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Montag, 15. Oktober 2018

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Szenische Aufführung des Oratoriums Esther, Copyright: Festival Alte Musik Bernau

Szenische Aufführung des Oratoriums Esther, © Festival Alte Musik Bernau

Jubiläum mit vier Konzerten gefeiert

25 Jahre Festival Alter Musik Bernau

Wieder einmal ist eine veritable Ausgabe des Festivals Alter Musik Bernau zu Ende gegangen. Zum 25-jährigen Jubiläum des kleinen Musikspektakels im nördlichen Speckgürtel Berlins zog der Förderverein St. Marien Bernau e.V. als Veranstalter ein positives Fazit: In vier Konzerten – drei davon in der historischen St. Marien-Kirche, eines im ländlich-reizvollen KulturGut Speicher Börnicke – erlebten in diesem Herbst rund 1.000 Gäste die lohnenden Events. Dabei reichte das künstlerische Spektrum von bekannten Namen wie der Lautten Compagney Berlin unter ihrem Chef Wolfgang Katschner, dem spanischen Ensemble Le Tendre Amour mit Ausnahme-Solistin Aurora Peña über Mitglieder der Berliner Philharmoniker und den begnadeten Sheng-Spieler Wu Wei bis hin zu dem beliebten Schauspieler Gustav Peter Wöhler, der gemeinsam mit der Berliner Sängerin Susanne Ellen Kirchesch einen amüsanten Abend unter dem Titel ‚Gefährliche Briefschaften‘ gestaltete. Hierbei rückte Aufstieg und Fall Georg Friedrich Händels als Opernkomponist im London der 1720er Jahre in den Fokus.

Vier Veranstalter

Wäre das Festival ein Auto, würde man von einem geschätzten ‚Classic-Car‘ oder Youngtimer sprechen, unter dessen Haube ein resoluter Vier-Zylinder in Form von Veranstalter, Veranstaltungsort Kirche St. Marien Bernau, Kommune und den treuesten Musikern schnurrt. Die drei erstgenannten Akteure, darunter auch der derzeitige Bürgermeister in Bernau, André Stahl (Die Linke), artikulierten sich im Eröffnungskonzert mit artigen Grußworten, dankten für 25 Jahre Liebe zur Musik der Macher und persönliches Engagement der Bürger, wie es immer so bei Jubiläen der Fall ist: 1991 wurde der Förderverein gegründet, 1993 gab es die erste Ausgabe des Festivals, in der Folge immer so mit vier oder fünf Konzerten bis heute. Ganz reibungslos verlief die Zeit im Verein nicht, so spaltete sich in Bernau ein weiterer Kulturanbieter ab, doch das eigentliche Ziel – die Förderung der Alten Musik an St. Marien – behielten die Verantwortlichen klar im Auge. Der Landkreis Barnim, die Sparkasse Barnim, die Rotaryer, die Märkische Oderzeitung und viele weitere Sponsoren beteiligten und beteiligen sich an den laufenden Kosten und tragen mittlerweile einen jährlichen Etat von derzeit rund 40.000 Euro, um den Wagen auf Trab zu halten. Weitere helfende Hände sind trotzdem nötig, die in großer Eigenständigkeit organisieren, so dass es weitergeht: Die nächste Ausgabe des Festivals wird vom 23. bis 26. August 2019 stattfinden und ist Bestandteil der 500-Jahr-Feier der St. Marienkirche.

Zunder im Plot

Zum leider etwas schwach frequentierten Eröffnungskonzert am Freitag Abend (nur rund 110 Besucher, wohl wegen Sturm und Regen) hatte das Festival sich illustre Gäste aus Spanien geladen: Das Ensemble Le Tendre Amour führte szenisch das Oratorium 'Esther' auf, das Cristiano Giuseppe Lidarti 1774 vertont hatte und das erst Ende des 20. Jahrhunderts in Cambridge wiedergefunden wurde. Es ist eine hebräische Adaption von Händels gleichnamiger Komposition von 1732. Die Geschichte um den Ursprung des jüdischen Purimfestes erzählt, wie der persische Minister Haman einst den Mord an sämtlichen Juden in Persien anordnete, Königin Ester jedoch für ihr Volk bei ihrem Gatten Xerxes Gnade erwirkt. Da war selbstverständlich Zunder im Plot, insbesondere die heiter-dramatische Inszenierung durch Adrián Schvarzstein, der selbst sehr jovial in mehrere Rollen schlüpfte, verhalfen dem Werk zu ungeahnter Frische und Kurzweil.

Betörende Arien

Schvarzstein, der schon vor der eigentlichen Aufführung wie ein Kalfaktor durch die Kirche geschlichen war und zunehmend immer vordergründiger hantierte, hatte publikumswirksam knatternde Ratschen im Auditorium verteilt und das Publikum angehalten, immer dann, wenn der Name des Häschers ‚Haman‘ falle, solle es eifrig daran drehen. So geschah es. In betörenden Arien setzte Sopranistin Aurora Peña dazu ihr Können in Szene, mal glutvoll-dramatisch, mal besänftigend-süß. Die in Barcelona ausgebildete Primadonna begeisterte an diesem Abend durchweg vor allem mit schönsten Koloraturen, die ihr nicht selten Extra-Applaus bescherten. Das Oratorium besticht durch anmutige religiöse Texte, musikalische und lichttechnische Kontraste und eine kompakte Musik, die vom Ensemble Le Tendre Amour mit vollblütiger Entladung (sogar Klezmergesang und ein spektakuläres Violinsolo) und unter Ausnutzung aller räumlichen Gegebenheiten anspruchsvoll vermittelt wurden.

