> > > > > 02.11.2018
Mittwoch, 14. November 2018

1 / 3 >

Claudia Mahnke (Judith), Falk Struckmann (Herzog Blaubart), Copyright: Matthias Baus

Claudia Mahnke (Judith), Falk Struckmann (Herzog Blaubart), © Matthias Baus

'Herzog Blaubarts Burg' in Stuttgart

Der scheinbare Ausweg über den Tränensee

Bei der Stuttgarter Premiere zu Béla Bartóks Oper 'Herzog Blaubarts Burg', die dieses Jahr das 100-jährige Uraufführungsjubiläum feierte, wird das Publikum bereits vorab mit unterschiedlichen Fragen konfrontiert: Einerseits fragt man sich, was die Lokalität des Alten Paketpostamts mit sich bringen wird, und andererseits versucht man die Frage ‚Was versteckst Du?‘ der Stuttgarter Intendanz als Anregung in den Opernabend mitzunehmen. Zumindest die erste Frage wird augenscheinlich gleich beim Betreten des Alten Paketpostamtes beantwortet, wenn jeder einzelne Premierengast in den düster wirkenden Hallen Amtes mit Gummistiefel-artigen Schutzüberzügen ausgerüstet wird. Es folgt eine philosophische Einführung in das Stück durch einzelne Zeremonienmeister und das Publikum muss in kleineren Kollektiv-Gruppen bedächtig und nachdenklich durch die teilweise geflutete Kulisse schreiten: Es gibt keine Möglichkeit, sich in Trennung vom Bühnengeschehen auf eine Wohlfühlebene zurückzuziehen, sondern das Publikum watet selbst durch das Reich von Herzog Blaubart. Jeder Einzelne bzw. jede Einzelne betritt damit quasi als Voyeur oder teilhabender Protagonist den in Grau und einzelnen Lichtstufen getauchten Bühnenraum. Hans Op de Beeck, der sich sowohl für die Rauminstallation als auch für die Regie, Kostüme und Lichttechnik verantwortlich zeigt, schafft es durch diesen einzigartigen Ansatz, 'Herzog Blaubarts Burg' eine Multidimensionalität zu verleihen: Dies geschieht nicht wie schon so oft in Stuttgart durch Videoinstallationen, sondern durch die Eingliederung des Publikums in den expressiven, neugierigen und erdrückenden Kosmos von Herzog Blaubart. Im Wandeln durch die angedeutete Seenlandschaft verspürt man bereits vor Beginn des Stückes die eigenartige Mischung aus Sehnsucht und Verlassenheit und ahnt durch flüsternde Stimmen aus Deckenlautsprechern und musikalische Blechbläserklänge, welches faszinierende Konfliktpotenzial unter der Oberfläche bereits vor sich hin brodelt.

Element Wasser: Tränen und Hoffnung zugleich

In der Inszenierung formt Hans Op de Beeck insgesamt einzelne Wasser-Analogien, die von Béla Balász in das Libretto aufgenommen wurden, zum wohl zentralen Element des Abends: Nicht nur das düstere Seen- oder Grotten-Umfeld trägt hierzu bei, sondern das Wasser scheint als Tränenmeer der verflossenen und getöteten Frauen Blaubarts vielmehr auch das Verschwimmen aller verfügbarer Grenzen voranzutreiben. Anstatt der Festungsmauern von Herzog Blaubarts Burg wird eher der mit trübem Wasser gefüllte Burggraben (ohne Burg) in den Vordergrund gerückt. Als hermeneutische Brücke fungiert aber schließlich der lange Steg in diesem Gewässer, auf dem sich die schaurig-faszinierende Handlung konzentriert. Hier tritt Herzog Blaubart mit seinem Fahrrad auf und Judith beginnt ihren neugierigen Dialog mit Blaubart – nachdem sie mit vollgepacktem Rucksack durch das Wasser in das Reich eingetaucht ist. Die Neugier Judiths nach den verschlossenen Türen Blaubarts und ihre sich immer mehr intensivierende Beziehung zu ihm wird im Zwiegespräch auf dem Steg offenkundig. Dabei scheint das umgebende Gewässer allerdings zugleich als furchteinflößender Tränensee und Hoffnungsanker zu fungieren. Die Handlung spitzt sich speziell in dieser Raumkonstellation drastisch zu und mit der letzten (angedeuteten) Schlüsselübergabe am Ende des Stegs wird die Vorahnung, die sich im finsteren, ambivalenten Raum bereits ausgebreitet hat, zur Gewissheit: Herzog Blaubart hat Judiths Vorgängerinnen nicht lebendig aus seiner Burg entlassen und für Judith und ihn scheint es ebenfalls keine gemeinsame Zukunft zu geben. Hans Op de Beeck lässt Blaubart nach dieser blutrünstigen Offenbarung allerdings still und zurückgezogen vom Steg abgehen und stattet das Ende der Oper mit einem etwas unklaren Interpretationsspielraum aus. Ob dies die allgemeine Chiffre auf weitere potenzielle ‚unmögliche‘ Paare verdeutlichen soll, auf die der Regisseur besonders Wert legt, wird nicht deutlich, aber die Handlung und die Inszenierung hinterlassen deutliche Spuren der Ergriffenheit beim Publikum.

Musikalische Tiefgründigkeit

Im Einklang mit dem Motto ‚Stille Gewässer sind tief‘ muss damit einhergehend sowohl dem Staatsorchester Stuttgart unter Titus Engel als auch Falk Struckmann und Claudia Mahnke eine musikalische Tiefgründigkeit attestiert werden, die wesentlich zur Gelungenheit des Abends beiträgt. Bassbariton Falk Struckmann überzeugt von Beginn an als Herzog Blaubart und schafft eine vortreffliche Stimmbalance von stark expressiven, klangvollen zu intimen, geheimnisvollen Facetten. Er verkörpert einen sehr dynamischen Blaubart und bleibt den ganzen Abend über agogisch und klanglich präsent. Als perfekte Ergänzung hierzu fungiert die Mezzosopranistin Claudia Mahnke, die nicht nur szenisch eine treffliche Judith abgibt, sondern stimmlich alles aus ihrer Rolle herausholt. Ihre sehr klangintensive Stimme wirkt deutlich betörend und spiegelt somit auch stimmlich die Neugier ihrer Rolle wider. Orchestral gesehen hat Titus Engel die Zügel bzw. den Taktstock sehr straff in der Hand und führt das Stuttgarter Staatsorchester eindrucksvoll durch die farbreiche und expressive Klangsprache Bartoks. Obgleich er mit zusätzlichem Trompetenchor gerade die ausladenden Tutti-Stellen im Orchester zu zelebrieren weiß, schafft er es, auch die intimeren, psychologisch filigranen Passagen gebührend auszukosten. Bei manchen Übergängen wählt er einen etwas eigenen Zugang, formt den Stuttgarter Klangkörper jedoch zu einer gelungenen Einheit. Insgesamt fesselt die (Neu-)Produktion durch die belebte Multidimensionalität im Paketpostamt und die qualitätsvolle künstlerische Besetzung, eröffnet allerdings auch viele Fragen und Neubewertungen zu Bartóks einzigartigen Einakter.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Lorenz Adamer

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Herzog Blaubarts Burg: Béla Bartók

Ort: Staatstheater,

Werke von: Béla Bartók

Mitwirkende: Titus Engel (Dirigent), Staatsorchester Stuttgart (Orchester), Claudia Mahnke (Solist Gesang), Falk Struckmann (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2018) herunterladen (4200 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Dimitri Schostakowitsch: Klavierkonzert Nr.2 F-Dur op.102 - Allegro

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich