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Dienstag, 16. Oktober 2018

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Jana Kurucová (Elisabetta I.) u. Javier Camarena (Graf Leicester), Copyright: Bettina Stöss

Jana Kurucová (Elisabetta I.) u. Javier Camarena (Graf Leicester), © Bettina Stöss

'Maria Stuarda' mit Diana Damrau und Jana Kurucová

Die Stunde der Opera Queens

Ohne Frage ist das der geilste ‚Opera Queen‘-Moment überhaupt: die Szene, wo die eingekerkerte schottische Königin Maria Stuart auf ihre mächtige Widersacherin und Halbschwester Elisabeth I. trifft und diese als ‚figlia impura di Bolena‘ (‚unkeusche Tochter von Anne Boleyn‘) sowie als ‚vil bastarda‘ (‚verachtenswertes Bastard-Kind‘) auf Englands Thron beschimpft. In der musikalischen Umsetzung von Gaetano Donizetti aus dem Jahr 1835 fliegen hier die Vokalfetzen, es entsteht im Idealfall saftiges italienisches Melodrama der Extraklasse. Und das wiederum spricht die anderen Opera Queens an, denen Wayne Koestenbaum 1993 ein ganzes Buch gewidmet hat ('The Queen’s Throat'), in dem er erklärte, warum die Spezies der schwulen Operntunten ('Opera Queens') am aussterben und nicht mehr zeitgemäß sei in einer Ära, wo’s keinen Grund gibt, Homosexualität zu verstecken und durch die Verehrung von überlebensgroßen Operndiven auszuleben. Ist das 2018 immer noch gültig?

Als die Deutsche Oper Berlin diese Woche zweimal Donizettis 'Maria Stuarda' konzertant ansetzte, war zu beobachten, dass die Koestenbaum‘schen Opera Queens mitnichten ausgestorben sind, sondern vielmehr eine junge, selbstbewusst-entspannte Generation nachgerückt ist, die in Scharen herbeiströmte, um zuzuschauen, wie sich Diana Damrau als Maria und Jana Kurucová als Elisabetta an die Gurgel gehen. Den stürmischen Ovationen nach zu urteilen – die ich in dieser Form schon lange nicht mehr an der DOB erlebt habe – kamen alle Beteiligten auf ihre Kosten. Denn die Aufführung war eine rundum gelungene Belcanto-Sternstunde, bei der ich mich fragte, wieso das eigentlich nur zweimal auf dem Spielplan steht und nicht eine feste Repertoiregröße an der DOB ist? (Eines der vielen Mysterien des Intendanten Dietmar Schwarz. Die zwei konzertanten Aufführung als ‚Premieren‘ im Spielplan auszuweisen ist außerdem recht kühn.)

Das Opernglück kündigte sich nicht sofort an. Anfangs wirkte Jana Kurucová zu forciert und in der Textbehandlung undeutlich. Aber das änderte sich schnell; die slowakische Mezzosopranistin steigerte sich auch darstellerisch in einen solchen Furor, dass sie mehrmals dem eigentlichen Star des Abend – nämlich Diana Damrau – die Show stahl. Das gilt auch für den jungen mexikanischen Tenor Javier Camarena als Graf Leicester. Gleich seine erste Arie wurde stürmisch gefeiert. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt ein derart explosive, höhensichere, schmelzende Tenorstimme live gehört habe. Vom Timbre erinnert Camarena ein bisschen an Giuseppe di Stefano, und das ist eigentlich schon das höchste der Gefühle. Mit jugendlichem Elan wagte er sich an einige Extremhöhen, die wirklich knallten. Ich hoffe, die DOB wird ihn oft zurückholen. Ebenso den Dirigenten Francesco Ivan Ciampa, der ein bestens aufgelegtes Orchester mit Gusto durch die drei Akte leitete und für ein energisches Spiel mit wunderbaren Solo-Momenten (etwa der Klarinette im Vorspiel) sorgte. Offensichtlich hatten seine Musiker und Musikerinnen Lust auf diesen Abend, und das übertrug sich sofort.

