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Sonntag, 23. September 2018

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Szenenfoto, Copyright: Salzburger Festspiele / Bernd Uhlig

Szenenfoto, © Salzburger Festspiele / Bernd Uhlig

Henzes 'The Bassarids' in Salzburg

Vertane Chance

Selten so höflich applaudiert ein Premieren-Publikum wie zur letzten Neuproduktion der diesjährigen Festspiele in Salzburg. Auf dem Spielplan die zweieinhalbstündige, in der englischen Originalsprache gesungenen Oper 'The Bassarids' von Hans Werner Henze. In dieser Antikenoper steckt viel Konfliktpotential. Es geht um existentielle Angst und transzendierende Lust, Gottglauben und Wissen, Hedonismus und Askese, gegossen in dionysischen Klangrausch versus schroffer Nüchternheit.

Kent Nagano entfesselte am Pult der Wiener Philharmoniker diesen spannungsgeladenen Kontrast zwischen Anbetung, Ekstase und Verklärung. Regisseur Krzysztof Warlikowski vergeudete dieses Potential durch ein Zuviel an zahllosen, synchron ablaufenden Ablenkungen in seiner textgetreuen Nachbildung des Originals.  Vor 52 Jahren wurde diese Antikenoper nach 'Die Bakchen' des Euripides bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt und hinterließ ein erschöpftes wie begeistertes Publikum. Erschöpft ob der Komplexität des Textes von Euripides, eine Folge in sich geschlossener theatralischer Momente mit strophisch gegliederten Chorpassagen und vieldeutbaren Soloreden. Die Begeisterung resultierte auch aus dem Umstand, dass der Zeitgenosse Henze entgegen der Avantgarde-Riege seiner Zeit mit unzeitgemäß klassizistischem Gesamtklang in der Nachfolge eines Richard Strauss aufwartete. Henze fühlte sich jedoch völlig missverstanden. Das betraf auch die gänzlich unpolitische Lesart der Bassariden in der damaligen Inszenierung. Ihm ging es um gesellschaftliche und politische Antipoden.

Orgien und Mord

Erzählt wird die Geschichte von Pentheus und Dionysos, beide Cousins, verwandtschaftlich verbunden durch ihre Mütter, im Charakter gleich durch die Vergötterung derselben, was den Inzest einschließt. Damit enden die Gemeinsamkeiten. Dionysos, von Zeus gezeugt, kommt nach Theben. Er fordert seine Anerkennung als Gott und will seine Mutter rächen. Pentheus, von seinem Vater erst kürzlich zum König von Theben ernannt, versucht Dionysos aus der Stadt zu verbannen. Stattdessen verführt Dionysos seine Anhängergemeinde zu orgiastischen Exzessen und verführt Agave, die Mutter Pentheus, zum brutalen Mord an ihrem Sohn.

In diesem Punkt scheint Warlikowski und seine Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak ihr Thema gefunden zu haben. Zeitgleich laufen die exzessiven Vergötterungs- und Schlachtszenen in den drei Räumen ab, eine Metallkonstruktion mit drei ineinander verbundenen Räumen. Raum eins ist Anbetungsstätte für Semele und Ort der Vergötterung des Dionysius als Wunderheiler. Im Schneewittchen-Glasschrein ist die tote Semele auf Rosen aufgebahrt. Raum zwei ist der mittige Raum, ein Ort der Demonstration der Macht des Pentheus (Russell Braun) wie des Dionysos. Der dritte Raum ist ein Schlafzimmer und gleichzeitig Spielplatz krankhafter Mutter-Sohn-Beziehungen und sowie Hinrichtungsstätte.

Film noir und Striptease

Im Stil des Film noir werden Projektionen auf den Chor in Schwarz-Weiß eingeblendet, Dionysos mit Jesus überblendet, Szenen wie das Intermezzo ‚live‘ von Raum drei in Raum eins übertragen, in welchem Dionysos und Pentheus mit dem Rücken zum Publikum das Treiben der Mütter mit Tiresias und dem Captain mit dem Rücken zum Publikum verfolgen. Die Hüllen fallen, die Striptease-Tänzerin steigert sich in orgiastische Extase, der Blutrausch nimmt kein Ende.

Nach dem Schlusston knipste Dionysos das Feuerzeug an, um symbolträchtig alles niederzubrennen. Ein spannender Augenblick nach einer anstrengenden Bilderflut, die zu keinem Moment den Leistungen der Solisten gerecht wurde. Stimmlich überzeugend erinnerte Sean Panikkar als Dionysos im weißen Kapuzenshirt in seiner Rachsucht wie seinem Zögern an den Serienfilmhelden Arrow. Stimmlich präsent und darstellerisch brillant glaubte man Tanja Ariane Baumgartner die exzessive Spielleidenschaft im Intermezzo wie ihr nacktes Entsetzen über ihre Tat.

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Kritik von Christiane Franke

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Hans Werner Henze: The Bassarids: Premiere

Ort: Felsenreitschule,

Werke von: Hans Werner Henze

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester), Krzysztof Warlikowski (Regie), Tanja Ariane Baumgartner (Solist Gesang), Russel Braun (Solist Gesang)

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