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Samstag, 17. November 2018

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Brünnhilde (Linda Watson), Waltraute (Katarzyna Kuncio), Copyright: Hans Jörg Michel

Brünnhilde (Linda Watson), Waltraute (Katarzyna Kuncio), © Hans Jörg Michel

'Götterdämmerung' in der Deutschen Oper am Rhein

Götterdämmerung mit Farce

Richard Wagners 'Götterdämmerung' schließt mit einem versöhnlichen, musikalischen Blick in die Zukunft. Während das Orchester tost, stürzt sich Hagen in den Rhein, um den sinkenden Ring doch noch für die Nibelungen zu retten. Aber dann beruhigt sich die Musik. Hagen hat es nicht geschafft. In Oboen und Klarinetten singen die Rheintöchter. Und nach apokalyptischem Walhall-Untergang endet die 'Götterdämmerung' und Wagners Epos 'Der Ring der Nibelungen' schließlich in hellem, erlösendem Dur. – Nicht so am vergangenen Samstag in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, wo die im Juni 2017 begonnene 'Ring'-Inszenierung mit der 'Götterdämmerung' ihren Abschluss fand. Dietrich Hilsdorf, der für den neuen ‚Ring am Rhein‘ verantwortlich zeichnet, lässt Hagen auf dem Fahrrad davonziehen und entlässt das ermattete Publikum mit einem ironischen Botho-Strauß-Zitat, fordert auf, sich um der Zukunft willen mit Geschichte und Vergangenheit auseinanderzusetzen. ‚Los, los ihr Überlebenskünstler! Nehmt euch, was ihr schafft und schleppt euch ab‘, wird Strauß aus dem Zwischenakt der Farce 'Kalldewey' zitiert. ‚Überliefert, was noch zu überliefern ist!‘

Einfühlsame Ironie

Hilsdorfs Blick auf die 'Götterdämmerung' ist von einfühlsamer Ironie gezeichnet. Dieter Richter hat die Bühne zu einer transparenten, die Zukunft erahnenden, romantischen Flusslandschaft umfunktioniert. Ein breiter, von hohen Bergen begrenzter, ruhiger Strom mit Segelschiffchen erstrahlt in den Farben des dämmernden Tages. Im Vordergrund treffen sich die Nornen – klangvoll und ironisch von Susan Maclean, Sahrah Ferede und Morenike Fadayomi interpretiert, fantasievoll altbacken und edel von Renate Schmitzer mit Hütchen und Handtäschchen kostümiert – auf einem Ufersteg zum Kaffeeklatsch. ‚Das Gleiche wie immer‘ bestellt Sahra Ferede, die zweite Norne, und blickt bei den romantisch geheimnisvoll mahnenden Ausgangsakkorden des Vorspiels erschreckt ins Publikum. Der Schicksalsfaden reißt. Das romantische Landschaftgemälde fällt zusammen und gibt den Blick frei auf den nackten grauen fensterlosen Raum, auf dessen Steginsel mit Weihnachtsbaum Brünnhilde strickend ihren Liebsten erwartet. Erdrückender könnte der Kontrast nicht sein. Siegfried kommt aus dem Nebel, besingt Liebe, Treue und neue Taten auf einer Plattform.

Wunderbar wie Richter mit Vordergrund, Hintergrund und Bühnentiefe, mit Illusion und Wirklichkeit spielt. Da verwandelt sich die Plattformkonstruktion in das Kajütendach eines leicht heruntergekommenen, einfachen Rheinkahns. Da nimmt die MS-Wotan Fahrt auf. Da entwickeln sich die romantischen Ufer des Rheins zu rauchenden Industrielandschaften. Meisterlich, wie Licht, Bühne, Kostüm und Personencharakterisierung dabei zu komplexen, symbolträchtigen Netzwerken verschmilzen. Hilsdorf deutet die unterschiedliche politisch-historische Rezeption von Siegfrieds Tod durch verschiedene Fahnen an, nutzt Zwischenspiele zur ironischen Auflockerung, versteht es meisterlich, das Beziehungsgeflecht der Protagonisten durch genaue Personenführung darzustellen und gezielt zu provozieren, z. B. wenn das Volk, hier Hagens Mannen und Gunthers Hochzeitsgesellschaft und Jäger, als trunkene Karnevals-Prinzengarde aufläuft und Funkenmariechen zu Spagat gezwungen werden.

Während das Regieteam am Ende des Abends laut ausgebuht wurde, erhielten Chor, Orchester und Gesangssolisten viel Lob für ihre Darbietung. Siegfried, von Michael Weinius mit brustig kraftvollem Stimmklang interpretiert, scheint hier nicht durch einen Zaubertrank verführt zu werden. Trunken vor Selbstverliebtheit und scheinbar weltmännischem Auftreten schenkt er Hagen und Gunther sein blindes Vertrauen. Und Hans-Peter König als Hagen versteht es, mit klangvollem Bassbariton zu verführen. Bogdan Baciu stellt den gebrochenen, leidenden Gunther dar. Sylvia Hamvasi ist die süchtige, die Wirklichkeit ausblendende Gutrune. Katarzyna Kuncio überzeugt als Waltraute mit einer differenzierten, ausdrucksstarken Interpretation. Linda Watson verkörpert eine dramatisch aufblühende Diva Brünnhilde. Neben einem transparenten, homogen Chor glänzten die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Axel Kober erneut mit spannungsreicher, differenzierter und ausdrucksstarker Gestaltung.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Der Ring am Rhein: Götterdämmerung

Ort: Deutsche Oper am Rhein,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Axel Kober (Dirigent), Düsseldorfer Symphoniker (Orchester), Linda Watson (Solist Gesang), Sylvia Hamvasi (Solist Gesang), Hans-Peter König (Solist Gesang)

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