Elettra) liebt verbissen jüngeren Mann (Kožená als Idamante)! Mit ihrem etwas metallischen, glasklaren Sopran entsprach sie völlig jenem Typ Frau, der sich unter hohen persönlichen Druck setzt, um etwas zu erreichen: Hier, das Herz des Thronfolgers. Das Ziel scheint nahe, Vater Idomeneos Befehl an den Sohn zum Verlassen Kretas scheint unumstößlich, doch wie so oft, verlässt es die Siegesgewissesten wenige Meter vor dem Erreichen der Ziellinie: Gepeinigt will Elettra – so singt sie schmerzerfüllt am Schluss - ihrem Bruder Orest in die Abgründe folgen ... zu ewigen Tränen! Dämonisches Schaudern übermannt das Publikum, als die Schwanewilms diese Wendung verkündet, angetrieben vom rastlos rasenden Sir Simon Rattle, dessen Sache eindeutig die Musik ist.
Sein Orchester lenkte er wie aus einem Guss, ambitioniert und konsequent. Der qualitative Abstand zu den deutschen Rundfunk-Sinfonie-Orchestern und Opernorchestern wurde einmal mehr wieder klar. Hier, bei den Berliner Philharmonikern wird Oper ganzheitlich gedacht und sehr einheitlich gespielt. Nicht unbedingt so scharf und hell, wie man es von Harnoncourts Züricher Aufführungen gewohnt ist, dafür aber mit dem symphonischen Turbo. Geigenklänge fallen hier so aus, dass man glaubt, der Klang käme von nur einem Instrument. Dirigiertechnisch findet Rattle Mittel, das leiseste Pianissimo dynamisch noch zu unterschreiten, weil er weiß, dass nur das wirklich leise Spiel dementsprechende Seelenzustände auf das Publikum übertragen kann. Ebenso wie er auch Fortefortissimo-Schläge kunstvoll zu platzieren vermag, die einen Ruck durch das Auditorium gehen lassen. Die Hörner blasen ohne Kiekser, Posaunen kündigen wirkliche Orakel an, dass einem der Atem stockt.

Das ist Luzern. Das ist Qualität. Das ist gut so.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Lucerne Festival: 'Idomeneo' konzertant

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Sir Simon Rattle (Dirigent), Berliner Philharmoniker (Orchester), Philip Langridge (Solist Gesang), Magdalena Kožená (Solist Gesang), Christiane Oelze (Solist Gesang), Anne Schwanewilms (Solist Gesang)

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