> > > > > 17.02.2019
Sonntag, 24. März 2019

1 / 5 >

Julian Prégardien (Tamino) und Tuuli Takala (Königin der Nacht), Copyright: Monika Rittershaus

Julian Prégardien (Tamino) und Tuuli Takala (Königin der Nacht), © Monika Rittershaus

Beeindruckende Sicht auf Mozarts 'Zauberflöte'

Reduktion auf das Wesentliche

Was macht man mit einer Oper, deren Neuinszenierung, nimmt man sie ernst, den Ernst- und Problemfall einer Opernaufführung schlechthin bedeutet, weil es kaum ein anderes Werk wie Mozarts 'Zauberflöte' gibt, das so tief in unserem kulturellen Bewusstsein verankert ist? Man vermeint sie genau zu kennen und erhebt dadurch immer zur Wahrheit, was man als solche versteht, konstatierte einmal Ernst Bloch. In die gleiche Richtung geht der renommierte Germanist Peter von Matt, wenn er feststellt, dass die Bedeutung der 'Zauberflöte' so rätselhaft sei, dass nicht einmal eindeutig zu sagen wäre, worin das Rätsel eigentlich bestehe.

Dabei ist im Prinzip schon der Titel irreführend, denn Mozarts Opus ultimum aus dem Jahre 1791, wenige Wochen vor seinem Tode uraufgeführt, ist eben mehr als eine krude Mischung aus Zaubermärchen, Maschinentheater und volkstümlicher Komödie, angereichert mit Ideen aus den Mysterien der Freimaurer. Ein Blick in die Partitur genügt, um zu merken, dass diese Sichtweise trügerisch ist. Spätestens seit Jan Assmanns grundlegender Untersuchung zu dieser Oper ist klar, dass es sich um ein stringentes, komplexes Werk handelt, bei dem Mozart geschickt und intelligent mit den vielfältigen Formen der Oper gearbeitet hat.

Kindliches Marionettenspiel

Der Dirigent Wilhelm Furtwängler sprach einst davon, dass es zum richtigen Verständnis der 'Zauberflöte' einer ‚zweiten wiedergefundenen Naivität‘ bedürfe. Regisseur Yuval Sharon hat sich das wohl zu Herzen genommen und legt nun seine Sichtweise in der Berliner Staatsoper Unter den Linden vor. Die Erwartungshaltung war groß. Sharon schert sich nicht um überkommene Konventionen und hat den Mut, einen völlig neuen Blick auf die Oper zu werfen. Mit einer kindlichen Sicht dekonstruiert er das komplexe Werk auf ein kindliches Marionettenspiel. Die Bühne (Mimi Lien) erscheint als Augsburger Puppenkiste und alle Akteure hängen an Seilen und schweben tatsächlich von oben nach unten, eine stellenweise akrobatische Leistung des Gesangspersonals. Die Sprechtexte wurden von Kindern wie bei einem Hörspiel gesprochen, teilweise mit witzigen Überlegungen zur veralteten Sprache oder mancher inhaltlicher Unklarheiten. Eben in der Art, wie Kinder denken.

Die Kostüme (Walter Van Beirendonck) erinnerten an Komikfiguren, Pinocchio usw. Es blieben viele Leerstellen, aber eben darum geht es Yuval Sharon, der nicht umsonst zu den wichtigen Impulsgebern des heutigen Theaters zählt. Er versteht sich als Geschichtenerzähler. Ihm gelingt eine kluge, naive Sicht, die Raum schafft für neue Sichtweisen. Vor diesem Hintergrund war es schlussendlich völlig gleichgültig, wie sich das Spiel auflöste. Wenn also am Ende Pamina und Tamino endlich von ihren Marionettenfäden befreit werden und schnurstracks in ihre Einbauküche ziehen, wo die Feuer- und Wasserprobe am Gasherd, Geschirrspüler und am Küchentisch stattfindet, so mag das eingefleischte Opernbesucher erzürnen, wie die spontanen Buhs bewiesen, hat aber eine gewisse Konsequenz, die beiden sind angepasst. Papageno und Papagena bleiben logischerweise die Führungsfäden am Ende erhalten. Es geht Yuval Sharon um das Spiel selbst, erst in dessen Widerschein kommen die Menschen zu ihrem wahren Sein. Wer da an Schiller denkt, liegt nicht ganz verkehrt. Indem diese Inszenierung auf die üblichen spektakulären Effekte verzichtet, bedrängte sie das Publikum auf eine andere Art.

Abseits des Üblichen

Das galt auch für die Auswahl des Gesangsensembles. Wer hier kulinarische Schmeck-Leckereien für Stimmbandfetischisten erwartete, wurde herb enttäuscht. Hier wurde ein genaues Hinhören gefordert, da gesangliche Umsetzung in vieler Hinsicht nicht dem Üblichen entsprach. Besonders beeindruckend Serena Sáenz Molinero, die kurzfristig einsprang. Ihr Duett mit Tamino (Julian Prégardien) zählte zu den Höhepunkten des Abends. Das Verweilen oder Verstummen der drei Knaben wurde von Solisten des Tölzer Knabenchores kongenial umgesetzt. Sie entwickelten durch langsame innere Tempi eine Weiträumigkeit, die eine imaginäre und stimmungshafte Entwicklung erschuf, die bei aller Unbestimmtheit ihres existentiellen Daseins nie in eine diffuse Unbestimmtheit mündet. Schauspieler Florian Teichmeister erweist sich als vortrefflicher Papageno. Großartig Kwangchul Youn als Sarastro. Gleiches gilt auch für Tuuli Takata als Königin der Nacht. Dirigent Alondra de la Parra legte mit der glänzend aufgelegten Staatskapelle Berlin die musikalische Struktur sensibel und eher narrativ im Sinne der Inszenierung aus.

Sicherlich sind gegen diese Art der Inszenierung auch kritische Einwände denkbar, aber Yuval Sharon hat mit Sicherheit erreicht, dass man in Zukunft bei diesem Werk wieder genauer hinhört. Leider war es am Premierenabend so, dass der Großteil der Zuschauer dieser Sichtweise nicht folgen wollten und das Regieteam mit einem wahren Orkan von Buh-Rufen überzog. Ich bin jedoch sicher, dass diese mutige Inszenierung neben der seit 25 Jahren an der Staatsoper Unter den Linden erfolgreichen historisierenden Inszenierung von August Everding ihren Platz finden wird. Man muss dem neuen Staatsopern-Intendant Matthias Schulz danken, dass er den Mut hatte, diese Inszenierung auf die Bühne zu bringen und damit gleichzeitig die stellenweise konservative Intendanz der Flimm-Ära gründlich entstaubt.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Michael Pitz-Grewenig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Die Zauberflöte: Oper von Wolfgang Amadeus Mozart

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Kwangchul Youn (Solist Gesang), Julian Prégardien (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2019) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Erich Wolfgang Korngold: Eine Nacht in Venedig - Lagunen-Walzer

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich