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Mittwoch, 12. Dezember 2018

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Marco Jentzsch (Peter Grimes), Darren Jeffery (Hobson), Copyright: Bernd Uhlig

Marco Jentzsch (Peter Grimes), Darren Jeffery (Hobson), © Bernd Uhlig

'Peter Grimes' und Frederic Wake-Walker in Köln

Eine Oper geht unter die Haut

Interimsspielstätte bis zur Fertigstellung des eigentlichen Operngebäudes am Offenbachplatz ist das Staatenhaus im Rheinpark. Es gibt hier keinen Graben für die Orchestermusiker: Mal sitzen sie vor, mal hinter der Bühne oder seitlich verborgen hinter einem Vorhang. Für die jüngste, unglaublich faszinierende Inszenierung von Benjamin Brittens Oper 'Peter Grimes' hat man sich entschieden, sie seitlich sichtbar auf ansteigenden Sitzreihen zu platzieren, was ihre herausragende Rolle in der Operndramaturgie des Meisterwerks unterstreicht. Wenn Nicolas Collon und das Gürzenich-Orchester die an eine Collage erinnernden, oft zerrissen wirkenden Hörbilder ausdrucksstark, spannungsvoll und faszinierend vor Augen führen, beginnt man – in Verbindung mit den sorgfältig ausgearbeiteten, ruhiger bewegten Regiebildern – Brittens komplexes Meisterwerk, die psychologischen Subtexte, das subtile Wechselspiel von Gesang und Musik, von Individuum und Masse zu verstehen.

Regisseur Frederic Wake-Walker fokussiert seine Inszenierung auf die besondere Rolle des Chores. In eindrücklichen, effektvollen Choreographien setzt er sich mit dem Phänomen Kleinstadtgesellschaft und Masse auseinander. Detailliert und einfühlsam werden hier Ausgrenzung, Hass, Angst, Entstehung und Ausbreitung von Hysterie in bewegte Standbilder verwandelt, die die Wahrnehmung des Publikums lenken und die Bedrohung schon im Prolog, wenn der Chor von tratschenden Frauen und schlaflosen Nächten erzählt, hautnah spürbar werden lässt – konterkariert von leichten ironischen Spitzen auf die Amtsträger der Gesellschaft wie Rechtsanwalt Swallow, Wirtin Auntie, Pfarrer Adams, Apotheker Ned Keene, Fischer und Methodist Bob Bowles und die Witwe Mrs. Sedley.

Die leicht erhöhte Bühne von Anna Jones ist offen. Lediglich die Hinterwand und die sorgfältig aufgereihten Kirchenbänke lassen den Blick hinter die Kulissen einer religiösen Gruppe erahnen. Wenn dann – musikalisch – die Sturmflut einsetzt, Krieg, Chaos und Zerstörung hörbar werden, scheint die Selbstgenügsamkeit ins Wanken zu geraten. Die zu Säulen aufgerichteten Bänke fallen, um anschließend – fester denn je – wieder aufzustehen.

Rauschhaftes Schreien

Nach der Kirchenszene müssen Ellen Orford und Grimes das Scheitern ihres Neubeginns eingestehen, was von den Blechbläsern gehässig kommentiert wird. Die Massenbedrohung nimmt zu. ‚Gestehe‘, wird Ellen unter Druck gesetzt, während zugleich die Hysterie gefährlich ansteigt und der Gesang allmählich in rauschhaftes Schreien übergeht. Fantastisch, wie differenziert, homogen und ausdrucksstark Chor und Extrachor der Oper Köln die musikalischen Entwicklungen präsentieren und den Spannungsbogen aufrecht erhalten. Wenn dann, im dritten Akt z. B. Apotheker Ned Keene und Bürgermeister Swallow Stand und Hemmungen vergessen, bleibt nur noch die groteske Karikatur.

Unter den stimmlich wunderbar besetzten Gesangssolisten ragt Marco Jentzsch in der anspruchsvollen Rolle des Peter Grimes heraus. Ausdrucksstark wechselt er zwischen sich dramatisch aufbäumender Inbrunst und kopfstimmig gefärbten, geradezu zart anmutendem Stimmklang, der im letzten Akt merkwürdig hohl und fern wird und unwirkliche Farben annimmt. Ivana Rusko bildet den Kontrapunkt und zeichnet mit klangvollem, rundem, tiefgründigem Sopran und langem Atem ein anrührendes Charakterbild der Lehrerin Ellen Orford. Robert Borks Bariton verkörpert einen kraftvollen, Autorität ausstrahlenden ehemaligen Kapitän Balstrode, Rebecca de Pont Davies begeistert als humorvoll überzeichnete Mrs. Sedley. Die Oper Köln präsentiert eine mutige, sehr zeitgemäße Interpretation und Inszenierung der Oper 'Peter Grimes', in der nicht die Schuldfrage im Vordergrund steht.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Peter Grimes: Oper von Benjamin Britten

Ort: Oper,

Werke von: Benjamin Britten

Mitwirkende: Kölner Philharmoniker - Gürzenich Orchester (Orchester)

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