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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Das Baltic Sea Philharmonic, Copyright: Peter Adamik

Das Baltic Sea Philharmonic, © Peter Adamik

25 Jahre Usedomer Musikfestival

Podium der Ostsee

Vielleicht geht unsere Epoche einmal in die Geschichte ein als die der Statistik. Alles muss vermessen werden: Bildung, Kultur usw. Das Usedomer Musikfestival feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Aber woran lässt sich feststellen, wann etwas erfolgreich ist? Etwa am Publikumszuspruch, den Preisen, den Würdigungen, an den Verkaufszahlen der Tickets, den Sponsoren? Nun, da brauchen sich die Mitglieder des Teams um Intendant Thomas Hummel, der das Festival erfolgreich leitet, wirklich keine Sorgen zu machen. Seit 25 Jahren befindet sich das Musikfestival auf Erfolgskurs und ermöglicht, dass auf der Insel Usedom nicht nur das zu hören ist, was in den Musikmetropolen der Welt hochaktuell ist, sondern auch das, was man nicht überall zu hören bekommt. Der konstant hohe Zuspruch beweist, dass die Konzeption aufgeht. Das erfordert ein hohes Maß an Kreativität, denn es gebe nichts, was seit den Anfängen bis heute unverändert sei. Aber es geht Thomas Hummel um mehr: ‚Musikfestivals sollten immer wichtige Ziele verfolgen. Frieden, Humanität und Verständigung, dafür setzen wir uns ein.‘ Bewusst setzte man auf stilistische Vielfalt und Bandbreite, die eine Offenheit nach allen Seiten ermöglicht, um auf die jeweils aktuellsten und spannendsten Entwicklungen eingehen zu können. Dazu kommen ungewöhnliche Aufführungsorte wie das Kraftwerk, man hat sich aber immer mehr in der Region um die Insel ausgebreitet. Man wollte auch die Deiche in den Köpfen brechen, das ist dem Intendanten äußerst wichtig, wie er in seiner Eröffnungsrede betonte. In die Zukunft blicken wolle man im Andenken an den Ehrenschirmherrn Kurt Masur, der bereits 1995 die ersten herausragenden Talente der Stiftung Young Concert Artists New York auf die Insel Usedom gebracht hatte und von 2012 bis 2014 als Dirigent, Besucher und Pädagoge regelmäßig beim Usedomer Musikfestival zu Gast war.

Von ‚Klassikkrise‘ keine Spur

Das Usedomer Musikfestival ist mittlerweile fest etabliert und auch als Wirtschaftsfaktor nicht mehr wegzudenken. Das war nicht immer so, zu Beginn gab es viel Skepsis. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Schirmherrschaft übernommen und verwies in ihrer Ansprache auf die eminente kulturelle Bedeutung dieses Festivals, das ihr sehr am Herzen läge. Sie betonte auch, die Bedeutung dieses Festivals, das in seinem Eröffnungskonzert mit Kompositionen aus Estland, Lettland, Litauen, Finnland und Polen Bezug auf die Erlangung der Unabhängigkeit des Baltikums, Polens und Finnlands vor 100 Jahren nimmt. Die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig betonte darüber hinaus die wirtschaftliche Bedeutung für die Region. Seit der Gründung des Festivals gibt es mit wechselnden Gastländern immer einen anderen Schwerpunkt. Das ist insofern bedeutsam, da die zeitgenössischen Komponisten dieser Länder bei uns noch immer kaum beachtet werden, dabei gibt es auch anderswo eine spannende musikalische Szene.

Völlig konsequent, dass es in diesem Jahr keinen Länderschwerpunkt gibt. Offenheit und Freiheit waren und sind Voraussetzung für das Baltic Sea Philharmonic bei seiner Gründung vor zehn Jahren gewesen. Es versammelt Orchestermusiker aus allen zehn Ländern rund um die Ostsee und ist so der beste Botschafter für die länderübergreifende Zusammenarbeit nicht nur im Ostseeraum. Durch ungewöhnliche Konzerte, Cross-Over-Projekte werden darüber hinaus neue Publikumsschichten erschlossen. Dass dies gelingt, dafür sorgt auch die intelligente Festivalplanung durch Dr. Jan Brachmann. Das ausverkauften Eröffnungskonzert im historischen Kraftwerk Peenemünde war eines der Konzerte, die sich dem ‚normalen‘ Handwerk des Rezensenten entziehen. Nicht nur wegen des ungewöhnlichen Raumes des Kraftwerks Peenemünde, dieser ungeheure, 1936 von den Nationalsozialisten für die V2-Waffenschmiede im Norden Usedoms erbaute Industriekoloss, sondern auch aufgrund des ungemein spannenden Programms. 

