> > > > > 25.06.2018
Mittwoch, 26. September 2018

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Szenenphoto Don Giovanni, Copyright: Jean Pierre Maurin

Szenenphoto Don Giovanni, © Jean Pierre Maurin

Eine brisante Neudeutung von 'Don Giovannni'

Gefangen im Don-Giovanni-Experiment

Nein, ein heiteres Drama in zwei Aufzügen ist dieser 'Don Giovanni', den Regisseur David Marton auf die Bühne in eine bunkerartige Betonhalle mit zwei großen runden Gucklöchern und einer venezianischen, fein ziselierten Stuckdecke hineinpresst, nicht. Wir blicken in einen öden, kalten, von eisigem Wind durchhauchten Raum, der symbolisch für die leeren Innenräume Don Giovannis stehen könnte. Denn, Martons Don Giovanni ist ein seit seiner Jugendzeit innerlich Verletzter, ein Leidender. Ein Genie vielleicht, welches die Kunst, den Gesang oder die Schauspielerei auserwählt hat, um seinem persönlichen, privaten Leben zu entkommen. Nach außen hin spielt Don Giovanni einen Freigeist, einen Verführer, einen von Erfolg gekrönten Künstler. Sein Inneres lebt von Erinnerungen, wird aufgefressen von Selbstzweifeln und verpassten Chancen. Marton bietet viele Inspirationsquellen zu Mozarts deutungsbeladender Oper an. Übereinander gelagert, ineinander verflochten sind diese während des Abends schwer zu entwirren. Geht er etwa den Überlegungen Albert Camus auf den Grund, dass ‚Don Juan den Überfluss lenkt. Dass er nicht daran denkt, die Frauen zu sammeln, sondern dass er viele verbraucht und damit auch seine Lebenschancen. Sammeln, heißt: von seiner Vergangenheit leben zu können‘, so Camus. Plausibel wäre es, denn er schreibt weiter: ‚Ich sehe Don Juan in einer Zelle jener spanischen Klöster, die einsam auf einer Höhe liegen. Und wenn er etwas anschaut, so sind es nicht die Phantome verflüchtigter Liebschaften, sondern vielleicht, durch einen glühenden Spalt irgendeine schweigende Ebene Spaniens, die großartige und seelenlose Erde, in der er sich wieder erkennt.‘ Der kalte, seelenlose Betonkasten, in welchem Don Giovanni haust, legt diese dem Existenzialismus nahe Ausdeutung der Oper nahe. Zudem hat Bühnenbauer Christian Friedlander in die Mitte des Bunkers einen alten Baldachin ohne Decke gestellt, in welchem geliebt, geplaudert oder dahingesiecht wird, ohne sinnlichen Rausch.

Don Giovanni als ein am Leben gescheiterter Künstler

Nun, vergessen wir einmal, was wir über diesen ‚Bestraften Wüstling‘, dessen Story als Inspiration durch die Literatur, den Film oder Theater geistert, wissen. Das müssen wir bei dieser Inszenierung. Schon im Vorspiel, das rasant, atemlos vom Orchestre de l’Opéra de Lyon unter dem feurigen Dirigat von Stefano Montanari die Szenerie eröffnet, wird der Jüngling Don Giovanni mit Pyjama bekleidet von einer reifen Frau verführt. Seine Anziehung scheint auf die Frauenwelt auch im weiteren Leben zu wirken. Aber kann dieser Traumatisierte, sich in die Kunst Flüchtende jemals lieben? Nein. Denn, was wir während der laufenden drei Stunden sehen und hören, sind Don Giovannis Versuche, dieses Trauma zu bewältigen. Manchmal steht das Geschehen auf der Bühne still. Dann ist Gesprochenes zu hören. Oder wir lesen die Gedanken Don Giovannis, die mit roten Lettern in den Übertitelkasten gebannt sind. Zum Ende reicht ihm der Jüngling – sein altes Ich – ein Rasiermesser. Don Giovanni schlitzt sich die Pulsadern auf. Seine Hölle ist beendet. Deswegen fällt auch der triumphierende Schlussgesang von den rachsüchtigen Don Octavio, Donna Anna und den anderen flach. Das ist konsequent. Auch die Figur des Komptur, Inbegriff der Moral, tritt nicht in Erscheinung. Attila Jun singt ihn profund, majestätisch drohend aus dem Off. Der Komptur ist bei Marton ein Spukgespenst in Giovannis Unterbewusstsein, das ihn immer wieder heimsucht.

