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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Rodelinda - Opéra de Lyon (Sabina Puértolas and Krystian Adam), Copyright: Jean-Pierre Maurin

Rodelinda - Opéra de Lyon (Sabina Puértolas and Krystian Adam), © Jean-Pierre Maurin

'Rodelinda' von Georg Friedrich Händel in Lyon

Trügerisches Glück

Zum Jahresende 2018 bietet die Opéra de Lyon ein ganz besonderes, ausgefallenes Highlight: Georg Friedrich Händels 'Rodelinda', ein sehr selten gespieltes Barockjuwel, das der geniale Komponist in seiner kreativen Zeit in London mit den besten Sängern und Diven seiner Zeit im Februar 1725 im King‘s Theatre Haymarket unter seinem Dirigat uraufführte. Eine Oper, die Liebe, Hass, Mord, Eifersucht und Hochverrat in vollsüffige, betörende, klangintensive Arien packt und eine verworrene Geschichte über die lombardische Königin Rodelinda erzählt, welche ihrem totgeglaubten Gatten Bertarido treu bleibt trotz aller Irrungen und Wirrungen. Zum Ende hin taucht dieser wieder auf, versöhnt sich mit seinem Widersacher Grimoaldo, der die vermeintliche Witwe Rodelinda heiraten wollte, des Thrones wegen natürlich. Dafür ließ er Bertaridos Schwester Eduige sitzen. Ein garstig-grausamer Möchtegern-Herrscher, Garibaldo und Grimoaldos treuer Freund Unulfo mischen die Intrigenstory dramaturgisch gewaltig auf. In dieses Geschehen werfen wir den Blick durch die Augen des kleinen Sohnes von Rodelinda und Bertarido. 

Kindheitstrauma

Regisseur Claus Guth scheint auch eine Idée fixe zu haben, die in seiner Regiearbeit wiederkehrt. Es sind Gedanken und Themen, die ihn umtreiben: Was verursachen Kindheitstraumata an Seele und Körper? Wie lebt die menschliche Kreatur damit, wie kann sie damit leben? So ließ Guth in seiner Inszenierung von Richard Strauss‘ 'Daphne' die Titelfigur als Kind auftreten. Sie wurde missbraucht und verwandelt sich zum Schutz vor der dominierenden Männerwelt in einen Baum. In seiner hochgelobten 'Pelléas und Melisande'-Introspektion ist Yniold der Sohn von Pelléas, das Opfer seines gewalttätigen Vaters Golaud. Flavio, der vereinsamte Sohn Bertaridos und Rodelindas, und Yniold sind Brüder im Geiste und in ihrer Seelenpein. Zwei Knaben, die die Grausamkeiten ihrer Väter erdulden, ja in sich beherbergen, und den Ängsten, die sie auslösen, nicht entkommen können. 

Flavio hat den Mord an Bertaridos Nebenbuhler im Prolog, der Ouvertüre, miterlebt. Ebenso erblickt Flavio am scheinbar glücklichen Ende der Oper – immerhin, der Feind und Widersacher Garibaldo ist gemeuchelt – die blutigen Hände seines Vaters. Flavio versucht durch das Zeichnen, seinen inneren Gespenstern zu entfliehen. Er kritzelt seine Ängste einfach auf eine Schiefertafel. Diese werden als Videoprojektionen, als Graffiti auf die Außenwand eines weißen Herrenhauses gebannt, welches rotiert und drei Inneneinsichten gewährt (Video: Andi Müller). Zudem ist dieses Puppenhaus auf Vulkanasche gebaut. Dahinter hängt bedrohlich ein pechschwarzes Firmament mit funkelnden Sternen. Es herrscht Nacht in den Seelen. Bühnenbildner Christian Schmidt ist übrigens auch verantwortlich für das schlichte Kleiderwerk und hüllt seine Upperclass-Familie nur in weiße und schwarze elegante Stoffe. 

Beeindruckende Sängerdarsteller

Fabian Augusto Gomez Bohorquez kommt die stumme Rolle des fast immer anwesenden Kindes Flavio zu. Es greift in Handlungen ein, kommentiert diese und ist auch anwesend, als das berückend innige Liebesbekenntnis 'Io t‘abbraccio' der einander wiedergefundenen Eheleute Rodelinda und Bertarido gesungen wird. Diese Überpräsenz des jungen Flavio lenkt zuweilen vom eigentlichen musikalischen Geschehen ab. Sabina Puértolas singt ihre Rodelinda mit einem dunkel gefärbten Sopran, der sich im Verlauf aufhellt. Trauerschwer, mit innerer Konfusion, klingt ihre Arie 'Ombra del mio bel sol'. Ihre Fast-Schwägerin ist Eduige, die von Grimoaldo sitzen gelassene Schwester Bertaridos. Sie wird als feurige Zicke charakterisiert und von Lidia Vinyes Curtis mit einem satten bravourösen Mezzo ausgestattet.

Dass auch Bösewichter leiden und von Zuneigung träumen, zeigt Händel in der interessantesten, ambivalentesten Figur der Oper. Es ist der zwiegespaltene Grimoaldo. Zum einen liebt er zärtlich, zum anderen verflucht er Amor, dass er wie ein Hund leiden muss. Gelebt und schnörkellos gesungen wird er von Krystian Adam, der im Schatten der Pinien mit seinem sublimen, edlen Tenor aufwartet. Als draufgängerischer Playboy mit Frack und Zylinder ausgestattet, bedrängt er zudem glutvoll die Witwe Rodelinda und erinnert ein wenig an Graf Danilo in der 'Lustigen Witwe'.

Die aufregendste und stimmlich eine fantastische Erscheinung ist Xavier Sabata als Bertarido. Er ist der eigentliche Hauptakteur des Abends. Sein traumschönes 'Chi di voi fu più infedele', in welchem er Armor und das Schicksal besingt, ist neben den geschmeidigen Bravourarien des Counters Höhepunkt des Abends. Bestens besetzt sind der Diener Unulfo mit Christopher Ainslie, der seine überschwängliche Treue in zwei packenden Arien zeigt. Den Bösewicht gibt der Bass Jean-Sébastien Bou. Mit seiner kernig, düster-schwarz tönenden Stimme verkörpert er als Dracula-Verschnitt die Finsternis im Kampf um den Thron.

Die Bösen sind tot. Die Guten haben überlebt, sind geläutert. Ein sattes Lieto fine hat die Oper nicht. Flavios Geister tauchen wieder auf. Mit dicken Köpfen, garstigen Zähnen und großen Augen. Seine Horror-Familie wird ihn ein Leben lang durch die Tiefen seiner Seele begleiten. Ein schweres Erbe. Es gibt keine Rettung. Der Schein trügt.

In gewohnter, gut situierter barocker Manier tönt es aus dem nach oben gefahrenen Graben. Aber schon in der Ouvertüre lässt Stefano Montanari zu hastig, übereilt, gar überhitzt musizieren. Das Fehlen instrumentaler Finessen und einer abwechslungsreichen, farbigen Klanggestaltung ist ein Wermutstropfen in dieser gesanglich auf hohem Niveau angesiedelten 'Rodelinda'. Ein unterhaltsamer Abend (immerhin dauerte das Event fast vier Stunden) für das internationale Publikum, das sich mit einem langem, herzlichem Applaus bedankte.

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Kritik von Barbara Röder

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Rodelinda: G.F. Händel

Ort: Opéra national,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Stefano Montanari (Dirigent), Orchestre de l'Opéra de Lyon (Orchester), Claus Guth (Regie)

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