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Samstag, 18. August 2018

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Augustin Hadelich, Kerem Hasan, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Copyright: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Augustin Hadelich, Kerem Hasan, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Preisträgerkonzert des YCA 2017

Dirigentengrößen der Zukunft

90 Kandidaten, 3 Finalisten, 1 Gewinner: Gábor Káli. Den 35-Jährigen überraschte die Juryentscheidung wohl am meisten. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert. Doch viel wichtiger ist, dass Káli 2019 als Sieger beim 9. Nestlé Young Conductors Award (YCA) 2018 ein Festspielkonzert mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien in der Felsenreitschule dirigieren darf. ‚Ihm steht eine große Karriere bevor‘, begründete Juryvorsitzender Dennis Russel Davies die Entscheidung. Bester Beleg ist der Blick zurück. Bisherige Preisträger stehen zwischenzeitlich an der Spitze bedeutender Orchester, als Chefdirigent, als Generalmusikdirektor oder als ständiger Gastdirigent. Sie sind jung, sie sind dirigiertechnisch Spitzenklasse, sie sind mutig.

Kerem Hasan gewann den YCA 2017: Ein Brite mit arabischen Wurzeln, 26 Jahre jung, sein Preisträgerprogramm jetzt in der Festspielzeit mit Schostakowitschs 10. Sinfonie bedeutet schwerste Kost selbst für die Weltspitze. Zum ‚Aufwärmen‘ dirigierte er zunächst Jean Sibelius‘ Violinkonzert. Der Finne strebte lange Zeit selbst nach dem Geigenvirtuosentum. In seinem einzigen Violinkonzert verarbeitete er alles, was den bravourösen Glanz eines Paganini weit übersteigt. Herrliche Melodien, verpackt in rasante Klangkaskaden, Doppelgriffe, Flageoletts, Akkordbrechungen, Läufe, alles zusammen gesehen eine überreich verspielt-brillante Ranke um die kantable Linie.

Augustin Hadelich, Sohn deutscher Eltern, in Italien geboren, zwischenzeitlich amerikanischer Staatsbürger, hat einen Reifegrad erlangt, den man als technisch perfekt und musikalisch hochsensibel bezeichnen kann. Seine Interpretation des Violinkonzertes von Sibelius zeugte von einer Durchdringung in einer Tiefe, die zu einer expressiven wie eigenwilligen Wiedergabe führte, mitreißend, fesselnd, aber kaum kalkulierbar. Hasan navigierte das RSO Wien mit einer Vorliebe für das Extreme. Über weite Strecken umkleidete er den Solopart nur mit einem orchestralen Schatten, forderte dazwischen explosiven Überschwang, um sich gleich wieder in ätherische Klangsphären zurückzuziehen. Kurzzeitig verstörte Hasans Einsatz in einem Moment, da sich Orchester und Solist nicht harmonisch verknüpfen wollten. Umso deutlicher wurde hörbar, worauf es Hasan anlegte: auf die absolute Durchhörbarkeit selbst kleingliedrig angelegter Strukturen.

Im März 1953 starb Stalin, Anlass für Dmitri Schostakowitsch, mit diesem Ende extremer Bedrohung sein sinfonisches Schweigen zu beenden. Was er in seiner 10. Sinfonie bot, war jedoch weit ab von Euphorie und Positivismus. Hasan, von Statur eher schmal, aber drahtig, und im Gestus absolut präzise wie prägnant, entfesselte bei den Musikern des RSO einen dem Werk entsprechenden Stimmungsreichtum, in welchem sich das Gefühl von Bedrohung und Beklemmung wie ein unausrottbarer Pilz hineingefressen hat. Mit analytischer Präzision und in der einzelnen Phrase differenziert und klanglich nuanciert ausmusiziert, spiegelten sich im Spiel des RSO Wien die vielen Facetten der Emotionen des mit den Mitteln der Klangsprache revoltierenden Künstlers wider.

Zu Beginn des ersten Satzes kaum hörbar, waberte schwärzeste Klangdüsternis in den tiefen Streichern, die sich über eine lange Strecke nach oben schraubte, flankiert von Spitzen und Trübungen, selbst in extremer Höhe bedrohlich düster. Der zweite Satz mit martialischen Rhythmen und Dissonanzen, in der gebotenen Präzision mit einer Foltermaschinerie vergleichbar, glich einem einzigen Ausbruch an Brutalität. Im dritten und vierten Satz entschlüsselte Kerem Hasan, wie gezielt Schostakowitsch sein Initialen-Motiv durch die Instrumente wandern ließ, um im Wechsel von sarkastischen wie trostlosen Stimmungen ein Zeugnis seiner Lage abzugeben – ein Abbild tiefster Verzweiflung, ein schmerzerfüllter Klagegesang, ein Bekenntnis unausweichlicher Enge. Das strahlende E-Dur am Ende des vierten Satzes triefte vor Sarkasmus.

So intensiv verbreitete Betrübnis bei einem Preisträgerkonzert bestätigte nur die geniale Leistung, die Kerem Hasan und das RSO Wien an diesem unvergesslichen Konzert-Abend vollbrachten.

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Kritik von Christiane Franke

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YCA Preisträgerkonzert: ORF Radio-Symphonieorchester Wien

Ort: Felsenreitschule,

Werke von: Jean Sibelius, Dimitri Schostakowitsch

Mitwirkende: ORF Radio-Symphonieorchester Wien (Orchester)

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