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Donnerstag, 22. November 2018

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Batzdorfer Hofkapelle, Copyright: Corinna Kroll

Batzdorfer Hofkapelle, © Corinna Kroll

Klänge statt Klingen - Musik im 30-jährigen Krieg

Wittenberger Renaissance Musikfestival eröffnet

Unter dem Motto ‚Klänge statt Klingen – Musik im 30-jährigen Krieg‘ ist am vergangenen Wochenende die 13. Ausgabe des gut etablierten Wittenberger Renaissance Musikfestivals feierlich eröffnet worden. In der Schlosskirche zu Wittenberg konzertierte am Freitag Abend die absolut hörenswerte Batzdorfer Hofkapelle auf Einladung von Festivalleiter Thomas Höhne mit ihrem Programm ‚Krieg und Klag – Battaglie und Lamenti des 17. Jahrhunderts‘. Highlight war bisher der ‚Historische Tanzball‘ im Rathaus mit 120 Mitwirkenden. Ein gemeinsames Konzert mit den Nachwuchsensembles Praetorius Consort Wittenberg & The Muses‘ Fellow (Hamburg) unterstrich die Education-Verantwortung des Festivals. Die am 27. und 28. Oktober parallel im Rahmen des Festivals stattfindende Instrumentenausstellung mit insgesamt 14 Ausstellern (Geigen-, Flötenbauer und Bogenmacher) lockte zahlreiches Publikum an die Elbe.

Es war evident, dass im Jahr eins nach der gloriosen 12. Ausgabe im Jubiläumsjahr ‚500 Jahre Reformation‘ mit über 3.500 Festivalbesuchern und 15 Konzerten in Lutherstadt Wittenberg nun etwas kleinere Brötchen zu backen waren: In der Tat hatte sich die tendenziell strukturschwache Kreisstadt im östlichen Zipfel von Sachsen-Anhalt, die seit dem Ende der DDR fast 10.000 Einwohner verloren hat und nunmehr auf rund 46.000 Bürger geschrumpft ist, wohl für 2018 touristisch etwas mehr Sogwirkung und Schwung durch das Großereignis des vergangenen Jahres erhofft. Dieser ist aber ausgeblieben, was im Stadtbild deutlich zu spüren ist: Leere Geschäfte und unrestaurierte Häuser harren noch in größerer Zahl sogar im Altstadtkern ihrer Wiedererweckung, manches Restaurant bleibt auch am Wochenende leer, Konzerte sind nicht ausverkauft, obwohl die Festival-Macher deren Anzahl schon auf 10 reduziert haben. Immerhin, das Wittenberger Renaissance Musikfestival verfügt (noch) über relativ stabile Finanzgrundlagen, die derzeit bei rund 100.000 € pro Festival liegen, sagt Johann Winkelmann, Geschäftsführer vom Verein WittenbergKultur e.V. Der Betrag erfährt aber kaum Aufstockung, wie der künstlerische Chef Thomas Höhne sich milde beklagt, schließlich werde ja jedes Jahr alles teurer, insbesondere die Personalkosten. Der Verein WittenbergKultur e.V., der zusammen mit der ortsansässigen Wittenberger Hofkapelle e.V. das Festival Jahr für Jahr stemmt, hilft da ungemein. Zusammen steht man auch für die Arbeiten hinter den Kulissen gerade.

Workshops als Motor des Festivals

Zum ausgewiesenen Erfolg des Festivals zählen zum Beispiel unter anderem die sehr gut gebuchten sieben instrumentalen Workshops – darunter solche für Viola da Gamba (Lorenz Duftschmid) oder Renaissancelaute (Rolf Lislevand). ‚Unser Publikum kommt dabei aus ganz Deutschland‘, ergänzt dazu Marleen Hoffmann, die die Pressearbeit für das Festival seit diesem Jahr übernommen hat. Ganz hervorragend laufen auch die drei Tanzkurse der Ausrichtung ‚Historischer Tanz‘. Rund 90 Teilnehmer buchten da in diesem Jahr bei den Dozenten Mark Frenzel, Mareike Greb und Jutta Voss. Amüsement auf dem großangelegten dazugehörigen Tanzball am Samstag Abend im prächtig illuminierten Alten Rathaus der Stadt am historischen Markt gehört dann obligatorisch dazu. Abgehalten werden die Tanzkurse in den Räumen der ehemaligen Universität, dem heutigen Tagungszentrum LEUCOREA. Die Gründung der gleichnamigen Stiftung 1994 hatte zum Ziel, wieder akademisches Leben in Wittenberg zu etablieren. Potenzial gibt es auf jeden Fall hier. Immerhin zählen die Schlosskirche, das Lutherhaus, das Melanchthonhaus und die Stadtkirche St. Marien zum renommierten UNESCO-Welterbe und sind topsaniert, allerdings werden nur die erstgenannten beiden Orte beim Festival bespielt. Das ist noch ausbaufähig.

