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Samstag, 20. Oktober 2018

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Chefdirigent Robin Ticciati moderiert ein Casual Concert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, Copyright: Kai Bienert

Chefdirigent Robin Ticciati moderiert ein Casual Concert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, © Kai Bienert

Robin Ticciati, das DSO und die Siebte in Berlin

Chill mal, ist doch nur Bruckner!

Bruckner und ‚casual‘: Das ist nicht unbedingt das, was einem als Erstes einfällt, wenn man an die 7. Symphonie in E-Dur denkt. Da finden sich überall Zwischenüberschriften wie ‚sehr feierlich‘, und eine Fortissimo-Passage kracht auf die nächste. Und doch passte die Aufführung der Siebten in den Rahmen der Casual Concerts des Deutschen Symphonie Orchesters (DSO), weil Dirigent Robin Ticciati und seine ebenfalls in Alltagskleidung antretenden Musiker und Musikerinnen dieser machtvollen Musik alles Erdrückende nahmen und sie damit neu zugänglich machten. Meine Sitznachbarin sagte jedenfalls nach dem letzten, gleißenden herausgehämmerten E-Dur-Akkord: ‚Ich dachte immer, Bruckner sei schwere Musik, aber das klang so leicht und beschwingt! Und die Musiker haben das mit solcher Energie gespielt. Toll, toll, toll!‘

Das fasst den Abend in der Philharmonie ganz gut zusammen, bei dem es freie Platzwahl für alle gab und bei dem ein auffallend junges und international durchmischtes Publikum kam, das typisch für das ‚neue‘ Berlin ist. Dazu passte Robin Ticciatis Ansprache. Er kam mit Mikrofon aufs Podium und stellte sich in grauen New-Balance-Turnschuhen vors Orchester, um zu erklären, worum es in Bruckners Siebter geht: mit Bordellgeschichten und vielen Klangbeispielen. Ticciati tat das fast so souverän wie man‘s im Berliner Klassikbetrieb sonst nur von Barrie Kosky an der Komischen Oper kennt. Und er tat es (genau wie Mr. Kosky) halb auf Englisch und halb auf Deutsch. Was eine so charmante Mischung gab, dass der Saal fasziniert zuhörte. (Bordellgeschichten funktionieren immer, könnte man meinen. Sie geben Bruckner auch eine zutiefst menschliche Dimension, die gut tut.)

Locker und zart

Schon dieser persönliche und leidenschaftliche Vorabvortrag nahm Bruckner alles teutonisch Erhabene, das er spätestens seit dem Moment hat, als Hitler die Bruckner-Büste in Walhalla aufstellen ließ, um anschließend Österreich ‚heim ins Reich‘ zu holen. Ticciati spielte diese Musik mit dem DSO mit neuem Anspruch und New Balance. Es war ein Bruckner der weichen Konturen, mit zarten Passagen, es gab eine geradezu Mendelssohn‘sche Lockerheit zu bewundern und zwischendurch ohrenbetäubende Tutti-Stellen. Das war vielleicht noch nicht ideal ausbalanciert in der Gesamtarchitektur, weil die Fortissimi mehr oder weniger alle gleich klangen, und somit das erste beim ersten Vorstellen der ersten Themas nicht nennenswert anders klang als die gigantische Klangexplosion im Adagio – die eine der überwältigendsten Klimaxe der Musikgeschichte ist. Oder sein sollte. Bei Ticciati war sie eine unter vielen.

Aber das störte nicht wirklich, weil man immer merkte, dass Ticciati was zu erzählen hat, dass da etwas passiert, dass sich da jemand mitteilen möchte und mitteilen kann. Sein blendend aufgelegtes Orchester unterstützte Ticciati dabei mit Totaleinsatz. Es stürzte sich in diese Bruckner-Aufführung, als hätten die Streicher vorher Ecstasy-Tabletten eingeworfen. Speziell der Konzertmeister steigerte sich und sein Team in einen Furor, wie ich ihn selten erlebt habe. Das hatte was. Und das 1. Horn spielte so unfassbar wunderbar – auch zusammen mit den Blechbläser-Kollegen –, dass es eine Freude war, ihnen zuzuhören. Das war Weltklasse und dafür gab es am Ende tosenden Sonderapplaus. Auch für die Wagner-Tubisten, die Ticciati vorher einzeln (namentlich) vorgestellt hatte.

Karajan und Wand

Ich selbst habe in der Vergangenheit im Großen Saal der Berliner Philharmonie einige der grandiosesten Bruckner-Abende meines Lebens gehört, zu denen vor allem die mit dem späten Herbert von Karajan und Günter Wand zählen, jeweils mit den Philharmonikern. In diese Preisklasse ist Ticciati noch nicht aufgerückt, ich vermute, weil er noch lernen muss, das mit der Dynamik besser auszutarieren, was nur mit Erfahrung geht. Günter Wand klang auch nicht von Anfang an so, wie man ihn von seinen letzten RCA-Aufnahmen kennt (die Live-Mitschnitte der erwähnten Berlinkonzerte). Während Ticciatis Aufnahmen von Schumann und Brahms bereits jetzt auf ihre Weise ‚perfekt‘ sind, scheint er zu Bruckner noch unterwegs zu sein. Fürs Publikum in Berlin ist es ein Luxus, ihn hoffentlich lange auf diesem Weg begleiten zu dürfen. Weil es vor allem Spaß macht, Ticciati und das DSO beim Musizieren zuzuhören und zuzuschauen!

Nach dem Konzert verwandelte sich das große Foyer der Philharmonie in eine DJ Lounge. Und auch wenn mir persönlich die Musik dort viel zu laut war, um ein normales Gespräch zu führen, war es toll, nach dem ‚Bruckner Blast‘ zu verweilen und zu chillen. Dabei entstand eine Feierlichkeit, die sicher nicht im Sinn von Bruckner ist – die aber sehr zum Hier und Heute von Berlin passt und zu einer Neuausrichtung des Klassikbetriebs. Übrigens: Alle, denen eine solch eine Casual-Herangehensweise an Bruckner zuwider ist und die sich nach einem traditionelleren Format sehnen, konnten am Tag zuvor die gleiche Symphonie kombiniert mit Debussys 'Prélude à l'après-midi d'un faune' und der deutschen Erstaufführung von Lera Auerbachs Violinkonzert Nr. 4 ('NYx: Fractured Dreams') erleben: in schwarzen Fracks, mit Pause, ohne DJ und ohne Turnschuhe. Aber auch mit einem sehr anderen Publikum.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Casual Concert: Bruckner Symphonie Nr. 7: Robin Ticciati und das DSO

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Anton Bruckner

Mitwirkende: Robin Ticciati (Dirigent), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (Orchester)

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