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Mittwoch, 12. Dezember 2018

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Szenenfoto Anna Karenina, Copyright: Kiran West

Szenenfoto Anna Karenina, © Kiran West

John Neumeiers 'Anna Karenina' in Baden-Baden

Fingerübungen für Anna

Zu seiner diesjährigen zehntägigen Résidence im Festspielhaus Baden-Baden brachte John Neumeier mit seinem Hamburg-Ballett seine letzte abendfüllende Tanzkreation 'Anna Karenina' mit. Keine Frage, Neumeier ist ein Meister des Vertanzens von Theater-, Erzähl- und Roman-Vorlagen. 'Tod in Venedig', 'Kameliendame', 'Sommernachtstraum' und viele andere seiner Schöpfungen stehen dafür.

Leo Tolstois tragischer Gesellschaftsroman 'Anna Karenina' reiht sich nun in die Gattung von Neumeiers Literatur-Balletten ein. Wie immer aktualisiert Neumeier. Verlegt in die heutige Zeit. Legt Finger in Wunden. Er tut es auch jetzt wieder in Maßen. Ohne der Vorlage Gewalt anzutun. Die gewählte Musik Peter Tschaikowskys bleibt mit Auszügen aus Orchestersuiten, einem Satz aus der 'Manfred'-Sinfonie und Streichquartetten großenteils in der Entstehungszeit der Romanvorlage. Die Radio-Philharmonie Saabrücken-Kaiserslautern spielt unter Simon Hewett die Quartett-Auszüge mit einem sonoren Sound wie die Streicherserenade.

Doch Neumeier bricht das mit Stücken des von ihm geschätzten Zeigenossen Alfred Schnittke, von dem die Klassik-Verfremdung '(K)ein Sommernachtstraum' passend zum misslungenen Wiedereintritt von Titelheldin Anna in die Petersburger Gesellschaft haften bleibt. Und dann sind da für die Pop-Freaks die Lieder von Cat Stevens vorzugsweise für das grün-ländliche Agro-Paar Lewin und Kitty. Die Nummer 'One day at a time' gibt den Grund für den versöhnlichen Schluss-Ausblick mit der Stützung des verunsicherten Sohnes Serjoscha von Anna und Karenin durch den gütigen Gutsherrn Lewin.

Da ist endlich ein bißchen Licht am Ende des Tunnels. Etwas Tröstliches. Denn Neumeier lädt in seiner 'Anna Karenina' ein gerüttelt Maß an Gesellschaftskritik ab. Karenin macht er zum Spitzenpolitiker mit Wahlkampf-Werbefeldzügen, Leibwächtern, einer zu allen Diensten bereiten Assistentin (der alerten Mayo Arii) und folgsamen Parteigängern, für die die Hamburger Ballett-Eleven die Bühne bevölkern dürfen. Neumeier versteht sich selbstredend darauf, solche Massen-Spektakel zu ordnen. Carsten Jung ist diesmal in Baden-Baden der herrisch-bestimmte Karenin, der mit seiner angetrauten Anna eine kontrollierte Gefühlsökonomie betreibt.

Politiker-Schelte

Auch Nebenbuhler Wronsky schickt Neumeier ins Publicity-Geschäft mit einem Heer von blitzenden Fotografen und lästigen Interviewern: Er ist eine Sportskanone. Galant-lässig und in nobler Virtuosität gibt Edvin Revazov den Frauenhelden Wronsky. Der hat keine Mühe, zwischen den vielen sich öffnenden und sich schließenden Türen und über umgeworfenen Stühlen die Frauen zu wechseln. Für die sich von Karenin abkehrende Anna ergibt sich das Problem der Seelenqual. Das kann nicht gut gehen. Anna Laudere tanzt die unglückliche Heroin mit höchster technischer Kompetenz, bringt aber rasende Ekstasen und enttäuschte Zerknirschung nicht so expressiv über die Rampe wie einst Marcia Haydée die existentielle Ergriffenheit der Kameliendame.

Bleiben da noch zwei Nebenpaare, mit denen Neumeier die Haupthandlung für den gut dreistündigen Abend abwechslungsreich kreuzt: Der Lichtblick unter den männlichen Egomanen, Gutsherr Lewin, wird von Aleix Martinez in handfester Bodenständigkeit gegeben. Seine Kitty (Emilie Mazon) agiert als exaltiertes Temperamentsbündel. Im dritten Paar erleben wir auf der männlichen Seite in Stiwa mit Dario Franconi wieder einen agilen Schwerenöter und in seiner Dolly mit der mütterlich gutmütigen Patrizia Friza eine geradlinig angelegte Figur.

Fragile Beziehungen

Die zerbrechenden partnerschaftlichen Beziehungen sind neben dem manipulativen Polit- und Star-Geschäft also der zweite Gesellschafts-denunzierende Ansatzpunkt Neumeiers. Er wollte pure romantische Kulinarik via Tolstoi und Tschaikowsky vermeiden. Das gelang. Neumeier hieb voll hinein. Er wurde damit natürlich vom Publikum auch voll verstanden. Das zeigten die Ovationen bei den Erstaufführungen in Hamburg und nun bei der Stagione in Baden-Baden. Vieles geriet überdeutlich und plakativ. So der Sensentanz von Lewins Bauern. Oder Annas Entbindung zu einem von Wronsky gezeugten Töchterchen Anna II mit vier (!) Hebammen, die zur Psychiatrie-Szene entglitt. Szenische Fingerübungen Neumeiers für 'Anna Karenina' zu Tschaikowskys 'Preghiera' und Cat Stevens 'Morning has broken'.

Und dann geisterte schon in einem der ersten Bilder der laut Libretto tödlich verunglückte, erdverbundene Rangierarbeiter in Orange von Karen Azatyan als Todes-Menetekel zwischen die Akteure mit ihren Bedeutsamkeits- und Partnerschafts-Problemen. Eine Assoziation auf den Eisenbahn-Suizid Annas im Roman. Der zu Tode gekommene Rangierer, ein ‚Muschik‘, erschien dann wie bestellt auch bei Wronskys Unfall beim Lacrosse-Schlagball-Sport mit den Netzkorb-Schlägern, woraus Neumeier ein belebtes Folklore-Bild machte. Und der Muschik in Orange hatte Anna bei ihren Wonne-Wochen mit Wronsky in Italien natürlich auch wie dem Jedermann Hofmannsthals den Totentanz zu bereiten. Eine im Tanz seit Kurt Jooss und Maurice Béjart viel genutzte Metapher. Am Ende zogen sich auch die übrigen männlichen Akteure die orange Signalfarbe über. Die Gesellschaft trägt den Todeskeim also in sich.

Das Thema Eisenbahn kehrte dann auch im Spielzeug von Karenins und Annas gemeinsamem Kind Serjoscha, den Marià Huguet springlebendig tanzte, miniaturenhaft wieder. Die am Ende sogar explodierten Wägelchen werden sich in Video- und Fernseh-Aufzeichnungen gewiß abwechslungsreich machen.

Zuviel Schau

Bleiben wir jenseits dieser überreichen Staffage bei der tänzerischen Substanz. Die ist wie immer bei Neumeier vielfältig. Reicht vom Rituellen bei den Totentänzen über symbolkräftige Pas-de-trois zwischen Anna, Seljoscha und Karenin oder mit Anna, Wronsky und Karenin. Dann baute Neumeier ein schräges Exercice für die Amouren Stiwas ein oder die in eine Karikatur entglittene Gesellschaftsszene nach Annas Rückkehr aus Italien. Über allem glänzten die elastischen und elegant-elanvollen Paartänze mit ihren Hebungen und Umschwüngen zwischen Anna und Wronsky, zwischen Lewin und Kitty. So schön, so gut. Aber auf viele Schau-Effekte hätte man gerne verzichtet. Dann wäre der gezielte Duktus für die eigentliche tänzerische Substanz freier gewesen. Aber der Publikumserfolg möglicherweise geringer?

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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Anna Karenina: Ballett von John Neumeier

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: John Neumeier (Choreographie)

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Bisherige Kommentare:

  1. Nagel auf den Kopf getroffen
    Eine wunderbare Rezension!
    fuchsbuhl, 21.10.2018, 17:32 Uhr

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