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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Szenenfoto, Copyright: Wilfried Hösl

Szenenfoto, © Wilfried Hösl

Zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele

'Salome' deconstructed

Es ist schon ziemlich verkopft, was der Regisseur Krzysztof Warlikowski in München zur Premiere der diesjährigen Opernfestspiele dem Publikum mit Richard Strauss‘ 'Salome' vorsetzt. Verkopft, aber nicht uninteressant, oft rätselhaft, streckenweise auch langatmig, wenn viel an der Rampe gesungen wird und eine genaue Personenregie fehlt. Seine Grundidee: Er lässt 'Salome' in einer heruntergekommenen Bibliothek zur Zeit des ‚Dritten Reiches‘ spielen. Die Protagonisten der Oper, alles Juden, verstecken sich dort vor einer offenbar heraufziehenden Gefahr. Alle wissen, dass am Ende der Tod drohen wird, und in dieser Grundatmosphäre aus Angst und Todesahnung lässt Warlikowski 'Salome' spielen. Vielleicht könnte man auch sagen: spielen die Protagonisten 'Salome', denn manchmal scheint es, als würden die Darsteller zu Zuschauern eines gespielten Dramas, wenn beispielsweise Wolfgang Koch (ein bisschen mehr Nuancierung in der Stimmgewalt hätte ich mir von ihm gewünscht) als Jochanaan am Ende noch einmal auf die Bühne schlurft und sich auf einem Stuhl Teile des Schlussmonologs der Titelheldin anhört. Die von Herodes (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke mit hellem, aber auch etwas leisen Tenor) immer wieder geäußerte Ahnung, dass Schreckliches geschehen werde, erfüllt sich tatsächlich, denn mit einem kollektiven Suizid der ganzen Gruppe lässt Warlikowski die Oper enden.

Dieser Rahmen, der im aufschlussreichen Programmheft anhand der Rezeptionsgeschichte der Oper in einem langen Interview mit dem Regisseur genauer erläutert wird, gibt der Grundhandlung der Oper eine gewisse Plausibilität. Er ist zumindest ein Versuch, sich dem Wahnsinn der Handlung zu nähern. In einer klaustrophobischen Atmosphäre, in der alle Gefangenen durch den Tod bedroht ist, fallen Rücksichtnahmen und Tabus. Da will dann ein Vater Sex mit seiner Tochter, und die Tochter will den Kopf des Menschen, der ihr Begehren nicht erwidert. Aber vieles bleibt offen: So mag man fragen, was Salome bloß für Jochanaan empfindet, der ungepflegt, schmerbäuchig und eher wie ein zigarettenrauchender Penner daherkommt? Oder warum bei Salomes Tanz, den sie mit einem Mann in Todesmaske aufführt, im Hintergrund eine eher putzige Videoinstallation läuft? Oder ob mit dem Vorspiel vor dem Beginn der Oper, in der zu einem der 'Kindertotenlieder' Mahlers eine Groteske aufgeführt wird, wirklich etwas gewonnen ist.

Glühende Musik

Kirill Petrenko schließt sich musikalisch dem Grundduktus der Inszenierung an. Die Musik kommt nicht spätromantisch-schwülstig-erotisch, sondern klar, aber durchaus dramatisch und mit einem überbordenden Reichtum an Klangfarben daher. Vor allem die Holzbläser leisten Großartiges! Petrenko und das Bayerische Staatsorchester tragen die Sängerinnen und Sänger auf Händen, was insbesondere Marlis Petersen in der Titelpartie entgegenkommt, die über keine kraftstrotzende Stimme mit herausgeschleuderten Spitzentönen verfügt, sondern die Rolle schlank anlegt. Ihre hervorragende Technik erlaubt ihr auch einen starken Schlussmonolog, bei dem sie nie gegen die Orchestermassen ansingen muss – aber hier hört man auch die Grenze ihrer Stimme sehr deutlich und manchmal hätte man sich einfach mehr Kraft in der Stimme gewünscht.

Alle anderen Partien sind durchweg gut, aber nicht herausragend besetzt. Positiv überrascht hat mich nur Pavol Breslik als Narraboth, dessen Tenor in den letzten Jahren deutlich an Volumen gewonnen hat. Michaela Schuster gibt eine sehr traditionelle Herodias, Rachael Wilson singt die Dienerin der Herodias mit großem Ausdruck und starker Stimme. Insgesamt eine Aufführung, die einen etwas ratlos, aber nicht verärgert zurücklässt. Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte: Am 6. Juli wird die Aufführung über staatsoper.tv online live übertragen.

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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Salome: Eröffnungspremiere der Münchner Opernfestspiele

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Kirill Petrenko (Dirigent), Krzysztof Warlikowski (Inszenierung), Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Michaela Schuster (Solist Gesang), Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Solist Gesang), Marlis Petersen (Solist Gesang)

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