Happy New Ears

Die erste Hälfte mit Werken von Wojciech Kilar ('Orawa'). Gediminas Gelgotas ('Mountains, 'Waters', '(Freedom)'), Arvo Pärt und Kristjan Järvi ('Aurora') war dramaturgisch genau austariert, die musikalische Wiedergabe überzeugend, besten Beispiel hierfür das Konzert für Violine, Schlagzeug und Orchester ('Fratres') von Arvo Pärt. Pärt verbindet im Solopart der Violine den überwiegend in extremen Lagen angesiedelten Einzelton mit Verdichtungen und Zusammenklängen und experimentiert mit der Wirkung verschiedener Bogentechniken. Die Solistin Mari Samuelsen überzeugte ohne Abstriche, wenn sie einzelne Töne, kaum hörbar und entrückt, moduliert und weiterklingen lässt – Nachhall als Verbindung zwischen punktuellen Klangereignissen! Jede Note setzt Mari Samuelsen bewusst, jede Artikulation ist modelliert. So entsteht im Spiel eine sinnliche Freiheit, die eine Brücke zum Hörer bildet. Das funktioniert natürlich nur, wenn der Dirigent in der Lage ist, diese subtilen kommunikativen Botschaften zu verstehen und mit dem Orchester in Klang umzuformen, und das Orchester in der Lage ist, feinsinnig zu antworten. Hier bewies sich in höchstem Maße, dass Kristjan Järvi nicht nur ein faszinierender Kapellmeister ist, sondern auch ein Ausnahmedirigent, der in der Lage ist, den Musikern der Baltic Sea Philharmonic viel Eigenverantwortung zu lassen und gerade dadurch in ‚unerhörte‘ klangliche Bereiche vordringen kann. Stets wirkt das Erkunden von rhythmischen und melodischen Kontrasten, intensiven Stimmungen und konflikthaften Situationen von einer tiefen inneren Übereinkunft der musizierenden Musiker. Das ließ auch die Komposition von Gediminas Gelgotas, die vom Baltic Sea Philharmonic unter Kristjan Järvi 2015 uraufgeführt wurde, zum Ereignis werden. Eben weil Järvi ein Dirigent ist, der der Detailpräzision mit emotionalem Tiefgang verbindet. 

Zeugnisse konsolidierter Werkauslegung

Nach der Pause waren von der Bühne Notenpulte und Stühle verschwunden. Die Orchestermusiker spielen im Stehen, wechseln die Plätze, wandern auf der Bühne umher. Diese Freiheit erfordert von den Ausführenden höchste Konzentration. So kam es, dass man die Konzertsuite 'Der Sturm' von Jean Sibelius quasi als ‚instrumentales Theater‘ neu hören durfte. Kristjan Järvi ist nicht nur jemand, der eine persönliche Sicht auf die Partitur wirft, wobei er zumeist durchaus energiegeladene Interpretationen liefert, sondern er ist auch ein Dirigent, der sich die Mühe macht, die Partituren intensiv zu lesen. Grundlage dafür, dass er oft durch eine unselige Interpretationstradition verdeckte kompositorische Zusammenhänge entdeckt und hörbar macht. Bei Sibelius kam noch hinzu, dass er das Werk neu arrangiert hat und so das dichte dramatische Netz an motivischen Beziehungen noch intensiver zum Klang bringen konnte. Das Fabelhafte dabei ist, dass Järvi nicht noch irgendein ‚innovatives klangliches Mätzchen‘ draufsetzt, sondern alles aus dem Notentext heraus entwickelt.

