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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Kai Wessel, Miljenko Turk, Statisterie Oper Köln, Copyright: Hans-Jörg Michel

Kai Wessel, Miljenko Turk, Statisterie Oper Köln, © Hans-Jörg Michel

Erstaufführung von 'Mare Nostrum'

Die Oper Köln entdeckt Mauricio Kagel

Nicht zum ersten Mal gedenkt die Oper Köln ihrer berühmten Persönlichkeiten. In diesem Jahr ist es der argentinisch-deutsche Komponist Neuer Musik Mauricio Kagel, der 1957 im Rahmen eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Deutschland kam und blieb. Wahlheimat bis zu seinem Tode im Jahre 2008 wurde Köln, wo er u. a. zunächst im Studio für elektronische Musik des WDR tätig war, von 1969 bis 1975 die Kölner Kurse für Neue Musik leitete und ab 1974 als Professor für Neues Musiktheater an der Musikhochschule tätig war. Kagel war ein Künstler, Filmregisseur und Komponist, der sich Zeit seines Lebens den kritischen Blick von außen bewahrt hat. Besetzungsgewohnheiten, Gattungen, Themen und Funktionen von Musik – alles wurde auf den Kopf gestellt und hinterfragt. Seine Werke sind satirisch aufgeladen, surreal und vieldeutig, leben von naivem Hintersinn und außereuropäischen Klangfarbenreichtum, von Widersprüchen, Assoziationen und Verfremdungen.

So auch das Musiktheater 'Mare Nostrum', in dem Kagel den kolonialen Imperialismus aller Zeiten und Gesellschaften unter umgekehrten Vorzeichen zum Thema macht. Nicht ‚Kolumbus entdeckt Amerika‘, sondern hier erobert ein Stamm aus Amazonien die mediterranen Länder. Uraufgeführt 1975 in Berlin, erfährt das Werk zu Beginn dieser Spielzeit 2018/19 endlich seine Kölner Erstaufführung.

Gelungene Inszenierung

Valentin Schwarz, der für die gelungene, analytisch durchdachte, einfühlsame und humorvolle Inszenierung, die Bühne und das Video in Köln verantwortlich zeichnet, setzt neue Schwerpunkte. Während Kagel die Handlung auf die Sprache reduziert, die ursprünglich angedachte Darbietung bis auf die wiederholte Aktion der beiden Amerika und Europa repräsentierenden Gesangssolisten – sie werfen Müll ins Meer und verschmutzen die Umwelt – szenisch statisch bleibt, rückt Schwarz die Gemeinschaft, die individuelle und musikalische Begegnung nach der Apokalypse und die Rolle der Kunst in den Vordergrund. Zugleich wird das Bühnengeschehen immer wieder von eingespielten Berichten des Amazoniers und Kagel-Zitaten unterbrochen. Der kulturelle Umgang mit dem Fremden, Nachahmung, europäische Rezeption des Exotischen z. B. bei Mozart rücken in den Vordergrund.

Passend dazu die offene Raumgestaltung des Saales 3 des Staatenhauses: Zuschauertribünen, Spielfläche und Orchesterpodest wirken wie museal ausgestellte Parallelgemeinschaften. Das eine Raum-Ende stellt eine schiefe Ebene mit einem imposanten, zunächst verdeckten Torso, Strandgut, notdürftig erweitertem Zelt und einem gigantischen, sorgfältig festgezurrtem Müllpaket dar. Hier kommt man zunächst zusammen, beobachtet, imitiert, trauert, feiert, begegnet einander. Schwarz stellt dabei dem Countertenor Kai Wessel und dem Bariton Miljenko Turk, den brillant schauspielernden und viele Instrumente spielenden und virtuos singenden Gesangssolisten, zwei Schauspielerinnen zur Seite. Zur Gemeinschaft der Amazonier mit Kriegsbemalung und schwarzem, indianischem Kopfschmuck des musikalischen Leiters Arnaud Arbet gehören neben dem missionarisch anmutenden Erzähler/Bariton auch die Orchester-Protagonisten, ein Sextett aus Violoncello, Flöte, Oboe/Englischhorn, Harfe, Gitarre und Schlagzeug. Ihr Podest bildet das andere Ende und wird sich im Laufe des Abends lautlos und vermittelnd Richtung Bühne bewegen.

Fremde Kulturen treffen aufeinander. Bei Kagel umfasst allein das von Yuka Otha perfekt in Szene gesetzte Schlagwerk 29 verschiedene Klangfarben. Dazu gehören Strohhalme und Glas mit Wasser ebenso wie Papier, Eisenkette, Trillerpfeife und Folie sowie eine Vielzahl lateinamerikanischer Perkussionsinstrumente. Was wird gewonnen, wenn sich neben friedlicher Koexistenz Brücken zwischen den Kulturen auftun? Bei Schwarz überreicht der Dirigent schließlich dem Bariton symbolisch ein Berimbao-Instrument. Oder der Countertenor verlässt – begeistert die Panflöte spielend – sein Territorium und umschwänzelt das Kammerorchester.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Mare Nostrum: Musik und Text von Mauricio Kagel

Ort: Oper,

Werke von: Mauricio Kagel

Mitwirkende: Miljenko Turk (Solist Gesang), Kai Wessel (Solist Gesang)

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