Erfüllte Herzenssehnsüchte

Das sich an das Eröffnungskonzert ab 22.30 Uhr anschließende Nachtkonzert des Wu Wei Trios hatte eine ganz kontemplative Note. Es stellte ein Unikum in den Mittelpunkt: Die von Wu Wei gespielte Sheng. Das Musikinstrument aus China gehört zur Familie der Mundorgeln, die wiederum zu den Durchschlagzungeninstrumenten zählen. Die Sheng gilt als ältester Vorläufer der Harmonikainstrumente. Eingeräumt, die Anfangszeit für das Konzert war ziemlich spät gewählt und so verirrten sich nur rund 60 eingefleischte Fans im Mittelschiff der großen alten Kirche, die aber wunderschön in bläuliches Licht getunkt funkelte. Die Musik (viele Bearbeitungen für das Wu Wei Trio) erfüllte dafür Herzenssehnsüchte: Geborgen fühlte sich der Hörer in zarten Suiten von Telemann, Bach oder Monteverdi. Die beiden Berliner Philharmoniker Martin Stegner (Viola) und Gunars Upatnieks (Kontrabass) bereiteten der Sheng einen wohligen harmonischen Klangteppich und begeisterten mit opulentem Sound zu aller Zeit. Zusätzlich versuchten sich die drei Akteure noch mit eigenen Improvisationen, die aber nicht durchweg so erfolgreich einschlugen wie die Werke der alten Meister. Ganz etwas Frisches drang noch einmal an das verwöhnte Ohr des Publikums, als die Nummer 1 'Les berceaux' aus den Drei Liedern op. 23 von Gabriel Fauré und ein chinesisches Lied als Zugabe gegeben wurden.

Klanggefühl des Markusdoms imitiert – 600 Zuhörer

Das mit rund 600 Zuhörern bestbesuchte Konzert des diesjährigen Festivals war der Höhepunkt des diesjährigen Festivals: ‚Concerto veneziano‘ sein Titel. Hier – so prophezeite Leiter Wolfgang Katschner – sollte sich die Bernauer Marienkirche in den Markusdom von Venedig mit seinem Raumklangerlebnis verwandeln. Und er versprach nicht zu viel. Über 30 Mitwirkende saßen dabei auf dem Podium, denn nicht nur die Profis von der Lautten Compagney Berlin waren involviert, sondern auch eine Auswahl der besten Schülerinnen und Schüler sowie einiger Lehrkräfte der Musikschule Barnim. Die Lautten Compagney wurde dabei von ihrer exzellenten Konzertmeisterin Birgit Schnurpfeil angeführt. In mehreren Werken des Abends oblag ihr die Führung und dabei war es immer wunderbar, ihrem kraftvollen Violinspiel zu folgen. Ob es nun Claudio Monteverdis Toccata war aus der Oper „L'Orfeo', die den Abend wie eine Klammer umschloss, oder eine der vielen kleineren Instrumentalwerke wie beispielsweise Samuel Scheidts Suite aus 'Ludi Musici' oder Alessandro Stradellas anmutig doppelchörige 'Sonata à 4' – die forsche Geigerin war stets auf Draht und versprühte die rechte Lebenslust, die sich auf alle übertrug. Eine besonders erwähnenswerte Leistung war der Auftritt der drei Musikschul-Cellistinnen Johanna Wilke, Sophie Kroiher und Mara Kurz, die für ihr Alter beträchtliches Können am Instrument zeigten und mit der Fuge Nr. 7 des Luther-Gesellen Johann Walther (1496–1570) auch gleichzeitig das früheste Werk dieses Programms anstimmten.

Beachtenswert auch das größtenteils gelungene Zusammenspiel über wirklich weite Distanzen im Kirchenraum, denn nicht selten wurde aus allen vier Himmelsrichtungen mehrchörig mit alten Posaunen, Dulcian, Zink, Saxofon, Fagott und Flöten geblasen oder auf Gambe, Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass gestrichen oder mit Gitarre, Laute und Theorbe gezupft oder mit Cembalo und Trommel gehämmert, dass es nur so bebte. Insgesamt ein klanglich berauschendes, kurzweiliges Konzert.

‚Gefährliche Briefschaften‘ zum Abschluss

Den Abschluss markierte das von Autorin Babette Hesse (Texte) und Wolfgang Katschner (Musikauswahl) zusammengestellte Programm ‚Gefährliche Briefschaften‘, welches dem Schauspieler und Sänger Gustav Peter Wöhler und der Sängerin Susanne Ellen Kirchesch direkt auf den Leib geschrieben war. Besonders an der Veranstaltung war nicht nur die literarisch-musikalische Symbiose des Themas, sondern auch sein idyllisch-ländlicher Aufführungsort: Die riesige alte Scheune mit Holzständern und knarzendem Dielenboden bot das passende Ambiente für diese – fiktive – 300 Jahre alte Geschichte, in der sich Lord Parzeval an Lady Miranda brieflich heranpirscht. Eine köstliche Sprache und dazu wohlfeile Lieder untermalten das Geschehen im Londoner Opernmilieu des beginnenden 18. Jahrhunderts, als Händels italienische Opern nicht mehr das Maß aller Dinge waren und so ‚unverfrorene‘ Werke wie John Gays und Johann Christoph Pepuschs 'The Beggar's Opera' dem Altmeister den Rang abliefen. Der unerschöpfliche Humor der beiden Darsteller bei der Rezitation, Kircheschs betörend lieblicher Gesang sowie die musikalische Einfühlsamkeit der Lautten Compagney Berlin verhalfen dieser zweistündigen Premiere zu einem sensationellen Erfolg. Das war Kleinkunst in Bestform.

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Kritik von Manuel Stangorra

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