> > > > > 11.10.2018
Samstag, 24. August 2019

Impression Joseph Joachim Violinwettbewerb, Copyright: Ole Spata

Impression Joseph Joachim Violinwettbewerb, © Ole Spata

Sergei Dogadin glänzt mit Paganini

Held des Abends

Der 10. Internationale Joseph-Joachim Violinwettbewerb 2018 in Hannover ist eröffnet. In einem umjubelten Konzert im NDR-Funkhaus am Maschsee stellte sich der 1. Preisträger der letzten, neunten Ausgabe des renommierten Wettbewerbs, der Russe Sergei Dogadin, mit Paganinis Violinkonzert Nr. 1 D-Dur erneut dem großen Publikum und demonstrierte sein Virtuosentum, das unbestritten zu den formidabelsten der Welt gehört. Terzen, Sexten, Oktaven, Dezimen und künstliche Flageoletts beherrscht der 1988 in St. Petersburg geborene Solist traumwandlerisch und entführte kraftvoll in Paganinis sagenumrankte Zauberwelt der Geigenkunst. Sonoren Sound entlockte der Solist nicht nur der G-Saite seiner G.B. Guadagnini-Violine, die ihm derzeit die Fritz-Behrens-Stiftung leihweise zur Verfügung stellt. Obwohl sein Gesicht manch angestrengte Züge nicht verbergen konnte, verfügt Dogadin über eine nur selten erlebbare Bühnenpräsenz und Souveränität. Sein warmer, oft magischer Violinton wechselte in diesem Konzert mit raschen Salti mortale ab und wurde von einer atemberaubenden Kadenz (Émile Sauret), in der jeder Ton saß, gekrönt. Trotzdem hätte er noch manches Mal direkter mit seinem Publikum den Blickkontakt pflegen dürfen, denn gelöst ins Auditorium schaute Dogadin nur selten.

Russische Seele

Russische Seele offenbart er dafür im Adagio espressivo. Regungslos verharrt er da in sich gekehrt und lässt schluchzend die Melodie sprechen, wobei er stets die adäquate Bogenansprache seiner Violine findet, denn eigentlich ist die Akustik nicht unterstützend in der NDR-Wabe. So ist zu loben, dass er trotzdem jederzeit bis in die hintersten Reihen lupenrein zu hören ist. Volkstümliches zeitigt das Rondo-Thema im Finale, welches den rechten Schwung aufbringt. Da hilft ihm Robert Trevino, der an diesem Abend exzellent die sehr gut disponierte NDR Radiophilharmonie leitet. Auch hier bieten sich wieder technische Finessen: Doppelflageoletts sind da einwandfrei sauber zu hören und so bleibt der Eindruck eines gestandenen Virtuosen, der auch humorvoll – gemeinsam mit der Trompete des Orchesters – Zwiesprache halten kann. Paganini war Kurzweil auf höchstem Niveau und zeigt die Violine von ihrer bis dato unbekannten, fast martialischen Seite. Viel triumphaler Beifall des erfreulich jungen Publikums ließ den Künstler nicht zögern und er spielte wiederum eine virtuose Zugabe, so dass der anwesende künstlerische Leiter des Wettbewerbs, Professor Krzysztof Wegrzyn, hochzufrieden mit dem Einstand des Wettbewerbs sein darf. Wegrzyn ist ja seit 1991 aktiv, maßgeblich am Erfolg des Joseph-Joachim-Violinwettbewerbs beteiligt und hat in dieser Hinsicht Großartiges für die Musikkultur Deutschlands geleistet, obwohl die 32 Teilnehmer des diesjährigen Wettbewerbs nur zu kleinsten Teilen aus Deutschland stammen. Vorreiter sind – wie schon seit langem – die Asiaten aus China, Südkorea und Japan. Für sie ist der Wettbewerb Sprungbrett nach Europa.

Passend zum künstlerischen Helden Sergei Dogadin aus dem ersten Teil des Abends hatte die Radiophilharmonie im zweiten Teil Richard Strauss‘ Tondichtung 'Ein Heldenleben' auf die Pulte gelegt. Dieses durchkomponierte, grandiose sechsteilige Opus aus den Jahren 1896-98 personifiziert einen imaginären Helden, der die verschiedenen Phasen seines Daseins durchlebt: In 'Der Held' führt der Komponist dem Hörer dessen Charakter- und Wesenszüge vor. Frisch und direkt ist da der Sound der stark agierenden Radiophilharmonie des NDR. Hochtourig klingen die Streicher, begnadet der doppelte Hörnersatz, während vertrackte, teils absichtlich mißgebildete Soli in Flöten und Oboen 'Des Helden Widersacher' beschreiben. Nicht selten hat Richard Strauss hier wohl an sein Vorbild Richard Wagner gedacht, denn ein ums andere Mal sind Anklänge an die 'Götterdämmerung' zu erahnen. Lockrufe fast kammermusikalischer Natur oblagen in der Ausführung der fein intonierenden Konzertmeisterin Friederike Starkloff , die – ganz konträr zu Dogadin – die weiblichen Vorzüge der Musik unbestechlich gut zu ihrer Sache machte: So verkörperte sie in ihrem Solo vollendet 'Des Helden Gefährtin' mit ihrem beseelten Violinklang. Da wurde der Saal ganz still und horchte in die Tiefen der gebotenen Lyrik hinein. Trompeten von draußen markierten 'Des Helden Walstatt'. Aufgeregt spielte hier die Radiophilharmonie und immer mit genügend Verve. Dynamisch regte Robert Trevino stets zu Höhenflügen an, ehe das Schlagwerk seinen berauschenden Auftritt hatte. 'Des Helden Friedenswerke' kündigten sich mit den üblichen Verdächtigen Harfe, Flöte, Violoncello (solo) an und auch hier triumphierten die schmachtenden Hörner, ehe die Hatz ('Des Helden Weltflucht und Vollendung') einsetzte, die der Musik noch einmal ungeheuren Schub verlieh, der vom letzten aufflackernden Violinsolo Friederike Starkloffs besänftigt wurde. Ein kraftvoller Konzertabend!

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Kritik von Manuel Stangorra

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RPH Sinfoniekonzerte A: Eröffnungskonzert Internationaler Violinwettbewerb

Ort: NDR Landesfunkhaus Niedersachsen - Gr. Sendesaal,

Werke von: Richard Strauss, Niccolò Paganini

Mitwirkende: NDR Radiophilharmonie (Orchester), Sergey Dogadin (Solist Instr.)

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