Viele Freiheit

Marton gönnt sich viele Freiheiten, was die Personage betrifft. Eine jede Figur steht für sich. Seine Mozartfiguren definiert er in neue, andere Kunstfiguren um. Die bunten, einfallsreichen Kostüme dazu kreierte Pola Kardum. Schon zu Beginn der Oper sitzt Leporello in rotem Rolli und schwarzer Hose entspannt im Sessel und legt eine Platte auf. Sein Schrank ist gefüllt mit 'Don Giovanni'-Aufnahmen. Das Plakat einer Hollywoodschnulze 'Don Juan' wird während seiner Registerarie an die Wand gehängt. Ja, 1.003 und mehr Aufnahmen gibt es. Leporello bewahrt das Erbe seines depressiven Freundes Don Giovanni. Lauscht mehrfach via Kopfhörer und Partitur vergangener Erfolge nach. Die Fantasie in Leporello Kopf, wie es einmal war, sehen wir dann auf der Bühne. Hier besticht Kyle Keteltsen als Leporello. Jungendlich vital und mit großem Verve gesungen und gespielt, ist es eine Freude, seinem lyrisch-sonorem Bariton zuzuhören. Bestechend markant, skurril bisweilen irre-verrückt – die Oper könnte auch in einer Irrenanstalt spielen – sind die Szenen mit Zerlina und Masetto. Zerlina, süffisant kühl gesungen von Luka Yanagihara, ist eine Krankenschwester, die ihren liebestollen, Testosteron gesteuerten Masetto bespaßt. Hier ist Masetto kein Bauernbursche, sondern ein Oberarzt. Gut gelungen in der Diktion ist Piotr Micinski als Masetto.

Die Friedhofsszene gleicht einer Familienaufstellung mit schauerlich komischen Verwandten, bei welcher Eleonora Burattos als Donna Anna fulminant leidenschaftlich 'Crudele! Ah no, mio bene!' singt. Währenddessen sehen wir – das löst einiges Schmunzeln im Publikum aus –, wie Don Octavio an ihrer Seite immer älter wird. Er schlurft zum Schluss als Greis herein. Das sind Donna Annas Vorstellungen, wie eine Ehe mit dem Langweiler und Beamten Don Octavio ausgehen könnte, wenn sie ihn doch ehelicht. Mit schöner tenoraler Farbigkeit Julien Behr in seiner leidenschaftlichen Arie 'Il mio tesoro' am Ende des zweiten Aktes. Antoinette Dennefeld ist die Donna Elvira. Von Marton als Hochschwangere entworfen, spielt sie kühl und überzeugt mit ihrer von Koloraturen durchzogenen Arie 'Ah chi mi dice mai quel barbaro dové'. Philippe Sly brilliert als depressiver, der Welt abgewandter Don Giovanni. Seine wendige, geschmackvoll tönende Baritonstimme macht Gefühle und innere Zerrissenheit hörbar. Im Besonderen, wenn er einsam gegen eine Wand singend sein Ständchen 'Deh, vieni alla finestra, o mio tesoro' zelebriert. Bestens vorbereitet ist der Chor der Opéra de Lyon. Dirigent Stefano Montanari rast leider zu oft in Windeseile durch die Partitur. Einige Rezitative sind übrigens gestrichen oder werden ohne Cembalo-Begleitung gesungen. Das hat seinen Reiz. Es reduziert das Gesungene, wirkt als Extrakt einer Konversation.

Fazit: Dass ein künstlerisches Leben oft, sehr oft Einsame und Gescheiterte zurücklässt, ist ein interessanter Gedanken, der in Martons gewagtem 'Don Giovanni'-Experiment facetten- und collagenreich austariert wird. Das Publikum in Lyon applaudiert begeistert. Ein nachdenklicher Abend zum Saison-Ende, der zum zehnten Mal in Folge am Samstag den 7. Juli 2018 in mehreren Städte der Region Auvergne-Rhône-Alpes als Freiluftkonzert übertragen wird. Eine großartige Idee des Intendanten der Opéra National de Lyon, Serge Dorny.

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Kritik von Barbara Röder

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Don Giovanni: W. A. Mozart

Ort: Opéra national,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Stefano Montanari (Dirigent), Orchestre de l'Opéra de Lyon (Orchester)

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Bisherige Kommentare:

  1. Super Kritik
    Frau Röders Kritken gehen immer. Immer ein Genuss, Merci!
    Nutzer_NIYBVOZ, 30.08.2018, 21:32 Uhr

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