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Mittwoch, 12. Dezember 2018

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Sabina Cvilak, Paul McNamara, Copyright: Karl & Monika Forster

Sabina Cvilak, Paul McNamara, © Karl & Monika Forster

'Jenufa' in Wiesbaden als packende Charakterstudie

'Wie ich sie liebe'

Ingo Kerkhof belegt, dass es keiner Frauenpower bedarf, um tragische Frauenschicksale beklemmend real unter die Haut zu inszenieren. Großflächige Einfachheit und gezielt in braun-grau-staubige Düsternis getauchte Bühnen-Weitläufigkeit im marginal angedeuteten bäuerlichen Dorfmilieu nutzte er, um Stimme, Körperhaltung und Mimik zum Sprachrohr extremster Konflikt zu vereinen. So gelang es ihm, Leoš Janáčeks 'Jenufa' am Staatstheater Wiesbaden als Familiensaga radikal verstörend zu erzählen. Unaufhaltsam stürzten die Protagonisten in den Abgrund, da das Moral-Korsett, aber auch die gewachsenen Engen keinen Millimeter Luft zum Atmen ließen.

Das Libretto zu 'Jenufa' basiert auf dem Schauspiel 'Ihre Ziehtochter' der Dichterin Gabriela Preissová, das 1890 in Prag uraufgeführt wurde. Sie erzählt von einer tragischen Dreiecksbeziehung und von der Schande, die, ausgelöst durch eine ungewollte Schwangerschaft, in engster dörflicher Gemeinschaft zum Kindsmord führt. Das war zur damaligen Zeit hoch brisant, doch heute? Kerkhoff verfällt nicht einem der Gegenwart verpflichteten überfrachteten Deutungswahn, sondern konzentriert sich auf Moden und Zeiten überdauernde, wenn nicht sogar davon unabhängige Charaktere.

Die Räume, die Gisbert Jäckel baute, kennzeichnen Kargheit. Tisch, Stuhl, Bett, schweres Holz, abgegriffen, klobig wie die Stiefel, die sich die Küsterin überstreifte, um das Kind zu ertränken. Sonja Albartus‘ Kostüme passen dazu, schwere Stoffe, schwarz oder weiß, zugeknöpft, entlehnt der Entstehungszeit des Schauspiels, klischeebehaftet erinnernd an Bergbauernvolktragödien. Das ist schnell verstanden und gibt den Blick frei auf die menschlichen Konstellationen.

Im Zentrum allen Geschehens stellte Kerkhof die Küsterin. Geradezu manisch besessen davon, der Stieftochter eine Zukunft durch eine Ehe zu ermöglichen, verliert sie den Blick für die Realität und ihre Umgebung. Als sie erkennt, dass sie nur ihren selbstsüchtigen Vorstellungen folgte, ist es längst zu spät. In der Mezzosopranistin Dalia Schaechter hat Kerkhof die ideale Besetzung für die Küsterin gefunden. Stimmlich und darstellerisch extrem stark, intensiv und ausdrucksvoll kehrte sie das Innenleben der Küsterin nach außen, emotional extrem belastet von Angst, Schuld, Versagen und Bitternis, kurzzeitig aufgehellt durch aufflackernde Sehnsucht und Zartheit, die sich mit Wahnsinn paart und in derbste Verbitterung stürzt. Souverän verschärfte Dalia Schaechter dieses darstellerisch intensive wie authentische Charakterporträt mit ihrer in Höhen wie Tiefen bemerkenswert ausdrucksfähigen Stimme. Gesprochen, gespuckt, mit unerwartet zärtlichen Kantilenen-Einwürfen wie düster donnernder Stimmgewalt verlieh sie dieser tragischen Figur Leben.

Starkes Ensemble

Sabina Cvilak verkörperte die Ziehtochter Jenufa zu Beginn als naives Dorfmädchen, stimmlich stellenweise überzogen scharf, als suche sie ihre Rolle in der Gesellschaft. Doch mit dem zweiten Akt hatte sie ihren Platz verinnerlicht. Überaus differenziert zeichnete Cvilak die Gefühlslage der Jenufa nach. Vom Geliebten enttäuscht, an das im Verborgenen geborene Kind geklammert, in ihrer Verzweiflung nach dem Tod des Kindes vergeblich Schutz suchend in den übergroßen Stiefeln und dem Bett der Mutter, mutiert sie schließlich zum willenlosen Wesen. Kurz flackert die Erkenntnis der Situation auf, vernichtend direkt fällt die Verdammnis der Stiefmutter aus. Nach einem knappen wie inniglichen Liebesbekenntnis für Laca legt sie sich auf den nackten Bühnenboden und rührt sich nicht mehr. Daniel Brenna in der Rolle des Laca erstarrt. Er, der Außenseiter der Familie und die Verkörperung des vereinsamten Menschen in einer ihn ablehnenden Gesellschaft, da er kein leiblicher Abkömmling war, erfährt von Jenufa von Anfang an Mitleid, wird sogar in tragischen Situationen zum Sympathieträger. Das liegt auch an der Empathiefähigkeit seiner von jeglicher Schärfe freien Tenorstimme. Laca liebte Jenufa abgöttisch, doch weil er zurückgewiesen wurde, zerschnitt er ihr in einem Anfall von ungebändigtem Zorn die Wange. Sein in sich hineingesungenes 'Wie ich sie doch liebe' in der zweiten Szene des ersten Aktes wirkt in diesem Moment unendlich tragisch. Von solcher Tiefe weit entfernt gibt sich Aaron Cawley in dieser Dreiecksgeschichte stimmlich und darstellerisch als lebenslustig oberflächlicher Steva aus.

Schon zur Premiere von 'Jenufa' 1904 in Brünn war man sich einig, dass das Schauspiel erst durch die Musik Janáčeks seine eigentliche dramatische Wirkung erhalten habe. So wie Kerkhoff die Bühnendarsteller zum authentisch gelebten Konflikt herausforderte, entfesselte Generalmusikdirektor Patrick Lange unter den Musikern und vor allem den Hörnern im Hessischen Staatsorchester Wiesbaden eine Expressivität, die zunächst den Gesang auch zudeckte. Doch Patrick Lange verstand, die Musiker zu dämpfen, ohne an Dichte und Intensität einzubüßen. Latent durchhörbar begleitete die Szenerie die sich ankündigende Katastrophe, selbst folkloristische Passagen umgab ein unheilvoll drohender Charakter. Das Schlussduett erklang so entrückt und schlicht wie keine Passage zuvor und umso tragischer. Das Publikum würdigte diese Aufführung mit großem Applaus.

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Kritik von Christiane Franke

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Jenufa: Premiere

Ort: Alte Schmelze,

Werke von: Leos Janácek

Mitwirkende: Patrick Lange (Dirigent), Orchester des Staatstheaters Wiesbaden (Orchester), Daniel Brenna (Solist Gesang), Dalia Schaechter (Solist Gesang)

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