> > > > > 03.06.2018
Montag, 18. Juni 2018

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Szenenfoto, Copyright: Bernd Uhlig

Szenenfoto, © Bernd Uhlig

Uraufführung von Ruzickas 'Benjamin'

Fluchtbewegungen

Kinder, die in Soldatenuniform eine Geschichte vom bucklichten Männlein wispern. Ein Koloratursopran, der in glitzernd roter Uniform (Kostüme: Falk Bauer) in höchster Lage von den Verlockungen des Kommunismus singt. Ein aufgetürmter düsterer Chor, der im Wechsel mit den Blechbläsern unheimliche Vokalisen gibt und schließlich elfmal ‚Jerusalem‘ skandiert. Und das alles in einer alten, verfallenen Pariser Passage, die zugleich als Bühne auf der Bühne fungiert. Was zunächst nach einem kaum umsetzbaren Unterfangen klingt – dem Philosophen und Kulturwissenschaftler Walter Benjamin eine Oper zu widmen –, wurde in der Hamburger Staatsoper, die zugleich der Auftraggeber des Werkes ist, zu erstaunlich opulentem Musiktheater. Neben dem selbst dirigierenden Komponisten Peter Ruzicka lag das auch an der Librettistin und Regisseurin in Personalunion Yona Kim, die das Ensemble souverän durch ihren eigenen Text lotste. Wo das Libretto vor Ortswechseln, Verwandlungsszenen (Riga, Paris, Capri, Moskau, Berlin) und Regieanweisungen nur so strotzt, beschränkte sich die Uraufführung auf die Einheit des Ortes, aber sprengte die der Zeit dafür umso mehr auf. Wer sich nicht vorab darüber informiert hatte, für den konnten die sich munter abwechselnden und ineinandergreifenden Zeitschichten zu einer verwirrenden Bilderreihe werden, dies zumal das Büchner‘sche Collageprinzip in 'Benjamin' virtuos auf die Spitze getrieben wird. Dass dies trotzdem so gut aufging, lag an der dramaturgisch abwechslungsreichen Inszenierung und nicht zuletzt auch an Peter Ruzickas bewährtem Gespür für die musikalische Großform. Auf einen martialischen Chor – seines Zeichens eine ‚Überschreibung‘ aus Ruzickas eigener Oper 'Celan' – folgte der Auftritt des gespenstischen Kinderchores, an den widerum sich eine schmerzhaft schöne Ensemblevertonung eines Baudelaire-Gedichts anschloss, auf das der ins Ungewisse ausklingende Schluss des Musiktheaters in sieben Stationen folgte. Bei aller Schwere des Stoffes wurde über die rund 90 Minuten ohne Pause so für Kurzweil auf allen Ebenen gesorgt.

Zugängliche Klangästhetik

Das alles war ob der Weltkriegs- und Nazi-Faschismus-Thematik natürlich furchtbar deprimierend, und klang auch so. Gleichwohl dürfte 'Benjamin' für an Neuer Musik halbwegs geschulte Ohren gut zugänglich sein. Lang ausgehaltene dissonante Streicherflächen treffen auf wuchtige Blechbläserblöcke, die wiederum auf nervöses Passagenwerk in den Holzbläsern treffen. Dazu klingen Allusionen ans späte 19. Jahrhundert an oder es wird Liedgut eingeflochten. Sogar extra Schlagwerk spielte man per Lautsprecher aus dem Nebengebäude zu, weil der Platz im Orchestergraben dafür nicht ausreichte. Trotz der großen instrumentalen Besetzung blieb der Orchesterklang aber jederzeit durchhörbar und kam dem vokalen Geschehen nie in die Quere. Ruzickas universal souveräner Zugriff zeigt sich ebenfalls in der Gestaltung der Sängerstimmen. Lini Gong darf ihren geschmeidigen Sopran als Asja L. – Gestalt gewordene Verführung des Kommunismus – bis in die höchsten Höhen schrauben. Dietrich Henschel ist als Walter B. stimmlich autoritär und gewichtig. Verdoppelt wird seine Figur zudem durch den reinen Sprechdarsteller Günter Schaupp, der im Vergleich mit den anderen Sängern ungewohnt viel Text abbekommt. So bleiben für den Bertolt B. von Andreas Conrad nur einige Sätze, wie man sie von Brecht erwarten würde. Gleiches gilt für die sinnliches Melos verstrahlende Hanna A. von Dorottya Láng und die Dora K. von Marta Swiderska. Tigran Martisrossian versucht mit betörendem Tenor, Walter B. zu überreden, nach Palästina zu kommen. Doch vergeblich.

Ganz nebenbei zeigt 'Benjamin' so auch, dass es im Jahr 2018 möglich ist, über den Faschismus und vor allem die Nazi-Zeit wieder Opern zu schreiben, die klangästhetisch zugänglich sind. Gleichwohl, etwas mehr Philosophie, etwas mehr Benjamin in 'Benjamin' hätte es dann aber doch sein dürfen, auch wenn der Zitate-Anteil nicht gering ausfiel. So verkamen die Figuren bisweilen zu Stichwortgebern ihrer historischen Vorbilder, und aus den Stationen wurde eine Ortsliste, die nach und nach abgehackt wurde. Wer keine Scheu vor Neuer Musik hat und es gerne bildgewaltig hat, dürfte bei 'Benjamin' trotzdem gut aufgehoben sein. Das Publikum spendete großen Applaus, der durch die Schwere der Thematik leicht gedämpft ausfiel.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Benjamin: Uraufführung

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Peter Ruzicka

Mitwirkende: Peter Ruzicka (Dirigent), Dietrich Henschel (Solist Gesang)

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