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Montag, 17. Dezember 2018

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Schönbergs 'Moses und Aron' an der Semperoper

Sinnliches Ideendrama

Die Oper 'Moses und Aron' von Arnold Schönberg ist ein unwahrscheinliches Erfolgsstück: ein Ideendrama und religiöses Bekenntniswerk mit metaphysischer Thematik und wenig äußerer Handlung, eine musikalisch-technische und intellektuelle Herausforderung für die Musiker und das Publikum – und in der Zwölftontechnik komponiert, die – als das, was gemeinhin mit dem Namen Schönberg verbunden wird – beim Großteil des traditionellen Opernpublikums wohl eher berüchtigt ist.

Allerdings liegen auch nur in wenigen Werken des Musiktheaters die Grundgedanken so klar zu Tage und werden so anschaulich durchgeführt wie in dieser zweiaktigen, zwischen 1930 und 1932 komponierten Oper, deren dritten Akt Schönberg zwar gedichtet, aber nicht mehr vertont hat (er fehlt keineswegs) und deren szenische Uraufführung in Zürich 1957 er nicht mehr erlebte. Im Zentrum steht die Frage nach der angemessenen Vermittlung der monotheistischen Gottesidee, der Idee des ‚einzigen, ewigen, allgegenwärtigen, unsichtbaren und unvorstellbaren‘ Gottes, von der Moses spricht, und die Gefahr ihrer Verfälschung durch diese Vermittlung. Die von Schönberg entwickelte Methode ‚mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen‘ korrespondiert hier kongenial mit dem Sujet: der Gottesgedanke, zu dem Moses sich bezeichnenderweise nur im Sprechgesang zu äußern vermag (‚Meine Zunge ist ungelenk. Ich kann denken, aber nicht reden.‘), mit dem Dogma der Zwölftonreihe einerseits und die sprachliche Vermittlung jenes Gedankens mit dem ‚freien‘ Gesang von Moses‘ Bruder Aron andererseits.

Schönbergs Sinnlichkeit

An der gut besuchten Dresdner Semperoper (dritte Vorstellung) wurden nun alle Vorbehalte, die es gegenüber Schönberg und seiner Musik geben mag, mit bestechender Qualität hinweggefegt. Die Staatskapelle Dresden unter Leitung von Alan Gilbert, dem designierten Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters, zeigte mit schwungvollem, gleichsam angstfreiem Zugriff, in welchem Maße Schönberg ein Ausdrucksmusiker gewesen ist. Die faszinierende, ganz eigene Sinnlichkeit dieser Klangsprache und ihre Modernität, auf die das Attribut ‚zeitlos‘ wirklich einmal zutrifft, stellte sie mit Aplomb heraus. Bis in die Nervenenden der Partitur wurde hier sensibel musiziert, intensiv und jeder Ausdruckslage gewachsen. Das makellose Blech blies zur Attacke; am Ende schien die Streicherlinie, die Moses‘ letzte Worte begleitet, zu glühen. Ein Höhepunkt war die kalte Drastik, mit der die Staatskapelle beim Tanz um das Goldene Kalb das Chaos der Orgie darbot, und so eindrucksvoll unterstrich, dass es sich hierbei um oberflächliche, vergängliche Genüsse ohne ‚seelische Tiefe‘ handelt.

Die schlüssige Regie von Calixto Bieito stellte erst hier ihre inhaltliche Deutung heraus, so werkdienlich und zurückgenommen – im Sinne einer reifen, souveränen Meisterschaft – hatte der Katalane den ersten Akt zur Geltung gebracht. Dort hatten die Wunder, die Aron vollbrachte, das Volk der Israeliten direkt befallen (mit spastischen Anfällen, wenn der Stab zur Schlange wird, bis hin zu dem Schnitt, mit dem Aron das Blut aus den Stirnen fließen ließ), und entsprechend entfaltete die buchstäbliche Wunderheilung ihre Überzeugungskraft an jedem einzelnen. Am Beginn des zweiten Akts nutzt Aron Moses‘ Abwesenheit, um den Götzen herzustellen, mit dem er dem Volk die Idee Gottes erneut anschaulich zu machen versucht; dass diese hierbei korrumpiert wird, nimmt er in Kauf. Der Götze ist ein sehr gegenwärtiger, wie das Geschehen überhaupt in einer abstrakten Gegenwart verortet ist; die schlichte, in gedeckten Farben gehaltene Arbeiterkleidung der Israeliten trägt zu diesem Eindruck bei (Kostüme: Ingo Krügler).

