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Dienstag, 19. Februar 2019

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Szenenfoto, Copyright: Monika Rittershaus

Szenenfoto, © Monika Rittershaus

'Sweeney Todd' mit Starbariton Bryn Terfel

Sympathie für einen Barbier

Glutrot leuchtet die Zürcher Oper. Die Häuschen des Weihnachtsmarktes auf dem Bellevue Platz sind dunkelrot gestrichen, das weiße Karussell dreht sich, Lebkuchen duften. In der Oper nebenan wird ein ganz besonders gruseliges, sozialkritisches ‚Christmas-Carol‘ gespielt. Andreas Homoki, Regisseur und Intendant der Oper Zürich, präsentiert seine intelligent anrührende Deutung des Musicals 'Sweeney Todd. The Demon Barber of Fleet Street' aus der Feder von Stephen Sondheim. Es ist der moderne Musical-Klassiker schlechthin. Uraufgeführt 1979 in New York und mit acht Tony Awards überschüttet, ist dieses Horror-Stück so brennend aktuell, so Rasierklingen-scharf betörend wie damals.

Homoki zeigt mit seinem Team nicht nur eine famos exaltierte, ja phänomenal durchdachte Regiearbeit, sondern bietet den sonst eher konservativen Zürchern eine Kost, die beim Lachen im Halse stecken bleiben kann. Eine Show, die zwischen Komödie und Drama changiert, sowie eine sehr eigenwillige englische Weihnachtsgeschichte, die in ihrer Szenerie an Charles Dickens‘ 'Oliver Twist' oder auch 'Les Miserables' von Victor Hugo erinnert. Homokis zutiefst menschliche Seelenshow, die mit Gruselschocker-Effekten versetzt ist, versetzt das Zürcher Publikum in eine für die Adventszeit ungewöhnliche Thriller-Stimmung. Ein vorzügliches musikdramatisches Ereignis, das enthusiastisch gefeiert wurde.

Horror-Musical

Die Bühne ist minimalistisch gestaltet, drei Ebenen sind nach oben und unten einsehbar. Wände wie im Puppentheater öffnen den Blick in das obere Geschoss eines Zimmers, das mit einem grünem Barbierstuhl ausgestattet ist. Ein feuerspeiender Himmel mit schwarzen Schornsteinschloten gehört ebenso zum apokalyptischen Szenario des Horror-Musicals wie der überdimensionale Fleischwolf in der Strandszene. In dieser träumt Mrs Lovett von einem idyllischen Badespaß mit Sweeney. In ihrer Küche kreiert diese fleißige Dame ihre Menschenfleisch-Küchlein. Der Leichen verschlingende Schlund ist gottlob nur durch eine lange Ritze angedeutet – ein ästhetischer Clou (Gesamtausstattung: Michael Levine, Kostüme: Annemarie Woods).

Mit diesen großartigen Gesamtkunstwerk hat Homoki dem walisischen Charakterbariton Bryn Terfel einen Herzenswunsch erfüllt. Und das in Zürich! Terfels Falstaff, Sachs, Wotan, Mephistophele sind Legende. Den Sweeney hat Terfel schon mit Emma Thomson halb szenisch, eher aufs Komische hin, interpretiert. In Zürich fügt Terfel seiner Interpretation neue Dimensionen hinzu. Er zeigt eine zutiefst gepeinigte, geschundene Seele. Sweeney ist ein Outcast im viktorianischen England, der in Sondheims Horrormusical aus Rache, dass er nach Australien verbannt wurde, und aus Argwohn und Neid allen, die ihm in die Quere kommen, die Kehle durchschneidet. Richter Turpin ist sein Ziel. Hat dieser nicht vor 15 Jahren seine Frau geschändet und seine Tochter Johanna entführt? Ihm zur Seite steht die Pastetenbäckerin Mrs Lovett. Angelika Kirschschlager singt und spielt diese mit hingebungsvoller Grausamkeit und entzückender Verstellung. Ein Prachtweib, das die Intrige und den Selbstnutzen aus allen Situationen zu ihren Gunsten umgestalten kann. Den Song 'No Place like London' singt Terfel als Vorwurf. Eine vollsamtig instrumentierte Ballade über das Elend der Industrialisierung der Städte. Das Entree der ‚Rasierklingen-Show‘ klingt wie die Szene aus Hitchcocks Vorhangzene in 'Psycho'. Messerscharf sind die hohen Töne der Geigen.

Ein Glücksfall

Das klassische Liebespaar ist das Mündel des Richters Johanna, traumsüß gesungen von Mélissa Petit, und der liebeskranke Elliot Marode als Anthony Hope. Sein 'I feel you, Johanna' singt er samtig erfüllt mit Verve. Kernig, grausam böse ist die Figur des Richters Turpin, die Brinkley Sherratt mit exzellenter Finesse gestaltet. Er ist die Inkarnation des Bösen schlechthin. Fantastisch agiert das ganze Ensemble, insbesondere der punktgenau, bestens vorbereitete Chor. Der in Musical und Oper erfahrene Amerikaner David Charles Abell leitet beherzt die filigran und süffig-markant aufspielende Philharmonie Zürich. Ein Glücksfall für diese Ausnahmeproduktion.

Nein, wir befinden uns nicht in London oder am Broadway! Wir sind in der Musical-Metropole Zürich. Glut-, blutrot glitzert sie immer noch: die Oper. Der Zürichsee funkelt in ihrem Glanz und weiße Schwäne ziehen ihre Zirkel. Morgen ist Weihnachten. Diesmal ist es ein anderes, ein Musical-erfülltes Weihnachten. Sondheims Klänge, sein 'Dies Irae' in der Ballade von Sweeney Todd, tragen mich hinaus in die Nacht.

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Kritik von Barbara Röder

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Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street

Ort: Opernhaus,

Werke von: Stephen Sondheim

Mitwirkende: David Charles Abell (Dirigent), Andreas Homoki (Regie), Angelika Kirchschlager (Solist Gesang), Bryn Terfel (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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