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Mittwoch, 23. Oktober 2019

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Mefistofele - Opéra de Lyon, Copyright: Jean-Louis Fernandez

Mefistofele - Opéra de Lyon, © Jean-Louis Fernandez

Boitos 'Mefistofele' an der Opéra de Lyon

Die Welt als Discokugel

Der Spanier Alex Ollé aus der Truppe Compagnie La Fura dels Baus zeigt in der Oper Lyon Boitos 'Mefistofele' als opulente Bilderszenerie. Das passt in unsere heutige, vom Bild bestimmte Zeit. Die Figuren der Oper sind bei Ollé Denkfiguren eines üppigen Spektakels ohne menschliche, emotional tiefe Regungen. Ollé entwirft eine künstliche Welt, in der Leben einfach so verpufft. Vielleicht ist das gewollt? Vielleicht aber auch nicht? Eine Introspektion in eine Rarität, die Fragen aufwirft.

Das war 1882 schon anders. Da war der 'Mefistofele' des Italieners Arrigo Boito in aller Munde. Er wurde in London, Petersburg, Hamburg, Wien gefeiert und in Italien als besonderes Kunstwerk von erstem Range geehrt. Arrigo Boito, als Librettist des 'Otello' und 'Falstaff' von Verdi bekannt, war zudem ein fanatischer Wagnerverehrer. Dass er die italienische Oper reformieren wollte, die Gleichberechtigung von Text und Musik im durchkomponierten Gesamtkunstwerk (à la Wagner) anstrebte, ist auch in seinem 'Mefistofele' hör- und erkennbar.

Aus einzelnen Teilen des 'Faust' I und II formte Boito das Libretto und setzte beide Teile so zusammen, dass die diabolischen Gesellen und der Kampf um Faustens Seele in den Mittelpunkt rückte. Die Musik dazu ist originell, erinnert ein wenig an Berlioz. Ratternde Fagotte und Posaunengetöse durchziehen die Partitur, wenn die Höllenmaschinerie in Gang kommt. Der Tanz der Hexen in der Walpurgisnacht oder auch der gespenstisch düstere Epilog, in welchem Weltuntergangsstimmung heraufbeschworen wird, zeigen Boitos Raffinesse für musikalische Details.

Der scharfzüngige Musikkritiker Eduard Hanslick schreibt nach dem Studium der Partitur, der 'Mephistopheles' sei eine Jahrmarktsmusik, ein Opernspektakel, in dem mancherlei Wagner nachgemacht ist, und das Libretto habe Boito ‚selbst zugeschnitten, nämlich zu drei Vierteilen unverändert gebliebener Goethischer Verse ein Vierteil eigener, wässriger Poesie zugesetzt‘. Dass die Handlung zusammenhanglos oder gar widersinnig sei, mag zutreffen. Setzt man die einzelnen Akte als Lebens- und Erkenntnisstationen einer getriebenen Figur mit ‚zwei Seelen in einer Brust‘ (Faust) nebeneinander, erklärt sich einiges. Regisseur Ollé inszeniert den Mephisto als Inkarnation des zweiten Ichs von Faust. Das ist schlüssig. Gut gedacht. Eine Art ‚Dr. Jekyll und Mr. Hyde‘-Fantasie sozusagen, gewürzt mit dem ‚Ich-kreiere-mir-mein-zweites-Ich‘-Faktor. Das spricht zudem für den Geist der Schwarzen Romantik, in der sich diese Oper zu Hause fühlt. Boito lässt zudem auf der einen Seite die unschuldige, von Faust verführte Margherita, die einen Kinds- und Muttermord begeht, und auf der anderen Seite die Figur der Elena von einer Sängerin interpretieren. Auch hier blicken wir in zwei Seelen, in das Janusgesicht einer Figur.