Katholische Königin im Kerker

Diana Damrau wandelte als ‚engelsgleiche‘ Maria Stuart auf den Pfaden der jüngeren Edita Gruberova, deren Stil sie vielfach kopierte. Sie hat die Maria gerade in Zürich in einer szenischen Produktion gesungen, so dass man an Spiel und Gestaltung merkte, dass das mehr als eine reine Konzertaufführung war. Mit ihrem ‚keuschen‘ deutschen Sopran ist Damrau sicher keine typische italienische Diva, die man für Donizetti idealerweise braucht. Aber sie macht die Figur der verzweifelten katholischen Königin im Kerker glaubhaft, die von den ‚bösen‘ Protestanten verteufelt und letztlich als Volksverhetzerin und Glaubensfanatikerin hingerichtet wird. (Aus heutiger Sicht finden sich da etliche bemerkenswerte Gender-Vorstellungen im Textbuch von Giuseppe Bardari, z. B. zu Heiratsfragen und der Situation der ledigen Königin Elisabeth, aber auch zum Bild der vom Glauben abgefallenen Engländer aus Perspektive des katholischen Italien.)

Damrau singt ein schönes schlichtes Wolkenlied ('O nube! Che lieve per l‘aria ti aggiri') und liefert später ein schönes schlichtes Gebet von der Hinrichtung. Eine echte Tragödin ist sie nicht, so dass dem langen Schluss – der vollständig auf den Sopran als Star der Show zugeschnitten ist – etwas der Adrenalin-Level fehlte, der vorher von Jana Kurucová erzeugt worden war. Die totale lyrische Verinnerlichung, die Damrau stattdessen anstrebt, überzeugte mich nur in Einzelmomenten, etwa im Duett mit Talbot (Nicolas Testé). Nach der getragenen langsamen zweistrophigen Schlussarie, die ohne viel vokales Feuerwerk auskommt und ganz auf gestalterische Überwältigung in Spiel und Textbehandlung ausgelegt ist, macht erst der herausgeschleuderte finale Spitzenton klar, dass jetzt die Bravos losgehen sollten. Wer das von Joan Sutherland auf der Decca-Aufnahme kennt, weiß, was für einen Effekt dieser Ton machen kann. (Und ich erinnere mich, Sutherland live mit solch einem Ton gehört zu haben: das ist ein Erlebnis, das selbst die langweiligste vorangegangene Arie zur Totalüberwätligung macht.) Wer wiederum Leyla Gencer als Maria Stuarda gehört hat, weiß, dass auch der langsame Arienteil unendlich viel Überwältigungspotenzial enthält. Damrau verzichtet auf den Spitzenton und damit auf den ultimativen Kick am Ende. Was nach all dem Spektakel zuvor in dieser ‚tragedia lirica‘ ein bisschen wie ein Anti-Klimax wirkte.

Aber das sind Details, die am gloriosen Gesamteindruck des Abends nichts ändern. Statt eines Damrau-Spitzentons gab es bei der zweiten Vorstellung am Donnerstag ein Damrau-Geburtstagsständchen, das Tenor Javier Camarena anstimmte, zusammen mit dem gesamten Publikum und dem fabelhaften Chor der DOB, der zuvor schon grandios gesungen hatte (Einstudierung: Jeremy Bines). Die 47-jährige Diva war sichtlich überwältigt von dieser Überraschungsaktion. Sie strahlte und umarmte alle. Und alle verließen in ausgelassenster Stimmung das Haus. Das passiert ja an der DOB auch nicht alle Tage.

Insofern: Danke für diesen Donizetti-Abend, an den sich nicht nur Berliner Opera Queens noch lange erinnern werden, aber die ganz besonders. Da sie als Publikumsgruppe durchaus existieren und hier sich gebündelt präsentierten, wäre es vielleicht zu überlegen, ihnen auch an der DOB öfter etwas nach Art dieser Aufführung zu bieten. Passende Donizetti-Opern gibt es zuhauf. Und wie sich zeigte: begeisternde Sänger und Sängerinnen (und Dirigenten) einer neuen Generation ebenfalls. Bitte mehr davon!

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Maria Stuarda: Konzertante Aufführung mit Diana Damrau

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Gaetano Donizetti

Mitwirkende: Chor der Deutschen Oper Berlin (Chor), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Jana Kurucova (Solist Gesang), Diana Damrau (Solist Gesang)

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