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Montag, 24. September 2018

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Okka von der Damerau, Copyright: Michael Lieb

Okka von der Damerau, © Michael Lieb

Kent Nagano dirigiert Mahlers 2. mit dem DSO

Mit Flügeln, die ich mir errungen...

Obwohl es von Kent Nagano eine Vielzahl von Mahler-Aufnahmen gibt, habe ich ihn bislang nicht wirklich als bedeutenden Mahler-Dirigenten wahrgenommen. Was ich sofort als großes Versäumnis meinerseits einstufte, als ich die energisch zupackenden Eröffnungstakte der 'Auferstehungssymphonie' am Samstagabend in der Berliner Philharmonie hörte. Nagano und das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) starteten so rasant in die ‚Totenfeier‘, so dramatisch-atemlos, als wollten sie das Verdikt von Rudolf Stephan untermauern: ‚Die Zweite Symphonie ist, wie kaum ein anderes Werk, ein Musikdrama ohne Szenerie.‘

Man hörte wunderbar geschmeidige Geigenklänge, die sich zart himmelwärts erhoben, aber genauso brillant zur Höllenfahrt ansetzen konnten. Es gab herrliches Blechbläserspiel und einen exzellent aufgelegten Schlagwerkapparat, der es wirklich krachen ließ. Meine Sitznachbarin zuckte mehrmals vor Schreck zusammen. Auch hatte der Kopfsatz einen wunderbaren Drive, der immerfort vorwärts zielte und vorwärts zog. (Dass Nagano und das DSO trotz der Vehemenz der Interpretation ausgerechnet die sich auftürmende Dissonanz-Cluster vor der Reprise so wenig als Angstschrei heraushämmerten, konnte ich übersehen; obwohl ich es bedauerlich fand. Wer das schon mal von Riccardo Chailly gehört hat, weiß, was ich meine.)

Während der erste Satz großes Klangkino war und das Andante und Scherzo Entspannung vorm Showdown des ‚wild herausfahrenden‘ Finales boten, war der Schlusssatz eine Erinnerung daran, warum ich Nagano eher nicht in der ersten Reihe der großen Mahler-Dirigenten sehe. Denn: Ihm fehlt jeder Sinn fürs Mysteriöse und Transzendentale in dieser Musik. Etwas banaler ausgedrückt könnte man auch sagen, er ist kein guter Klangregisseur, der die Sound-Gewalt des Schlusssatzes so strukturiert, dass sie eine kontinuierliche Steigerung erlaubt.

Öffnung der Himmelspforten

Mahler öffnet die Himmelspforten ja nach und nach, wie ein Wunder das aufs andere folgt. Und da wäre ein bisschen mehr ‚Staunen‘ in der Interpretation schon angebracht. Etwa wenn der Chor erstmals einsetzt mit den Klopstock-Zeilen ‚Auerstehen, ja auferstehn wirst du, Mein Staub, nach kurzer Ruh‘. Wenn dieser Chor bereits im kräftigsten Mezzoforte loslegt, dann sind die Steigerungsmöglichkeiten begrenzt. Liegt‘s an der Audi Jugendchorakademie (Einstudierung: Martin Steidler) oder an Nagano? Ich würde eher auf Letzteren tippen, denn der Chor sang an sich sehr gut und war extrem engagiert.

Auch danach entwickelt sich kaum jener Sog (ab ‚Mit Flügeln, die ich mir errungen, Werde ich entschweben‘), der den Hörer mitreißt und von Harfen untermalt davonträgt. Dabei hatte Nagano besonders mit der phänomenalen Okka von der Damerau eine grandiose Mezzo-Solistin und mit Alexandra Steiner eine schön aussingende Sopranistin, die mühelos aus den Chormassen hervortrat. Durch Okka von der Damerau bekam 'Urlicht' jene Magie und faszinierende Größe, die dem Schlusssatz insgesamt fehlte. Er schien die meiste Zeit auf der Stelle zu treten. Und war dann einfach vorbei, ohne dass die letzten Takte explodierten.

Trotzdem war der Jubel groß. Mahler funktioniert eben auch so, wie es scheint. Er wurde vom DSO mit großer Klangkultur gespielt (trotz eines peinlichen Blechbläser-Patzers im Finale). Kommende Saison kehrt Nagano zurück nach Berlin und wird mit dem DSO im Oktober Mahlers 9. aufführen. Mit den Künstlerinnen dieser 2. Symphonie gastiert Nagano auch in der Münchner Philharmonie im Gasteig.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Gustav Mahler: Symphonie Nr. 2 c-Moll: Mit Kent Nagano

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (Orchester), Alexandra Steiner (Solist Gesang), Okka von der Damerau (Solist Gesang)

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