Kaltes Labor

Zu Beginn des Spektakels finden wir uns in einem kühlen, mit Tischen bestückten Saal: Ein kaltes, klinisch steriles Laboratorium, in welchem menschliche Herzen zu Forschungszwecken seziert werden. Forscher in Schutzanzügen laufen umher. Eine Welt ohne Empathie! In der vordersten Reihe sitzt Faust. Versunken in sein Laptop. Abgestumpft, Kopfgeburten kreierend. Ein Schutzmann im Overall kommt herein – kein schwarzer Pudel wie bei Goethe und kein Mönch wie bei Boito –, klettert durch eine Bodenluke ins dunkle Folterverlies des Labors. Es ist Mephisto. Die Inkarnation des Bösen. Der ‚Geist, der stets verneint‘, just in dieser Inszenierung im Epilog in einem Verlies. Faust meuchelt. Keine Erlösung, kein Rosensegen für Faust. Er geht an sich selbst zugrunde.

Als illustre Bühnenzaubereien präsentieren sich die Walpurgisnacht, Gretchens Kerkerszene und das klassische Griechenland. Ein gigantisches Stahlkonstrukt hat Ausstatter Alfons Flores in den Bühnenraum manövriert. Zudem hat Urs Schönebaum alles fein ausgeleuchtet. Die Gartenszene, in welchem sich der jung gebliebene Faust, der einen Silberblazer trägt, Gretchen nähert, ist bei Ollé eine wilde Rave-Dancefloorparty inklusive einer glitzernden rotierenden Discokugel. Dass Gretchen mit Drähten auf dem Kopf auf dem elektrischen Stuhl stirbt, passt zur überschäumenden Fantasie dieser Inszenierung. Alles wirkt ein bisschen überdreht. Glitzer und Glamour bis hin zur Farce scheint das Motto zu sein. Folglich erscheint Elena wie auf einer Showtreppe im Moulin Rouge umringt von Federboa tragenden Ladies. Hollywood-Träumereien!

Brachiale Orgien

Eindringlich, mit überschäumendem Verve dirigiert der junge italienische Dirigent Daniele Rustoni. Er vermag leise gehauchte Sphärenklänge zu versprühen, elektrisierenden Klangrausch ebenso wie die Höllentöne und brachialen Hexensabbat-Orgien der Walpurgisnacht zu gestalten. Rustoni weiß um die fantasiegeladene Klangrede Arrigo Boitos. Das sind Glücksmomente pur. Überwältigend gut ist der himmlische Cherubinengesang und der an Wagners Prügelfuge-Tumultszene aus den 'Meistersingern' erinnernde Höllenlärm, den der famose Chor der Opéra de Lyon entfacht.

Den Mefistofele gibt John Relyea mit weitgefächerter, lauter Stimme, die ins Pechschwarze tendiert. Zögerlich in seiner ersten Arie: 'Ave Signor', immerhin ist er Putzmann!, überzeugt er doch als böse, von Faust ersonnene Doppelgestalt. Paul Groves ist als wissensdurstiger, reifer, kopflastiger Faust konzipiert. Seiner Stimme fehlt die Frische. Zudem ist eine Brüchigkeit in den Höhen unüberhörbar. Als kühle, ja verhaltene Margherita/Elena agiert die Russin Evgenia Muraveva. Leider singt sie ihre Arie 'L‘altra notte in fondo al mare' ohne innere Anteilnahme. Zu blass geriet auch der Monolog der Elena 'Notte cupa, truce', in dem sie den Horror der Verwüstung Trojas schildert. Gut besetzt sind die Martha/Pantalis mit Agata Schmidt und der schöne, hell temperierte Tenor von Peter Kirk als Wagner/Nereo.

Fazit: Dieser 'Mefistofele' entfacht die Gemüter. Musikalisch: beglückende Sternstunden. Szenisch: ganz großes, bildgewaltiges Kino. Eine Opernrarität, die in Lyon frenetisch gefeiert wurde. Im Juni 2019 kommt die Oper 'Mefistofele' als Koproduktion an die Staatsoper Stuttgart.

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Kritik von Barbara Röder

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Mefistofele : Arrigo Boito

Ort: Opéra national,

Werke von: Arrigo Boito

Mitwirkende: Paul Groves (Solist Gesang), John Relyea (Solist Gesang)

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