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Dienstag, 20. November 2018

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Boston Symphony Orchestra, Andris Nelsons, Copyright: © Marco Borggreve

Boston Symphony Orchestra, Andris Nelsons, © © Marco Borggreve

Das Boston Symphony Orchestra zu Gast in Berlin

Deutliche Akzente

Das ehrwürdige Boston Symphony Orchestra – 1881 gegründet vom Bürgerkriegsveteranen und Philanthropen Henry Lee Higginson – hört man in Berlin nicht alle Tage. So dass es besonders spannend war, im Rahmen des Musik Fest Berlin den Luxusklangkörper aus den USA in eben jenem Saal zu erleben, wo sich sonst die Berliner Philharmoniker und das Deutsche Symphonie Orchester (DSO) die Klinke in die Hand geben. Fürs Berlin-Gastspiel hatten die Bostoner Mahlers Dritte Symphonie mitgebracht, die unlängst am gleichen Ort Cornelius Meister ziemlich atemberaubend mit dem DSO zu Gehör gebracht hatte. Nun also die transatlantische Alternativversion mit Dirigent Andris Nelsons, seit der Saison 2017/18 Musikdirektor des BSO, offiziell heißt es: ‚Ray and Maria Stata Music Director‘.

Das BSO fährt für den Berlin-Auftritt schweres Geschütz auf: Statt der üblichen acht Kontrabässe sind es neun, es gibt auch neun Hörner usw. Und es kracht gleich im ersten Satz gewaltig, wobei die Wucht und Grandezza der Bläser sofort auffällt, die den ganzen weiteren Abend dominieren, trotz großer Streicherbesetzung. Dieser Mahler ist ‚ihr‘ Ding, und das lassen sich die Bläser von niemandem streitig machen. Daran ändern auch etliche Kiekser nichts, gleich in der Eröffnungsfanfare der Hörner. Und dann – ziemlich auffällig – im wunderschönen Posthornsolo des 3. Satzes. Nelsons hatte die super Idee, seinen Solisten nicht wie sonst einfach hinter dem Podium zu platzieren, sondern weit oben auf einem der hintersten Ränge. Dadurch bekam die lange elegische Passage eine ganz andere Dimension, ein anderes Raumgefühl, etwas Allumfassendes. Leider wurde der Solist nach dem ersten Patzer so nervös, dass er im weiteren Verlauf dieses schwierigen Solos eher ein Posthornsolo-in-der-Bearbeitung-des-Boston-Symphony-Orchestra spielte, als das von Mahler. Aber: Auch das hatte was! Man hörte diesen Satz quasi wie neu.

Pans Zug durch Wiesen und Wälder

Nelsons setzte anderswo sehr deutliche interpretatorische Akzente, was die Klangmischung angeht, aber auch die Temporückungen. Das machte es spannend, ihm und dem BSO zuzuhören, selbst wenn man diese Interpretation nicht unbedingt für die beste halten sollte. Der erste Satz, als Pans Zug durch Wiesen und Wälder, war eher ein beängstigender Horrorfilm-Soundtrack statt eine Zelebration der Lust und Naturgewalt. Aber, wie gesagt, spannend. Die beiden Scherzi glänzten mit schönen Holzbläser-Soli und herzerweichenden Cello-Passagen. Während Susan Graham als Alt-Solistin die tiefe Mitternacht mit famosen Tönen heraufzubeschwören verstand. Allerdings glaubte ich ihr nicht, dass alle Lust Ewigkeit wolle. Da fehlte eine Dimension der Hingabe!

Die Bim-Bam-Chöre des fünften Satzes (‚keck im Ausdruck‘) sang der Gewandhaus Kinderchor absolut fantastisch. Man spürte, dass die SängerInnen aus Leipzig einen anderen Zugang zu Mahler haben als die Musiker aus Boston (Einstudierung: Frank-Steffen Elster und Gregor Meyer). Und das große Finale – ‚langsam, ruhevoll, empfunden‘ – überzeugte mit vollem, warmem Streicherklang. Aber Nelsons verzichtete am Ende auf die hymnische Steigerung, die ultimative Klimax, und ließ den Satz geradezu verhalten ausklingen, ohne Apotheose. Das war das genaue Gegenteil von Cornelius Meister und dem DSO, die mit ihrem Klangrausch am Schluss eine solche Überwältigung ausgelöst hatten, dass der Saal explodierte. Hier war der Applaus freundlich, nicht ekstatisch.

Diskussionen um Rassismus

Es war trotzdem aufregend, die Musiker aus Boston zu erleben und ihre ganz eigene Klangkultur. Mir fiel auf, dass in dem Orchester keine Schwarzen mitspielen, dafür viele Asiaten. Heißt das, in den USA finden Schwarze keinen Zugang zu solchen Orchestern, weil sie keinen Zugang zu den entsprechenden Ausbildungsstätten finden? Oder heißt es, dass Schwarze sich musikalisch lieber in anderen Bereichen einbringen als bei E-Musik und Mahler? Angesichts der aktuellen Diskussionen um Rassismus in Trumps Amerika fand ich diesen Aspekt doch bemerkenswert.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Gastspiel Boston: Mahlers 3. Symphonie: Boston Symphony Orchestra

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Andris Nelsons (Dirigent), Boston Symphony Orchestra (Orchester)

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