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Dienstag, 11. Dezember 2018

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Thomas de Vries, Copyright: Karl & Monika Forster

Thomas de Vries, © Karl & Monika Forster

Sehenswerte 'Meistersinger' in Wiesbaden

Liebesgesang am Bügelbrett

Altherrenverein hält eisern an der Tradition fest: Blind, unbeweglich, vom Lebensüberfluss und -überdruss gezeichnet, beharrt er stoisch auf einem Regelwerk, das sich längst überlebt hat. Das gab es zu allen Zeiten. Auch die Revolte, die irgendwann nicht mehr zu verhindern ist. Und die Unfähigkeit der nachwachsenden Generation, im Augenblick des Aufbegehrens das Überholte herauszufiltern und jene Ideale, die jenseits jeglichen Wandels Bestand haben, weiterzutragen. So müssen die Grundwerte menschlichen Seins immer wieder neu entdeckt werden. Doch das ist eine andere Geschichte.

Regisseur Bernd Mottl erzählt 'Die Meistersinger von Nürnberg' von Richard Wagner in einer Neuinszenierung am Staatstheater Wiesbaden als reales Drama einer Männergeneration, die im autoritären System groß wurde und, geprägt von Tugenden wie Pflicht, Gehorsam und Disziplin, sich jeglicher Fortentwicklung standhaft widersetzte. Das Ergebnis dieser Unbeweglichkeit zeigt Mottl in einer sehr realen Sicht auf die Meistersinger als ein Club altersstarrsinniger Herren, körperlich und mental gezeichnet von Untugenden wie Maßlosigkeit und Überheblichkeit, geschlagen von Blindheit und körperlichen Gebrechen.

Wagner im Pflegeheim

Sie fristen ihre Tage in einem Pflegeheim, einem ‚Haus mit Herz‘ wie es das Logo auf Kitteln, Taschen und Eingangstür markiert, mit Pflegebett und Essen auf Rädern. Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich das Vereinslokal ‚Alt Nürnberg‘ mit Festsaal, wie es im vorigen Jahrhundert üblich war. Friedrich Eggert baute dafür detailgetreue, naturalistisch ausgestattete Bühnenbilder und entwarf Kostüme, die die Tradition und den Zeitgeist abbilden. Hier trifft sich die Jugend, laut Wagners Original die Lehrbuben der Meister, nach Mottls Deutung die Pfleger der Alten, hilfsbereit und fürsorglich im Umgang mit ihnen, voller Verständnis für deren Marotten, bedacht darauf, keine Unregelmäßigkeit im scheinbar gewohnten Ablauf zu gestatten, und doch ganz verortet in ihrer eigenen Welt mit Handy und Turnschuh, die funktioniert, weil die Alten daran keinerlei Anteil wünschen.

Hans Sachs könnte eine Ausnahme bilden. Er erkennt die Verbohrtheit seiner Clubmitglieder und die Meistersinger-Qualität von Walther von Stolzing und besitzt die Fähigkeit, den Jungen zur Meisterschaft im aufgeweichten Regel-Korsett zu führen. Doch Mottl zeigt ebenso direkt, dass Hans Sachs den Verlust von Frau und Kind nie überwunden hat und den Blick für die Jugend darauf reduziert, um wiederzufinden, was er einst verlor und sich dadurch zu mehr Peinlichkeit hinreißen lässt, als das Alter verdient. Linkisch tänzelt er beim misslichen Balzversuch um Eva auf dem Brunnenrand. Sein Plädoyer für die Wahrung der ‚Deutschen Meister‘ geht im revolutionären Schlussfinale unter.

Oliver Zwarg verkörpert diese mitleiderregende Pein des Hans Sachs wie dessen Trauer und Sucht nach Zuneigung darstellerisch wie sängerisch überzeugend. Betsy Horne spielt Eva als modernes junges Mädchen, Erik Biegel agiert stimmlich vielfarbig und quirlig als David. Als großartiger Sänger-Darsteller erweist sich Marco Jentzsch in der Rolle des Walther von Stolzing. In Motorradmontur betritt er als hünenhafter Siegfried-Blondschopf auf der Suche nach seiner Freundin Eva das Vereinslokal, persifliert stimmlich überaus witzig die alten Herren, ersinnt beim sachverständigen Hemdenbügeln das Meisterlied, zwängt sich bereitwillig in den Trachtenanzug, um nach dem Triumph um Evas Hand sich dieser Gesellschaft ebenso schnell wieder zu entziehen. Überhaupt bietet Mottl eine Fülle an Details in der Personenführung wie in choreographierten Szenen mit einem exquisiten Extrachor aus ausgewählten jungen Nachwuchssängerinnen und Nachwuchssängern und mitreißenden Chorszenen im Finale. Flink filmen die Choristen den Meistersinger-Auftritt Walther von Stolzings vor der Altherren-Jury mit ihren Handys und machen Selfies mit dem Helden, während Hans Sachs sich abmüht, die Grundidee der Meistersinger zu retten.

Diese Dynamik auf der Bühne befeuert wesentlich Patrick Lange am Pult des Staatstheater-Orchesters. Souverän garantiert er musikalischen Zusammenhalt in einer darstellerisch so differenziert ausgestalteten Inszenierung, die das Wagner-Publikum in bester Weise unterhält und Jugend für die Oper begeistert.

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Kritik von Christiane Franke

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Die Meistersinger von Nürnberg: Premiere

Ort: Hessisches Staatstheater,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Patrick Lange (Dirigent), Orchester des Staatstheaters Wiesbaden (Orchester), Oliver Zwarg (Solist Gesang)

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