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Dienstag, 25. Februar 2020

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Hyo-Jung Kang und Jason Reilly in 'Romeo und Julia', Copyright: Roman Novitzky

Hyo-Jung Kang und Jason Reilly in 'Romeo und Julia', © Roman Novitzky

Prokofjews 'Romeo und Julia' in Stuttgart

Zeitlos gut

Das Ballett 'Romeo und Julia' von Choreograph John Cranko ist bereits lange zum bewährten Fundament und Standard-Repertoire des Stuttgarter Balletts geworden und entfaltet dennoch immer wieder neue Sinnbilder und Interpretationsmöglichkeiten. Die fortdauernde Aktualität dieser Jahrhunderte alten Liebe hat einerseits mit Shakespeares kunstvoll literarischer Aufbereitung der tragischen Familiengeschichte(n) der Capulets und der Montagues zu tun, aber blüht andererseits nochmals verstärkt durch die Intensivierung der Darstellungsform Musik und Tanz auf: Sergej Prokofjew hat mit seiner Vertonung dieser Liebesgeschichte für das Sankt Petersburger Kirow-Ballett im Jahre 1936 eine weitere Dimension der literarischen Tragödie eröffnet, die das mitreißende Potenzial von Romeo und Julia auf die Ballettbühne erhebt. Die ausgestaltete Perfektion dieses Potenzials hat ohne Zweifel der Choreograph und Compagniegründer John Cranko geschaffen, der in den 12 Jahren seines Wirkens nicht nur das Stuttgarter Ballett zu Weltruhm führte, sondern auch der Veroneser Liebesgeschichte eine neue tänzerischer Ausdruckskraft verlieh.

Vitale Choreographie

Mehr als 50 Jahre später stellt sich jedoch die Frage, ob dieses Konzept noch ergreifend genug ist oder bereits etwas verstaubt wirkt: Das Bühnenbild und die Kostüme von Jürgen Rose bedienen sich eines gelungenen Historismus, der das Umfeld der verfeindeten Familien in einen nach wie vor faszinierenden Rahmen setzt und einen direkten Bezug zum Bühnenstück zu schaffen vermag. Die Choreographie von John Cranko wirkt ebenso noch sehr vital und basiert vornehmlich auf seinem Talent, den dramatischen Strukturen eine klare und ausdrucksstarke Façon zu geben, und ist vor allem durch die Balance von Eleganz und Humor immer noch stimmungsvoll und bewegend. Friedemann Vogel und Alicia Amatriain geben als Romeo und Julia ein harmonisch wirkendes und gut aufeinander abgestimmtes Solistenpaar ab: Wenngleich Friedemann Vogel anfängliche Schwierigkeiten zu haben scheint und der letzte Präzisionsgrad erst in der Mitte des Stücks erreicht wird, agiert Alicia Amatriain technisch sehr gut und verkörpert eine dramatisch überzeugende Julia. Louis Stiens als Mercutio und Matteo Miccini als Benvolio flankieren ihren Romeo sehr lebhaft und dynamisch, lassen im Trio der jungen Männer jedoch manchmal die volle, jugendliche Sprungkraft und Synchronität vermissen. Insgesamt zeigen sich die Solisten und das Corps de ballet allerdings von ihrer sehr guten Seite und gerade die großen Bühnenszenen überzeugen durch Wendigkeit, Energie und tänzerische Eloquenz.

Das Bühnengeschehen wird von Prokofjews Musik brillant und erhaben getragen, aber das Staatsorchester Stuttgart unter Leitung von Mikhail Agrest bleibt leider unter den hohen Erwartungen. Die orchestrale Balance und Dynamik innerhalb des Klangkörpers wirkt an manchen Stellen etwas halbherzig und der angestrebte homogene Klang wird ebenfalls nicht überall erreicht. Gerade die Bläserstimmen scheinen mancherorts an Genauigkeit zu verlieren und etwas Unschärfe in den Orchesterklang hineinzubringen. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass das Staatsorchester etwas passiv agiert und sich vom erfolgreichen Bühnengeschehen tragen lassen möchte. Dies schmälert den effektvollen Ballettabend allerdings nur marginal, da das Stuttgarter Ballett in der Choreographie von John Cranko mit dem Staatsorchester trotzdem eine gelungene Synthese findet und die tragisch-anziehende Liebesgeschichte von Romeo und Julia auch noch im Advent 2018 zu revitalisieren weiß.

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Kritik von Lorenz Adamer

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Romeo und Julia: Ballett von John Cranko

Ort: Staatstheater,

Werke von: Sergej Prokofieff

Mitwirkende: John Cranko (Choreographie), Staatsorchester Stuttgart (Orchester)

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