Konzert der Batzdorfer Hofkapelle ein Genuss

In jener Schlosskirche, an der Martin Luther 1517 seine Thesen anschlug, konzertierte im ersten Festivalkonzert die Batzdorfer Hofkapelle unter der Ägide ihres Konzertmeisters Daniel Deuter. Als Solisten sangen Julla von Landsberg (Sopran) und die beiden sehr respektablen Tenöre Johannes Weiss und Christopher Renz. In ihrer 90-minütigen Performance mit Musik von Johann Hildebrand, Heinrich Ignaz Franz Biber, Luigi Rossi oder dem Schwiegervater J.S. Bachs, Cyriakus Wilche, zeigte die eingespielte Formation, die jedes Jahr ihr eigenes Festival, die sogenannten Batzdorfer Barockfestspiele abhält, hohes instrumentales Können, musikalische Begeisterungsgabe und thematische Stringenz, was die abgerundete Programmgestaltung (Stephan Rath) anbetraf. Bibers musikalisches Schlachtengemälde 'Battaglia' zum Beispiel wurde mitreißend und ausladend klangfreudig sowie mit dem nötigen Musizierspaß vorgetragen. Zarter Violinschmelz mischte sich da mit bizarr schnarrendem Klangkolorit einer gelegentlich durch Pergamentpapier unter den Saiten präparierten Violone. Klangvoll kam auch die Kantate zum Tod des Schwedenkönigs Gustav Adolf von Luigi Rossi daher. Dramatisch hörten sich auch Johann Hildebrands 5. 'Krieges-Angst-Seufftzer' an, in denen Christopher Renz mit seidig-weicher Stimme reüssierte. In allen Registerlagern ist er ein exzellenter Oratoriensänger.

Education für den Nachwuchs

Sehr zu loben ist auch das Nachmittagskonzert ‚Jetzt blicken aus des Himmels Saal‘, das die beiden Nachwuchsenselbles Praetorius Consort Wittenberg unter der Leitung und tatkräftigen Unterstützung von Festivalleiter Thomas Höhne sowie The Muses‘ Fellows (Leitung & Harfe: Monika Mandelartz) gemeinsam bestritten. Die seit 2006 zum engeren Kreis der Festival-Macher gehörende Gambistin Gesine Friedrich hatte auch entscheidenden Anteil am positiven Gelingen dieses Konzerts: Sie plant akribisch die Kinder- und Jugendarbeit des Renaissance Musikfestivals. Ohne wirklich viel gemeinsame Übezeit im Tutti entstand ein hörenswertes Kalaidoskop um wiederentdeckte musikalische Kostbarkeiten aus der Feder des Hamburgischen Kirchenmusikdirektors Thomas Selle (1599–1663), der ab 1641 als Kantor am Johanneum und Musikdirektor der vier Hauptkirchen Hamburgs über zwei Jahrzehnte die musikalischen Geschicke der Hansestadt lenkte. So erklang zum Beispiel Thomas Selles Kirchenlied 'Dancket dem Herren' mit der stets gut aufgelegten Sopranistin Julla von Landsberg. Später war im Duett mit dem Bassbariton Sönke Tams Freier 'Jetzt blicken aus des Himmels Saal' zu hören. Die Position der Solisten im Consort war leider auch aufgrund des Platzmangels etwas zu weit hinten gewählt, wodurch akustisch etwas Präsenz verloren ging. Auch war die Intonation mancher Gruppen wie Flöten und Violinen nicht über die ganze Strecke der 65-minütigen Aufführung makellos, dennoch ist den Ausführenden ein großer Wurf gelungen, weil das Engagement der Jugendlichen mitriss, welches im wunderschönen Duett 'Güldene Krone' von Thomas Selle mündete. Dazwischen gab es viel instrumentale Improvisation samt bemerkenswerter solistischer Einlagen, die fürs Ohrenspitzen sorgten.

Höhepunkt Tanzball im Rathaus: Souveräne Tanzmeister

Höhepunkt des Eröffnungswochenendes war sicher der ‚Historische Tanzball‘ im Rathaussaal Wittenberg mit höfischer Tanzmusik Englands, Frankreichs und Deutschlands in Verbindung mit Folkloremusik des 17. Jahrhunderts aus Irland und der Bretagne. Rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dazu aus ganz Deutschland angereist und traten in maßgeschneiderten Kostümen der Renaissance auf. Live begleitet wurden sie absolut versiert vom 4-köpfigen Ensemble La Moresca, das 2009 gegründet und seit 2011 von Claudia Hoffmann (historische Violine, Tanzmeistergeige) und Petra Burmann (Theorbe, Laute, Barockgitarre) geleitet wird. Die drei Tanzmeister des Abends, Mark Frenzel, Mareike Greb und Jutta Voss, führten dazu so galant wie irgend denkbar und gleichzeitig unglaublich charmant und souverän durch den Abend. Dass sie dabei auch immer aktiv schauspielerisch glänzten, braucht gar nicht erwähnt zu werden. In den Pausen sorgte ein eingespieltes Service-Team für die kulinarische Verköstigung, so dass der Abend zum großartigen Event wurde. Das kommende 14. Wittenberger Renaissance Musikfestival wird vom 25. bis 31.Oktober 2019 stattfinden unter dem Motto: ‚Die weibliche Saite – Musikerinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart‘.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Detailinformationen zum Veranstalter Wittenberger Renaissance Musikfestival

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Bisherige Kommentare:

  1. Klasse formuliert- macht Lust auf mehr
    Diesen Artikel zu lesen ist das reine Vergnügen. Detailreiche Schilderung eines klugen Beobachters. Ich habe Lust bekommen, das Festival im nächsten Jahr zu besuchen.
    Nutzer_VFWXSWO, 01.11.2018, 17:24 Uhr

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