Der digitale Mensch

Für Bieito sind die Heilsversprechen des Silicon Valley, die vorgeben, den ‚neuen‘ Menschen und als solchen den immer auch als besser imaginierten ‚digitalen Menschen‘ schaffen zu können (bis hin zu seiner Vergöttlichung), das Goldene Kalb unserer Zeit. Das feiernde Volk setzt sich 3D-Brillen auf, die Orgie kommt in Gang. Über die weißen Wände des Quaders – des durchgängigen, abstrakten Bühnenbilds mit seiner absenkbaren und aufstellbaren, meist schrägen Rückwand (Rebecca Ringst) – laufen Einsen und Nullen sowie Programmiercodes, dann illuminieren verpixelte Filme mit Motiven aus Natur, Wirtschaft und Pornographie die Bühne, die hier zum einzigen Mal bunt ist (Video: Sarah Derendinger). Dazu, wie erwähnt, Schönbergs Musik in dieser Ausführung – ein großer Theatermoment.

Die Pixel gehen in ein schwarzweißes Störsignal über, als Moses auf der Rampe erscheint (wirklungsvolles Licht: Michael Bauer). Sir John Tomlinson gestaltet den Anführer wider Willen, dessen Glaubensgewissheit und ergreifendes Ringen um das Wort erstklassig mit Präsenz und Sensibilität und mit einem raumfüllenden Sprechgesang, dessen Ausdruckstiefe der superben Diktion in nichts nachsteht. Wie Sir John ist auch Lance Ryan Brite und mit dem deutschen Repertoire vertraut: Als Aron agiert er souverän (er trägt einen Business-Anzug, während Moses, der Unverfälschte, lange Zeit im Unterhemd mit Hosenträgern zu sehen ist). Das Belcantische ist bei diesem Heldentenor gut aufgehoben. Einbußen sind hingegen bei der Textverständlichkeit und in der manchmal zu grellen Höhe zu verzeichnen.

Der Chor als Hauptdarsteller

Doch der eigentliche Hauptdarsteller dieser Oper ist der Chor – ihm gebührt das größte Lob. Der Sächsische Staatsopernchor Dresden, erweitert um den Extrachor und den Kinderchor der Semperoper sowie das Vocalconsort Berlin, beherrscht das gesamte Spektrum von Sprechgesang, Polyphonie und Massenklang, das Schönberg ihm abverlangt; wohlgemerkt ohne ein harmonisches Gerüst, auf das er sich stützen könnte (Chorleitung: Jörn Hinnerk Andresen). Gleich zu Beginn, bei der vielstimmig komponierten göttlichen Stimme aus dem Dornbusch, mit den geschmeidigen Solostimmen von den Emporen, zeigt sich seine Qualität: kompakt und hochdifferenziert zugleich, bei aller Verästelung hochbeweglich – im Verbund mit der klugen, ihrerseits differenzierten Personenführung ein Klangkörper wie aus einem Guss, wankelmütiger Akteur und bedrohliche Masse. Die Choristen und die Chorsolisten (stellvertretend sei Tahnee Niboro genannt) überzeugen auch darstellerisch, beileibe keine Selbstverständlichkeit. ‚O Wort, du Wort, das mir fehlt‘, singt Moses am offenen Schluss dieser Oper; das Volk ist schon weitergezogen. Schönbergs 'Moses und Aron' in Dresden: ein intensiver, beeindruckender Opernabend.

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Kritik von Dr. Dennis Roth

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Moses und Aron: Arnold Schönberg

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Arnold Schönberg

Mitwirkende: Vocalconsort Berlin (Chor), Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Alan Gilbert (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Lance Ryan (Solist Gesang), John Tomlinson (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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