Mit dem ersten Satz aus der Rock-Sinfonie Nr. 4 von Imants Kalninš brachte Järvi das Konzert schwungvoll zu einem grandiosen Abschluss. Steigerungen bauen sich in den Überleitungsabschnitten auf, wenn ein Schweller im Blech durch die Orchestergruppen gejagt wird oder sich die Schlagzeugsektionen mit verschiedenen Instrumentalgruppen verbinden. Dieses Werk verfügt über eine diffizile Ereignisdichte, aber Järvi gelingt es stets, auch in den eruptiven Passagen das Klangbild rund und ausbalanciert erklingen zu lassen. Vielleicht nicht unwichtig zu bemerken, dass die jungen Orchestermitglieder in normaler Kleidung spielten und sich ihre sichtbare Spielfreude dem Publikum unmittelbar mitteilte. Vielleicht ist das der Weg, auch junges Publikum für die sogenannte ‚ernste‘ Musik zu begeistern, indem man nicht nur spannende Programme zusammenstellt, sondern auch die Konzerte von einer unseligen Aura befreit und tatsächlich den Kontakt zum Publikum sucht. Die rund 1.300 Zuhörer waren jedenfalls restlos begeistert. 

‚Freunde, wenn ihr hartnäckig bleibt, könnt ihr überall mit Musik die Welt verändern.‘ (Kurt Masur)

Man kann im Rahmen dieses Artikels nicht auf alle Konzerte des Festivals hinweisen, aber das Abschlusskonzert am 13. Oktober liegt mir sehr am Herzen. 2012 schrieb der estnische Komponist Jüri Reinvere 'Norilsk, the Daffodils' für Sprecherin und Orchester. Reinvere beschäftigt sich in diesem Werk mit der Geschichte von Norilsk, dem ehemaligen Zwangsarbeitslager der Nickelindustrie in Sibirien. Diese Vergangenheit ist bis heute kaum ins Bewusstsein getreten. Dass diese Komposition im Kraftwerk von Peenemünde erklingt, ist in der Tat etwas besonders, sind doch Peenemünde und Norilsk Mahnmale zweier totalitärer Regime im Ostseeraum: des nationalsozialistischen in Deutschland und des stalinistischen in der ehemaligen Sowjetunion. Das Werk existiert noch immer. Zu dem Titel 'Norilsk, die Narzissen' erklärt der Komponist: ‚In Norilsk gibt es die größte Nickelindustrie. Viele Esten, Finnen, Letten und Litauer sind nach Norilsk gebracht worden, ins Arbeitslager und sie haben die Nickelindustrie dort aufgebaut. Nicht nur Männer, auch Frauen und Kinder. Als Narzissen beschreibe ich den Schadstoffausstoß, der aus den Schlotten von Norilsk kommt, und im arktischen Sonnenlicht an Blumen erinnert.‘

Narzissen aus Schadstoff

Jüri Reinvere hat ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein: ‚Ein wichtiger Tag ist der 23. August 1939, an dem der Ribbentrop-Molotow-Pakt geschlossen wurde. Für uns Balten hat das eine ganz starke Bedeutung, weil wir damals hinterrücks mit der Sowjetunion verkuppelt wurden. Und natürlich gibt es gerade jetzt diese Spannungen zwischen England und Russland. Eine andere Spannung ist, dass ich als Este auf Finnisch dichte. Für die Finnen ist die Landschaft von Norilsk ziemlich exotisch und unbekannt, während für die Esten Norilsk eine ähnliche Bedeutung hat wie Ausschwitz für Menschen in Deutschland. Das drückt Knöpfe bei Leuten aus dem sowjetischen System.‘ Dass beim Abschlusskonzert dieses eminent wichtige Werk mit der Symphonischen Dichtung 'Ein Heldenleben' von Richard Strauss kombiniert wird, spricht für die intelligente Dramaturgie nicht nur dieses Konzerts, sondern des gesamten Festivals.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Eröffnungskonzert: Peenemünder Konzerte

Ort: Kraftwerk,

Werke von: Arvo Pärt

Detailinformationen zum Veranstalter Usedomer Musikfestival

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