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Freitag, 18. Januar 2019

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Szenenfoto, Copyright: Martin Kaufhold

Szenenfoto, © Martin Kaufhold

Anmerkungen zur 'Freischütz'-Inszenierung in Essen

Kritisch und grotesk

Lässt man die ideologiebesetzten Regie-Giftspritzen auf biedermeierlichen Hörnerschall und Jägertrachten, melodische Innerlichkeit, Jungfernkranz und Volkston beiseite und setzt man sich damit auseinander, dass 'Der Freischütz' kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges spielt, das Europa des 20. Jahrhunderts von zwei Weltkriegen erschüttert wurde, dann eröffnet der laut Wagner deutscheste aller Komponisten, Carl Maria von Weber, völlig neue, kritische Perspektiven. Tatjana Gürbaca (Regie), Tomas Netopil (musikalische Leitung), Klaus Grünberg (Bühne, Licht und Video) und Silke Willrett (Kostüme) zeigen im Essener Aalto-Theater eindrucksvoll welche, und legen – konterkarierend zu Webers Musik – das erschütternd zeitgemäße Bild einer grotesken, angstbesetzten, verunsicherten, von Krieg, Töten, Hass, Hohn und Traumata geprägte Gesellschaft frei.

‚Victoria‘: Gleich zu Beginn, wenn der Chor jubelnd den Sieg feiert, wird Max mit drohenden Zeigefingern in aller Öffentlichkeit bloßgestellt. Sie schubsen, hänseln, lachen ihn aus, mutieren zu einer wild gewordenen gefährlichen Hundemeute. Seit er – früher ein exzellenter Schütze – beim Schützenfest daneben geschossen hat und um seinen Erfolg beim Probeschießen fürchten muss, ist Max zum Außenseiter geworden, den gesellschaftlichen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Sollte er scheitern, darf er Agathe, seine Liebste und die Tochter des Försters Kuno, nicht heiraten. Während der Protagonist tief erschüttert um Fassung ringt und der Chor ihn zu beruhigen versucht, wirft Gürbaca in Haltung und Gesten sozusagen einen Blick in das Innere der Gesellschaft, legt die gesellschaftliche Befindlichkeit offen. In Wirklichkeit nämlich verabschiedet man sich, zieht sich aus Furcht zurück, kreuzt die Zeigefinger oder schenkt Rosenkränze, um sich vor dem vermeintlich Bösen zu schützen und sich mit Gottvertrauen und in Reih und Glied auf den ‚freudigen Krieg‘ (Erbförster Kuno) vorzubereiten. Die dramaturgische Entwicklung gipfelt im derben Bauerntanz, wo in parallel dargebotenen, mechanisch ausgeführten, wiederholten Szenen Kriegstraumata vor Augen geführt werden.

Unter Scheinwerferlicht

Auch Kaspar ist ein gebrochener Mann, Freund und Rivale gleichermaßen. Auch er war mit Agathe verlobt und sollte die Försterei erben, bevor er in den Krieg eingezogen wurde und mit den Freikugeln ums Überleben kämpfte. Nun will er sie an Max weitergeben, sich für das Ausspannen seiner Freundin rächen und freikaufen. In der Wolfschluchtszene wird Max förmlich ausgeweidet. Wie ein geschlachtetes, erlegtes Tier liegt er am Boden, während Kaspar ihm – unter Scheinwerferlicht – die blutigen Eingeweide ausreißt, die entfesselte Gesellschaft – ohne einzugreifen – in ritualisierten Zuckungen erstarrt und ein unschuldiges Kind als rettender Samiel erscheint.

Auch Agathe und ihr Alter Ego Ännchen werden mit sorgfältiger, einfühlsamer Personenregie bedacht. Gesprochene Dialoge sind auf ein zum Verständnis des Geschehens notwendiges Minimum gekürzt. Die fehlende Dramatik in der Musik fängt Gürbaca mit facettenreicher, meisterlicher Bühnensprache auf, sodass der Spannungsbogen nicht abreißt. Passend dazu die zeitlosen, funktionalen Kostüme Silke Willretts und das ästhetisch plakative, hervorragend romantisch ausgeleuchtete Bühnenbild Klaus Grünbergs. Der einzige Schauplatz ist Bühne und Öffentlichkeit zugleich. Der Wald ist zu kahlem Astwerk am Boden verkümmert. Gezeigt werden schlichte, halbkreisförmig angeordnete, graue Häuserfassaden, die von rätselhaften Zeichen bemalt sind und von den Protagonisten je nach Szene mit zusätzlichen Symbolen versehen werden. Witzig, wenn sie tür- und fensterlos von hinten erstiegen werden und Neugierige von der Seite oder vom Dach aus auf das Geschehen blicken. Wunderbar, wie die schwärzliche Hinterwand sich allmählich in einen silbrig schimmernden Vorhang aufzulösen scheint, sich im Finale wechselnd vor die Bühne schiebt und den Blick des Zuschauers verschleiert oder die Häuserfassade durch indirekte Beleuchtung und Schatten an Raumtiefe gewinnt.

Musikalisch passend dazu die Interpretation der Essener Philharmoniker, des wunderbar schauspielenden und homogen artikulierenden Chors und Extrachors des Aaltotheaters und der Gesangssolisten. Tomás Netopil hebt die Kontraste zwischen Drama, rhythmischer Akzentuierung und einfacher, liedhafter Melodie hervor. Jessica Muirhead gestaltet differenziert und einfühlsam die seelischen Verfassungen Agathes. Klangvoll, offen und warm grundiert, verkörpert sie anrührend Schlichtheit im Gebet, Melancholie und Depression. Tamara Banjesevic ist ihr aufmunterndes, Vergnügungen suchendes Alter Ego Ännchen. Heiko Trinsinger stellt mit kraftvollem Bariton eher den Rächer als den gebrochenen Außenseiter dar. Maximilian Schmitt verkörpert einen farblich schillernden Max. Schade, dass Deutschlandradio Kultur nur die Musik des Abends mitschnitt und nicht das Spiel und die Bilder. Sie wird am 16. Februar 2019 übertragen.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Der Freischütz: Romantische Oper von Carl Maria von Weber

Ort: Theater & Philharmonie (Aalto-Theater),

Werke von: Carl Maria von Weber

Mitwirkende: Tomás Netopil (Dirigent), Philharmoniker Essener (Orchester), Tatjana Gürbaca (Regie), Maximilian Schmitt (Solist Gesang)

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