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Freitag, 16. November 2018

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Oper Köln 'Il matrimonio segreto', Copyright: Paul Leclaire

Oper Köln 'Il matrimonio segreto', © Paul Leclaire

Cimarosas 'Il Matrimonio segreto' in Köln

Willkommen auf dem Hühnerhof

Die letzte Premiere der Oper Köln vor der Sommerpause ist eine Inszenierung aus dem Jahre 2016, die anlässlich der Festwochen der Alten Musik Innsbruck entstand: Domenico Cimarosas 'Il matrimonio segreto'. Der Stoff ist trivial. Die Gesellschaftskritik des Hogarthschen Vorbilds verblasst bei Cimarosas Librettisten Bertati zu einer belanglosen Gesellschaftskomödie über Geschlechterbeziehungen. Und doch war der Erfolg des Dramma giocoso von Cimarosa bei der Uraufführung im Februar 1792 in Wien sensationell. Den Mitwirkenden blieb damals gerade noch Zeit, etwas zu essen, bevor sie die musikalische Komödie zum zweiten Mal aufführten. Noch im selben Jahr fand die Kölner Erstaufführung statt. Und heute, im Juni 2018, 226 Jahre später? Hin und wieder lacht jemand. Trotz brillanter Gesangssolisten, eines meisterlich aufspielenden Orchesters, eines fantastischen Bühnenbildes und kunstvoller Kostüme bleiben die Bravi aus. Schon nach der Pause sind etliche nicht wiedergekommen. Artig beklatscht man nach gut dreieinhalb Stunden die künstlerischen Leistungen. Buhs für das Regieteam bleiben aus, aber Leidenschaft, Begeisterung sieht anders aus.

Was ist passiert? Kann uns eine Gesellschaft von aufgeblasenen Gockeln und geizigen, autoritären Vätern, von jungen Frauen, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollen, von adligen Midlife-Crisis-Schürzenjägern oder vermögenden Witwen auf der Suche nach amourösen Abenteuern nicht mehr belustigen? Das Bühnenbild führt uns eine plastische, Rokoko-angehauchte, liebevoll ausgestattete Scheune mit Treppen aus riesigen Büchern und Nistplätzen auf verschiedenen Ebenen vor Augen. Ein Sandkasten lädt zum gemeinsamen Sandbad bzw. Picken. Aus dem alten, schwerhörigen und reichen Kaufmann Geronimo, der seine beiden Töchter adlig verheiraten will, ist ein schmucker Gockel mit Gehhilfe geworden. Die Frauen haben sich in zeit- und stilgetreu kostümierte Legehennen verwandelt. Akrobatische Tauben, Truthähne bzw. Fasane ergänzen den Bilderbuch-Hühnerhof. Man scharrt, wedelt oder schlägt aufgeregt die Flügel bzw. angewinkelten Arme hin und her, gackert bzw. krächzt oder begegnet sich Brust an Brust in drohender Kampfgebärde.

Vorhersehbare Handlung, brillantes Musizieren

Die Handlung ist zu vorhersehbar. Graf Robinson verliebt sich nicht in die für ihn vorgesehene ältere Elisetta, sondern in Carolina, die heimlich Paolino, einen Angestellten ihres Vaters, geheiratet hat. Alle Versuche des Grafen, auf einen Teil der Mitgift zu verzichten, Carolina zu überzeugen bzw. Elisetta von der Heirat abzubringen, scheitern. Kaum Verwirrung stiftet Fidalma, die ebenfalls vermögende, verwitwete Schwester des reichen Kaufmanns, die es auf Paolino abgesehen hat. Als der Graf schließlich erkennen muss, dass Carolina ihren Paolino liebt, gibt er nach, willigt ein, Elisetta zu heiraten und präsentiert im Schlussbild dem Publikum stolz das goldene Ei. Da reicht auch das absurd groteske Hühnerhof-Ambiente nicht aus, um dreieinhalb Stunden geistreich zu unterhalten.

Brillant wieder einmal die ausgewählten, rasant parlierenden Gesangssolistinnen und -solisten und das Gürzenich-Orchester unter der Leitung Gianluca Capuanos. Ob Sinfonia, Arie, Ensemble oder Finali, das Gürzenich gestaltet temporeich, dynamisch differenziert und ausdruckstark. Capuano übernimmt zusätzlich die Rezitativbegleitung am Cembalo – wunderbar lautmalerisch Situation bzw. Empfindungen darstellend. Zwischendurch unterstützt das Orchester sogar singend das Hihi und Hoho von Carolina, die ihre hochmütige Schwester zu provozieren versucht.

Souverän und klangvoll singt und spielt Bassbariton Donato di Stefano die Rolle des reichen Kaufmanns Geronimo – ebenso Bariton Renato Girolami als Graf Robinson. Ensemblemitglied Emily Hindrichs erhielt in der Premiere Zwischenapplaus für die koloraturreiche Rachearie der Elisetta. Anna Palimina überzeugt klangschön als begehrte Tochter Carolina. An ihrer Seite entzückt und karikiert zugleich Norman Reinhardt als offener, auch mit leichter Träne gestaltender hoher Tenor Paolino. Mezzosopranistin Jennifer Larmore übernimmt die Rolle der Fidalma.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Il matrimonio segreto: dramma giocoso per musica von Domenico Cimarosa

Ort: Oper,

Werke von: Domenico Cimarosa

Mitwirkende: Kölner Philharmoniker - Gürzenich Orchester (Orchester)

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