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Montag, 15. Oktober 2018

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Elsa Dreisig (Dircé), Copyright: Bernd Uhlig

Elsa Dreisig (Dircé), © Bernd Uhlig

Cherubinis 'Medea' in der Berliner Staatsoper

Opfer und Amokläuferin

Die Bühne dreht sich, gibt Einblicke in die riesigen Hallen eines Zollraumlagers. Kunstschätze werden verpackt, um sie steuerfrei jeglicher Nutzung zu entziehen. Das Goldene Vlies liegt noch herum, wird noch gebraucht. Geschickt verweist so Andrea Breth auf den damit verbundenen Medea-Mythos und dessen Rezeptionsgeschichte in über 300 Variationen. Unter ihrer Regie präsentiert sie in Zusammenarbeit mit Bühnenbildner Martin Zehetgruber in der Staatsoper Berlin eine neue Dimension Medeas, Medea als Opfer und Amokläuferin. Unter diesem Blickwinkel wird Cherubinis Kammeroper (1797) zum vielschichtigen Ereignis für genaue Beobachter, erstklassig besetzt, mit wunderbarem Orchesterklang unter der Leitung von Daniel Barenboim.

Konträr zur üblichen Medea-Interpretation als Barbarin und rasende Rächerin fand schon in Cherubinis Dialogoper eine Wende statt, indem das Libretto von François-Benoît Hoffman Medeas Verhalten aus der Perspektive, wie geht man mit Fremden um und warum tötet eine Frau ihre eigenen Kinder, humanisiert. Cherubini interessieren nicht Medeas Gräueltaten. Er beginnt mit dem Ende, Medea in Kreons Palast in Korinth. Jason, der sich von Medea getrennt hat, darf die Königstochter Dircé heiraten, damit Kreon als Brautgeschenk in den Besitz des Goldenen Vlieses kommt. Als Medea auftaucht, wird sie von Jason verstoßen, von Kreon verbannt. Nur einen Tag darf sie noch in Korinth bleiben. Sie tötet die beiden Söhne, setzt den Palast in Brand und begeht Selbstmord. In der Staatsoper gelingt ein leidenschaftliches Kammerspiel, das in den grauen Lagerräumen mit rostiger Patina zu glühen beginnt. Die räumliche Leere füllt sich mit eruptiver Leidenschaft. Zwischen zwei- und vierbeinigen Hengsten wird Medea zum Opfer und Amokläuferin aus verzweifelter Rache.

Hervorragende Medea

Zusammen mit Sergio Morabito kürzte Andrea Breth die gesprochenen Dialoge und lässt sie auf Französisch sprechen, flüstern, hauchen – ein geschickter Schachzug, die multikulturelle Ebene Medeas von grenzenlosem Ausgestoßensein und ihre innere Zerrissenheit zwischen Liebe und Hass in spannender Eindringlichkeit hörbar zu machen, zumal Sonya Yoncheva als Medea perfekt Französisch spricht und hervorragend artikuliert. Jedes Detail, jede Bewegung eröffnet in dieser Inszenierung Botschaften. Dircé, Kreons Tochter, mit den Freundinnen gerade noch unbeschwert spielend, wirkt, plötzlich in der Rolle der Braut im Goldgewand, erstarrt wie eine Skulptur. Jason wird degradiert zum Weiberhelden. Vor seinen eigenen Kindern macht er an einer von Dircés Freundinnen herum, einem modischen Barbiepüppchen. Medea glaubt er immer noch mit ein paar männlichen Handgriffen dominieren zu können. Als er selbst emotional einbricht, reagiert er umso machomäßiger, ohne zu begreifen, was er anrichtet. Kreon, behäbig mit Brille mehr Bürokrat als König, mit bedrohlicher Schattenwirkung, wird unter dem weiblichen Charme Medeas zur testerongesteuerten Marionette. Er gewährt ihr noch einen Tag zu bleiben, obwohl sein Verstand die damit verbundene Gefahr deutlich erkennt.

Im wallenden Stofffluten gehüllt, die Haare bedeckt, doch mit bloßer Schulter wird Medea von Anfang bis zum Schluss zum Blickfang. Sie oszilliert zwischen Pietà, Verführerin, am Boden liegend wie eine Sklavin, heruntergekommene obdachlose Immigrantin und zwischen den Hallen herumirrend als dem Wahnsinn Verfallene, großartig gesungen und in Szene gesetzt von der bulgarischen Sopranistin. Sie singt die lange, extrem schwierige Partie mit all ihren emotionalen Polaritäten mit kraftvollem Volumen, abgründiger Mittellage, lyrischen Momenten, kämpferischen Attacken, heroischen Höhen und explosivem Finale. Nur eine Stimme lässt neben ihr aufhorchen: Marina Prudenskaya Mezzosopran in der kleinen Nebenrolle als Néris. Charles Castronovos wunderschön lyrischer Tenor passt bestens zu Andreas Breths Jason-Interpretation als Schönling und Frauenheld ohne jegliches Problembewusstsein. Selbst Iain Paterson, dem für Kreon die charismatische Wucht der Tiefe fehlt, passt in Breths kritische Wertung der Männerwelt.

Klangschön entfaltet die Staatskapelle Berlin trotz kleiner Besetzung unter Barenboim die musikalischen Motive in der Ouvertüre und den Zwischenspielen. In den ariosen Teilen hält sich das Orchester dezent im Dienst der Sänger zurück, um den Gesang strahlend zur Wirkung zu bringen. Umso wirkungsvoller klingen solistische Passagen, insbesondere der Querflöte und des Fagotts. Diese 'Medea' bleibt nachhaltig im Gedächtnis.

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Kritik von Michaela Schabel

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Medea: Cherubini

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Luigi Cherubini

Mitwirkende: Daniel Barenboim (Dirigent), Staatskapelle Berlin (Orchester)

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