> > > > > 24.11.2018
Mittwoch, 12. Dezember 2018

Martin Homrich, Copyright: Valeria Lampadova

Martin Homrich, © Valeria Lampadova

Humperdincks 'Königskinder' in Gelsenkirchen

Moderne Liebesgeschichte

Zeit seines Lebens hat der Wagnerschüler Engelbert Humperdinck Märchenstoffe vertont. Im schönen Musiktheater im Revier, dem MiR in Gelsenkirchen, feierte jüngst sein Spätwerk, die Oper 'Die Königskinder' Premiere. Humperdinck komponierte die Geschichte von Else Bernstein-Porges entsprechend ihrem Wunsch zunächst als Melodram, das 1897 am Münchener Hoftheater uraufgeführt wurde. 1907 bearbeitete er das Werk zu einem, ganz dem Wagner-Vorbild folgenden Märchen-Musikdrama, das schließlich 1910 an der Metropolitan Opera in New York uraufgeführt wurde.

'Die Königskinder' ist keine Märchenoper à la 'Hänsel und Gretel'. Tobias Ribitzki, der für die gelungene Inszenierung im MiR verantwortlich zeichnet, präsentiert uns vielmehr ein analytisch durchdachtes, gesellschaftskritisches Sozialdrama, in dem verschiedene Märchenschicksale wie die von Hexe, Spielmann, Gänsemagd und Königssohn kunstvoll mit der Wirklichkeit verwoben scheinen.

Märchenattribute, die den Besitzer wechseln

Kathrin Susan-Brose hat die Bühne in einen geschäftig durchquerten, öffentlichen Raum verwandelt, der an eine U-Bahn-Haltestelle erinnert – ein anonymer Ort, der links von golden ausgeleuchteten Aus- bzw. Eingängen und rechts von einer kunstvollen, Treppenarchitektur begrenzt wird. Gänsemagd, Hexe und Spielmann begegnen sich hier, wirken im grauen, geschäftigen Alltag wie exotische Außenseiter und kommunizieren wie Obdachlose – an und auf den Bänken, die zum Verweilen einladen. Zauberorte wie der schillernde See und die dunkle Hexenhütte bleiben unsichtbar in der Reisetasche. Märchenattribute wie Buch oder Reisigbesen wechseln situativ den Besitzer. Witzig, wie das Blumenmädchen zu Beginn überrascht feststellt, dass eine schnatternde Gans ihren Hals aus der Reisetasche streckt und eine weitere sich hinter der Banklehne zeigt. Sie begleiten und schützen ihre Magd, beißen ihr beim Backen des verwunschenen Brotes in die Finger oder helfen, die Goldkrone zu verstecken.

Ribitzki reduziert die Geschichte auf ihren sozialen Kern, erinnert an eine durchaus moderne Liebesgeschichte im kalten Krieg zwischen sozialer Herkunft, Leidenschaft und Anpassung, Gut und Böse, Zwang, Unterdrückung und freiheitlichem Lebensgefühl. Das bedarf hier und da einiger Umdeutungen. So stellen sich der fliehenden Gänsemagd hier Menschen in den Weg und die Hexe, die überall Gemeinheit und Verrat wittert und die Gänsemagd hindert, selbstständig zu werden, verwandelt sich im zweiten Akt in die Wirtstochter. Sie prüft sozusagen die moralische Integrität des Königssohns. Ähnlich wie die Gänsemagd ist dieser auf der Suche. Dabei verliebt er sich in das Natur liebende Mädchen vom Lande. Beide wollen fliehen. Zugleich scheinen sie nicht richtig zusammenzukommen, sich aneinander abzuarbeiten. Sie zögert, er will sich an sie binden. Es kommt zur Trennung. Und während sie mithilfe des Spielmanns die nächste Gelegenheit zur Flucht nutzt, bleibt er der heimatlos umherirrende Romantiker. Als sie erneut zueinander finden, werden sie von der Gesellschaft verstoßen. Beide verelenden, während ihre Liebe zu wachsen scheint. Und das Ende? Bei Ribitzki stirbt der Königssohn nicht. Während sie – kitschig von fallenden Schneeflocken gewärmt – auf der Parkbank einschläft, steht er hilflos am Rande und entfernt sich.

Abwechslungsreiche Gestaltung

Auch musikalisch überzeugt die Darbietung. Rasmus Baumann und die Neue Philharmonie Westfalen gestalten das durchkomponierte Musikdrama abwechslungsreich. Mal spitzt es sich dramatisch zu, mal wird mit Tönen gemalt oder mit solistischen, kammermusikalischen Einlagen romantischer Kitsch gezaubert. Wunderbar auch das sichere und Begeisterung verströmende Auftreten des Opernkinderchores der Chorakademie Dortmund.

Martin Homrich ist ein kraftvoller, brustig schillernder und heldisch aufbrausender Königssohn, der vor allem im letzten Akt mit kopfstimmig geführten, lyrischen Farben beeindruckt. Bele Kumberger begeistert als junge, verführerische Gänsemagd mit lyrisch-dramatischer Stimme und leichtem Vibrato. Petro Ostapenko als Spielmann, Almuth Herbst als Hexe, Urban Malmberg als Holzhacker und Tobias Glagau als Besenbinder ergänzen das engagiert schauspielende und singende Solistenensemble.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Königskinder: Märchenoper von Engelbert Humperdinck

Ort: Musiktheater im Revier (MiR),

Werke von: Engelbert Humperdinck

Mitwirkende: Neue Philharmonie Westfalen (Orchester), Martin Homrich (Solist Gesang)

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