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Freitag, 16. November 2018

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Ensemble Macbeth, Copyright: © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Ensemble Macbeth, © © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Die Opéra Royal de Wallonie feiert Giuseppe Verdi

Ein Verdi-Wochenende in Liège

Verdi sah sein erstes Ballett 1847 in Paris und war gefesselt. Obwohl er nie zum Liebhaber ausschweifender Ballette wurde, komponierte er französische Opern: 'Jérusalem', „Les Vêpres siciliennes' und 'Don Carlos', die natürlich alle Ballettmusiken enthalten. Ohne Ballet im dritten Akt, das war Sitte in Paris, konnte keine Oper über die Bühne gehen. Auch Verdi musste sich diesem Dekret beugen. Wagner tat sich damit schwer, das ist bekannt. Von 1847 bis zu seiner letzte Reise nach Paris in 1898 besuchte Verdi alleine oder zusammen mit seiner Lebensgefährtin und späteren zweiten Ehefrau Giuseppina Strepponi die französische Hauptstadt und Kulturmetropole des europäischen 19. Jahrhunderts. Auch war Verdi mehrmals längere Zeit in Paris wohnhaft. Für seine französische Fassungen des 'Trovatore', 'Macbeth', 'Otello' oder der 'Aida' schuf er Ballabilis, Tänze, die musikalisch für sich stehen und oft mit Verdi-Ouvertüren kombiniert werden. Ein Glücksfall! 'Tout Verdi' lautet das Motto: Stardirigent und Verdi-Experte Paolo Arrivabeni eröffnet mit einem reinen Ouvertüren- und Ballabili-Programm den fulminanten Saisonabschluss am königlichen Opernhaus in Lüttich. Verdis 'Macbeth' stand einen Abend später auf dem Programm.

Fantasievolle Gestaltung

In der kompakten, facettenreichen und fantasievollen Gestaltung waren die Zuschauer in die Atmosphäre der Verdi-Epoche zurückversetzt. Ein wenig erinnerte die Musik auch an die Bilder aus dem Film 'Il Gattopardo', zu welchem Nino Rota Originaltänze aus der Feder Giuseppe Verdis zur imposanten Filmmusik verarbeitete. Im Film wie in diesem Verdi-Abend stachen die Kontraste von Ball- und Bürgerkriegsszenen hervor. So erklangen die Ouvertüre zu 'Aroldo' (1857), Verdis Überarbeitung der Oper 'Stiffelio', in welcher er die Themen der Oper zitiert. Herzugeben sind auch die selten gespielten Ballabili zu 'Otello' in der Pariser Fassung. Hier ließ sich Verdi von ‚türkischen‘, ‚arabischen‘ und ‚griechischen‘ Tänzen inspirieren. In der Vertonung der Geschichte um Jeanne d'Arc, im Italienischen 'Giovanna d’Arco' und uraufgeführt an der Scala 1845, klingt der spätere, dramatische Verdi bereits durch. Seine damals noch Sinfonia genannte Ouvertüre ist ein reifes Werk. Säbelrasseln, Kanonendonner, ein Sturm, eine Hirtenszene und ein explodierendes Finale interpretiert das Orchester der Opéra Royal de Wallonie mit schönen Soli, einfühlsamer Eleganz und einer furiosen Schlussapotheose.

Krönender Abschluss war die Ouvertüre zu 'Les Vêpres siciliennes'. Musikakalische Höhepunkte waren die Chorszene 'Patria oppressa' ( Chöre: Pierre Iodice) und die Ballettmusik zur französischen Fassung des 'Macbeth', die ihre Pariser Aufführung 1865 feierte und in der die Hexen einen schauerlich schönen Tanz vollführen. Ein musikdramatisch eindrucksvoller, kurzweiliger Abend mit Nachhalleffekt, der die Vorfreude auf die komplette Oper 'Macbeth' wachsen ließ.

Macbeth oder Lady Macbeth. Das ist hier die Frage!

