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Montag, 17. Dezember 2018

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Michael König (Lohengrin) und Simone Schneider (Elsa von Brabant), Copyright: Matthias Baus

Michael König (Lohengrin) und Simone Schneider (Elsa von Brabant), © Matthias Baus

'Lohengrin'-Premiere in Stuttgart

Narkotische Wirkung

‚Blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung‘ sei Wagners Musik zu 'Lohengrin', äußerte Friedrich Nietzsche besonders mit Blick auf die sich motivisch durch das Werk ziehenden irisierenden Streicherklänge. Eine ähnlich mitreißende Sogwirkung entfaltete – jedenfalls musikalisch – die Premierenvorstellung an der Stuttgarter Staatsoper.

Intensive Dialoge

Árpád Schillings Regie-Konzept gerät im Vergleich dazu insgesamt buchstäblich etwas farblos. Nicht nur bedient er sich einer minimalistisch kargen Ausstattung, vorherrschend sind auch dunkle Grautöne. Für Farbtupfer sorgen einzig die grell bunten Kostüme der Chordarsteller im betont legeren 90er-Freizeit-Look. Wirkungsvoll eingesetzte Parameter sind dagegen die fahl mattierte Ausleuchtung und die räumlich steil nach hinten abfallende Bühne. Nur bedingt verfängt die etwas sparsame Symbolik, zentrales Element ist ein auf der Bühne gezogener weißer Kreis, in den man de facto im besten Wortsinn alles Mögliche hineininterpretieren kann. Gemeint sein dürfte – zumindest auch – der Aspekt gegenseitiger sozialer Aus- und Abgrenzung der Charaktere und sozialen Schichten. Eher karikaturistisch wirkt die sporadische Verwendung zerzauster Schwanen-Requisiten. Die Figur des Lohengrin wird im Handlungsverlauf stringent entwickelt – vom anfangs unsicher fremdbestimmten Neuankömmling zum zunehmend selbstbewussten, zu seiner Herkunft und eigentlichen Bestimmung stehenden Gralskönigssohn. Mitunter hat die auf jegliches Beiwerk verzichtende bloße Konzentration auf die Figuren auch ihr Gutes: So profitiert davon etwa die Intensität der Dialoge zwischen Ortrud und Friedrich bzw. zwischen Elsa und Ortrud. Die kostümiert abgebildete Schwarz-Weiß-Klassifizierung der beiden letzteren in Gut und Böse ist etwas simpel, aber eingängig und erinnert optisch fast ein wenig an die vorangegangene (von Anfang an allerdings von der missglückten Regie-Zusammenarbeit mit Stanislas Nordey überschatteten) Stuttgarter 'Lohengrin'-Produktion aus dem Jahr 2009.

Volltreffer

Musikalisch gesehen ist die erste Premiere unter Viktor Schoner als neuem Intendanten ein absoluter Volltreffer. Verantwortlich dafür zeichnen an vorderster Front das dynamisch-vitale Dirigat von Neu-GMD Cornelius Meister und der von Manuel Pujol einstudierte Chor. Meister versteht es (von ein paar Unsauberkeiten in den Sphären des eingangs zitierten Streichermotivs abgesehen) exzellent, die richtige Klangbalance gegenüber den Sängern herzustellen, und saugt gleichzeitig die Partitur auf denkbar vielfältig schattierte Weise mit allen klanglichen Sinnen auf. Auch der Kunstgriff, Trompeten-Fanfaren von den ersten Rängen des Zuschauerraums herab zu intonieren, trifft wirkungstechnisch ins Schwarze. In Gala-Form präsentiert sich der Staatsopernchor und rechtfertigt nachdrücklich das ihm erst kürzlich verliehene Prädikat ‚Opernchor des Jahres‘. Weitgehend zu überzeugen wissen auch die Darsteller: Beide weibliche Hauptfiguren in ihren jeweilige Rollendebüts (Simone Schneider als Elsa sowie Okka von der Damerau als Ortrud) besitzen geschmeidiges Volumen und Wagner-taugliches Timbre. Lediglich Simone Scheider benötigt ein wenig Anlaufzeit, um ihre fraglos großen Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Michael König in der Titelpartie fehlt ein wenig die charismatische Durchschlagskraft, Martin Gantner (Friedrich von Telramund) agiert schauspielerisch und stimmlich über weite Strecken solide. Goran Jurić (Heinrich) strahlt kraftvolle Bass-Souveränität aus und Shigeo Ishino verleiht den Worten des Heerrufers würdevolles Gewicht.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Lohengrin : Romantische Oper in drei Aufzügen

Ort: Staatstheater,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Chor der Staatsoper Stuttgart (Chor), Cornelius Meister (Dirigent), Staatsorchester Stuttgart (Orchester), Simone Schneider (Solist Gesang), Okka von der Damerau (Solist Gesang), Michael König (Solist Gesang)

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