> > > > > 16.06.2018
Freitag, 5. März 2021

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Rebecca Nelsen, Copyright: Tom Schulze

Rebecca Nelsen, © Tom Schulze

‘Lulu’ an der Oper Leipzig

Projektionsflächen

Vor 325 Jahren eröffnete das erste Opernhaus in Leipzig. Als zentraler Höhepunkt des anlässlich dieses kleinen Jubiläums veranstalteten Festwochenendes darf die letzte Premiere der Spielzeit gelten: Regisseurin Lotte de Beer gestaltet eine bildstarke und fesselnde Inszenierung von Alban Bergs brisantem Spätwerk 'Lulu’ in der 1979 uraufgeführten Fassung mit dem durch Friedrich Cerha vervollständigten dritten Akt. Während 'Erdgeist’, der erste Teil der Schauspielvorlage Frank Wedekinds, sogar in Leipzig uraufgeführt wurde, erfährt Bergs Vertonung nach über achtzig Jahren ihre lokale Erstaufführung.

Bewegtbilder und Großstadttumult

De Beers szenische Schilderung erfolgt dicht an der Werkgrundlage und ist tiefgreifend inspiriert von deren Entstehungszeit. Nicht nur als optische Bereicherung, auch handlungsergänzend fungieren stumme Schwarz-Weiß-Szenen, produziert von Fettfilm (Momme Hinrichs und Torge Møller). Auf die schlichten Elemente der Bühne (Alex Brok) projiziert, verschmelzen diese in ausgewogener Lichtgebung mit den blässlichen, nur vereinzelt Akzente setzenden Kostümen (Jorine van Beek) zu einem stringenten Darstellungsfaden. Durch alle drei Akte führen die Bewegtbilder, verleihen Einblick in die Kindheitstraumata Lulus, zeigen den Großstadttumult des frühen 20. Jahrhunderts und reflektieren die labyrinthartige Ausweglosigkeit des Individuums im verheerenden Umbruchsklima. Die Körnung und das Rauschen der Filmrollen untermalen sublim die stetig innewohnende Nervosität. Selbst Übertitelungen werden als Texttafeln, wie sie aus dem Stummfilm bekannt sind, direkt in die Szene gestrahlt und dekonstruiert. Geschickt erweitern die Einspielungen um Zwischenhandlung und schlagen Pfade in die Vergangenheit, zeigen Lulu als Kind (Lena Finke) in der Achterbahn und auf dem Sofa von Dr. Schön Nietzsche lesen – das Nebulöse der Protagonistin bleibt stets gewahrt.

Rebecca Nelsen zeigt eine zutiefst wandlungsfähige, in seelischen Ausbrüchen ebenso schockierende wie ergreifende Lulu. Fein zwitschern die Höhen, ergießen sich in aufstrebendes Lodern; energisch gurrt die Sprechlage. Einzig der signifikante Aussprachefehler, der jedes ‚mich‘ zum ‚misch‘ macht, stört. Diese Lulu ist sich zwar ihrer Macht bewusst, zieht sich aber auch in den Hintergrund und überlässt die in sich selbst zirkulierenden Geiferer dem Wahn. An deren Spitze Dr. Schön, dem Simon Neal charakteristisches Timbre und akzentuierte Sprachbehandlung verleiht; partiell geraten nur die Höhen etwas angestrengt. Ein betörendes Spiel mit dem Schattenwurf begleitet die frivol-fatale Aktion mit dem Lustobjekt im zweiten Akt. Seine sexuelle Gewalt führen die Filmsequenzen bis in die erste Begegnung mit der zwölfjährigen Lulu zurück. Sohn Alwa, mehr Spielball als Herr menschlicher Mächte, gibt Yves Saelens mit kräftig aufschwingendem Tenor, allerdings spärlicher Textgebung, sodass umfangreichere Übertitelung doch angebracht wäre.

Den stürmischen Maler zeichnet Patrick Vogel mit freiem Spiel und prägnanter Stimmführung. Randall Jakobsh als grotesker Athlet gerät oft ins vokale Stemmen, bewältigt jedoch bedenkenlos die Partie. Die Gräfin Geschwitz gibt Kathrin Göring bis in die Endphase mit geformten Ton. Sonor gesetzt erklingt Jonathan Michie in der Rolle des eröffnenden Tierbändigers. Auch die Verbindung zur Menagerie erschließt eine Erinnerungssequenz an die junge Lulu: Die frühe Faszination für den Zirkus durchbricht harsch der instrumentalisierende Missbrauch am Mädchen. Verantwortlich dafür, wenn auch nicht gewissenlos, der alte Schigolch. Mit etwas zu verrohtem Klang stellt Martin Blasius diesen als inzwischen Verwahrlosten in hünenhafter Erscheinung dar. Solide in den Nebenrollen: Alvaro Zambrano mit strahlendem Tenor als Prinz; Wallis Giunta klar präsent und agil als Gymnastiast und Garderobiere.

Aufschrei

Zur schlichten Bildgebung und klaren Raumnutzung tritt der hochexpressive Orchesterkorpus Bergs, den Generalmusikdirektor und Intendant Ulf Schirmer in erhabener Bombastik auskostet. Das Gewandhausorchester beweist mehrfach, wie differenziert sich eine derart furiose Klangwelt umsetzen lässt. Schirmer arbeitet prononciert die multiplen Nuancen heraus: schrilles Aufheulen der Geigen geleitet in lyrisches Säuseln – funkelndes Holz paart sich mit vollmundig markerschütterndem Blech. Der dramatische Fortissimo-Akkord nach Lulus Ermordung lässt so manchen Leib im Zuschauersaal zusammenzucken. Schattenseite dieses instrumentalen Höhenflugs: die zuweilen trotz aller menschlicher Bemühungen kaum mehr durchsickernden Stimmen.

Versiegen

Auf den Leinwänden schmücken Glücksspielsequenzen den Anfang des Schlussakts. Kartenmischer und Roulette untermalen das düstere Milieu in fahlem Licht. Verfall und Kurzlebigkeit spricht aus all den subtilen Details. Zunehmend dünnt der Szenenraum aus, bis sich schließlich vor der krisselig bestrahlten Rückwand eine Leere auftut, deren einziger Hinweis auf menschliches Leben eine einzelne Matratze markiert. Verstreut kauern die Verbliebenen um Lulu. Keine Projektionen beleuchten mehr die letzten schemenhaften Erscheinungen. Bis in den Schlusstakten das Bild wieder aufflackert undzum Beginn der infernalen Geschichte zurückspult.

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Kritik von Theo Hoflich

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Lulu: Oper in drei Akten

Ort: Oper,

Werke von: Alban Berg

Mitwirkende: Ulf Schirmer (Dirigent), Gewandhausorchester Leipzig (Orchester)

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