Am nächsten Abend also 'Macbeth': Leo Nucci als Macbeth und Tatiana Serjan als seine Lady Macbeth verwandeln die Opéra Royal de Wallonie-Liege in ein düsteres ‚Tollhaus‘ der dunklen Mächte. Wir sehen, hören einen 'Macbeth', der ganz aus dem Geiste William Shakespeares gestaltet ist. Die einzigartig kluge, dem Shakespeare-Drama immens nahe kommende Regie von Verdi-Exeget Stefano Mazzonis di Pralafera rückt die blutige Gier um die Macht, die grausame Selbstüberschätzung Macbeths, Verrat und Ränkespiele in den Mittelpunkt. Die Musik Verdis kann atmen, die Bühnenräume erobern. Die brutal realistisch klingende Ouvertüre, der Mord am König durch Macbeth dringen aus jeder Ritze, legen offen, worum es szenisch geht: Ein Schachbrett wird auf den Boden projiziert, ein schief hängender, übergroßer Spiegel darüber erschließt dem Auge den ganzen Bühnenraum (Gestaltung: Jean-Guy Lecat). Große Schachfiguren schreiten zur Ouvertüre herein. ‚Faites vos jeux, rien ne va plus!‘, das Spiel beginnt. Minimalistisch auch die letzte Szene: Dürre grüne, aufrecht stehende Zweige markieren den Wald von Birnam, der gegen Macbeth vorrückt. Mazzonis di Pralafera entschied sich für die Pariser Fassung mit dem dramatischen Höhepunkt: dem Hexenballett. In Liège ist es ein grüner Feen-Hexen-Walpurgisnacht-Zauber. Bravourös mit überschäumender Fantasie getanzt vom di Compagnia de Centro di Danza Balletto di Roma.

Paolo Arrivabeni tariert geschickt, zeichnet ein pulsierendes, nuancenreiches Klangbild, bildet den musikalisch auftrumpfenden Gegenpol zum Bühnengeschehen. Leidend schön der Chor im letzen Akt, wenn er sein Lied von der Armut und dem schweren Schicksal der Unterdrückung singt. Mazzonis inszeniert so, dass diese Szene an das hungernde England im Oliver-Twist-Zeitalter erinnert. Die Adligen am Hof wirken in ihrem Macht ausstrahlenden Samt, ihren großen weiten Roben, als seien sie 'Game of Thrones' entstiegen (Kostüme: Fernand Ruiz). Eine Augenfreude!

Würdevoller Macbeth

Altmeister Leo Nucci singt einen würdevollen, kräftigen Macbeth, eine seiner Paraderollen. Mit sonorem, vokal überschwänglichem Impetus gestaltet er die letzte Szene, die ihn in dieser Fassung alleine ohne Chor, der den neuen Herrscher ausruft, sterben lässt. Ein großer Moment! Als Lady Macbeth feiert Tatiana Serjan Triumphe. Ihr dunkler, glamourös und geschmeidig tönender Sopran gibt der Lady Macbeth alles an menschlicher Bösartigkeit. Szenisch gebärdet sie sich wie eine gefährliche Python, die den Gegner nicht nur erdolchen, sondern zudem noch umschlingen und erwürgen möchte. Sie ist eine Lady mit giftigem Blut aus mehreren Jahrhunderten in den Adern, die auch heute leben könnte. Sehr gut besetzt das vorzügliche Ensemble. Der italienische Tenor Gabriele Mangione singt betörend den Macduff. Sonor schwarz tönt Giacomo Prestia (Banco). Vorzüglich zu erleben sind Papuna Tchuradze als Malcolm, betörend Alexise Yerna als Dama di Lady Macbeth. Ein von der Magie der Augenblicke geprägter 'Macbeth', den das Publikum. stürmisch feiert.

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Kritik von Barbara Röder

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Macbeth : Giuseppe Verdi

Ort: Opéra Royal de Wallonie-Liège,

Werke von: Giuseppe Verdi

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Bisherige Kommentare:

  1. Immer wieder ein Genuss
    ...und eine Freude, die Kritiken von Frau Röder zu lesen. Man bekommt das Gefühl, live dabei zu sein. Die Bildersprache ist so überzeugend, dass man sich die Bühne und das Geschehen wunderbar vorstellen kann. Ihre Beschreibungen bereiten auf alle Fälle so große Lust, gleich bei der nächsten Gelegenheit wieder in die Oper zu gehen. Merci, Madame Röder.
    Nutzer_NIYBVOZ, 30.08.2018, 21:25 Uhr

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