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Samstag, 21. September 2019

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Kate Lindsey (Nerone), Sonya Yoncheva (Poppea), Copyright: Salzburger Festspiele / Maarten Vanden Abeele

Kate Lindsey (Nerone), Sonya Yoncheva (Poppea), © Salzburger Festspiele / Maarten Vanden Abeele

'L'incoronazione di Poppea' in Salzburg

Kunstvoll inszenierte Emotionen

Um 1900 war der Traum stark, ein Gesamtkunstwerk im Sinne der Synästhesie zu schaffen, um die Wahrnehmung über alle Sinne zu verstärken. Sehen, hören, riechen, fühlen, im Ansatz versucht es Jan Lauwers mit der Inszenierung 'L'incoronazione di Poppea' von Claudio Monteverdi bei den Salzburger Festspielen.

Obsessives Paar

Im Zentrum steht kein normales Paar. Nero und Poppea sind beide obsessiv in dem, was sie erstreben. Er ist die Ausgeburt eines perversen Despoten, sie gierig auf die Krone. Beide gehen sie über Leichen. So erzählt es die Geschichte (Libretto: Giovanni Francesco Busenello). Auf der Bühne im Haus Mozart geht es weit gesitteter zu. Und nicht nach einem narrativen Konzept. Auch wenn es einen fortlaufenden Handlungsfaden gibt, ist der Blick auf die jeweilige Situation und Gemütsverfassung des Agierenden konzentriert.

Der Belgier Jan Lauwers, bekannt für seine stark visuellen Tanztheaterinstallationen, reiht Bildkompositionen aneinander, die anziehen, aber auch ablenken und den Zuschauer zur Entscheidung zwingen, worauf er seinen Blick richtet. Lauwers paart modernen Ausdruckstanz mit Monteverdis Musik, sucht Ausdrucksformen, um zu verstärken, was die Charaktere im Augenblick emotional bewegt, formt Skulpturen aus erstarrten Tänzern oder löst sie aus dem von Leibern übersäten Bühnenboden im Stil eines Hieronymus Bosch.

Die Kostüme der Tänzer, geschaffen von dem belgischen Künstlerduo Lemm&Barkey, zeigen viel nackte Haut oder lassen sie erahnen. Die Pastelltöne befördern das Verschmelzen mit dem Bühnenbodenkunstwerk. Das erleben jedoch nur die Besucher von den Rängen aus. Für die Akteure schneiderte Lemm&Barkey Kostüme zur Typisierung. Nero als Popstar, Ottavia blütend weiß und unnahbar im Hosenanzug, Drusilla mädchenhaft goldschimmernd mit himmelblauem Spitzentüll, Seneca im bürdenschweren grauen Mantel, während Poppea leuchtendes Prachtrot über dem eisgrauglitzernden Kleid trug.

Will man Lauwers glauben, so zeigt er ein Chaos der Triebe in ‚Roma‘, der Stadt von ‚Amor‘, wie die Lettern über dem Bühnenbild vorwärts und rückwärts gelesen verdeutlichen. Lauwers inszeniert dies als Kunstwerk mit einem Eigenleben durch stetig bewegte Veränderungen und abstrakt-traditionell choreographierten Zwischenmusiken. Die eigentliche Konstante in seinem Gesamtbild ist die dreieinhalb Stunden lang um die eigene Achse rotierende Figur im Zentrum der Bühne, umgesetzt von sich ablösenden Tänzern, zeitweise korrespondierend mit dem maroden Kronleuchter, der kurzzeitig abgesenkt in eine Drehbewegung versetzt wird, um wieder hochgezogen zu werden. Für Überraschung sorgt Lauwers in diesem auf die Dauer ermüdenden Tanz-Aktionismus durch Unerklärbares oder Unerwartetes. Beispielsweise beim Auftritt der Götter, die sich während und zwischen den Arienzeilen hilfsbereit ihrem Schatten zuwenden, einem ausgemergelten Menschen, der sich mühsam auf kunstvoll verzierten Krücken über die Bühne schleppt. Spannend wird es in der Schlussszene. In dem Moment, da Lauwers alle im aktuellen Geschehen überflüssigen Akteure, Sänger wie Tänzer, zu einer Gruppe vereint und sie im Zeitlupentempo nach vorne und wieder zurück bewegt, gelingt, was zur Intensität der Darstellung beiträgt. Diese Gruppe verstärkt nicht die Emotion der Handelnden, sondern agiert als Kommentator. Hohn und Spott spricht aus ihren Gebärden, wenn Poppea zur Kaiserin gekrönt wird. Mit einem Ausdruck aus Entsetzen und Frustration weicht die Gruppe zurück, wenn sie erkennt, dass diese Liebe zwischen Nero und Poppea echt ist.

Monteverdis Meisterschaft

Monteverdis Fähigkeit zur Empathie selbst für Nero und Poppea, die abseits ihrer Skrupellosigkeit in diesem Moment tiefste Gefühle füreinander empfinden und erleben, ist Bestandteil seiner Meisterschaft. Seine Gabe beruht auf seiner Fähigkeit zu einer emotionalen Musiksprache, die die gesamte Palette menschlicher Empfindungen umfasst und in den unterschiedlichen Charakteren in seiner Oper zum Ausdruck kommt. Sie wirkt durch sich und am stärksten im freien Raum.

William Christie dirigiert aus der Versenkung im vorderen Bühnenraum sein sich munter ins Geschehen integrierendes Barock-Ensemble Les Arts Florissants, ohne einen Hauch von seiner musikalischen Überzeugung abzurücken. Unbeeindruckt vom Aktionismus auf der Bühne, fordert er kleingliedrig-virtuos ausmusiziert das Extrem in Ausdruck und Gestaltung. Stéphanie d‘Oustrac als Ottavia treibt dies an die stimmliche Grenze in ihrer Abschiedsarie an Rom. Dominique Visse wird zum erklärten Liebling des Abends in seiner grandiosen Soloarie als Poppeas Zofe Arnalta, Kate Lindsey überzeugt mit überraschend männlich wirkender, vibratoloser Klarheit und Geschmeidigkeit in der Höhe als Nerone, Sonya Yoncheva dominierte als Powerweib Poppea die Szenerie.

Das Liebesduett am Ende ist musikalisch wie inhaltlich Gipfel und Höhepunkt zugleich und, so schön wie in Salzburg musiziert, versöhnlich für alle. Das Publikum applaudierte minutenlang.

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Kritik von Christiane Franke

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L'incoronazione di Poppea: Neuinszenierung

Ort: Haus für Mozart,

Werke von: Claudio Monteverdi

Mitwirkende: William Christie (Dirigent), Les Arts Florissants (Orchester)

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