> > > > > 19.07.2018
Samstag, 18. August 2018

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Sol Gabetta, Copyright: Uwe Arens

Sol Gabetta, © Uwe Arens

Sol Gabetta mit dem Kammerorchester Basel

Musikalischer Psychokrimi

Sol Gabetta spielt nicht nur eine Partitur, sie lebt die Musik, in dem Moment, wo sie sie spielt. Mit größter Virtuosität und absoluter Hingabe präsentierte sie bei den 66. Europäischen Wochen in Passau in der barocken Studienkirche St. Michael Peteris Vasks‘ 'Presence' (2012) in unvergesslicher Klangschönheit. Eigens für sie komponiert, könnte der Titel dieses Werks nicht treffender sein. Eine unglaubliche Präsenz zeigt Sol Gabetta und man spürt sie in jedem Ton dieses phantastischen Werks des lettischen Komponisten. Vasks‘ Klangwelten entwickeln unter den Händen und der Bogenführung Sol Gabettas eine mitreißende Authentizität, in der sich die Höhen und Tiefen des Lebens spiegeln.

Die Komposition lässt der Solistin Raum, langsam, kraftvoll jeden Ton zu entfalten, das Ohr einzustimmen auf emotionale Dissonanzen, melancholische Abgründe, in denen immer wieder Hoffnungsschimmer aufleuchten, Töne resolut zu zupfen und sie im Pianissimo in ungeahnte Höhen flirren zu lassen. Man beginnt überirdische Glückseligkeit zu ahnen. Musik wird zum Balsam für die Seele. Der schnelle Mittelsatz verwandelt sich abrupt zum aggressiven Kampfplatz, zum spannenden Intermezzo mit dem Kammerorchester Basel, bei dem Gabetta resolut die Führung übernimmt. Unterbrochen von unterwartenden harmonischen Passagen, werden die aggressiven Tonstrukturen immer wuchtiger. Harmonisch jagen die Tonskalen hinauf, dissonant stürzen sie ab. Unendliches Leid spiegelt sich in diesen tonalen Grabenkämpfen, die in schwindelnden Höhen neue Glückseligkeiten hoffen lassen, um sofort wieder aus der Tiefe mit schwersten Tongeschützen, rasantesten Tempi torpediert zu werden, die in plötzlicher Stille enden.

Musikalischer Psychokrimi

Sol Gabetta macht daraus einen musikalischen Psychokrimi mit Gänsehauteffekt, der im dritten Teil zusammen mit dem klangschönen Basler Kammerorchester in balsamische Harmonien entschwebt, als folgte der Tod dem Kampfschützen als Erlösung. Mit tiefen langgezogenen Strichen und einer schlichten gesungenen Melodie entlockt Sol Gabetta diesen letzten Momenten eine betörende spirituelle Innigkeit, die durch ein hauchdünn eisiges Tonflirren in andere Welten verweist. Die Betroffenheit des Publikums ist spürbar. Erst nach einigen Momenten tobt der Applaus mit Standing Ovations für eine strahlende Solistin, die bei diesem Konzert wieder einmal bewiesen hat, dass sie eine Ausnahmecellistin ist.

Umrahmt wurde Vasks Komposition von Leopold Mozarts 'Sinfonia pastorella' für Alphorn und Streicher und der 7-teiligen Serenade Nr. 9, der ‚Posthornserenade‘ Wolfgang Mozarts, absolut präzise und klangschön artikuliert und dynamisiert vom Kammerorchester Basel mit seinen exzellenten Solisten. Das Adagio gefühlvoll in moderaten Tempi, voll überschäumender Lebensfreude das Minuetto, tänzerisch das Rondo, sehr grazil und fein das Concertando mit brillanten, schwerelosen Querflöte und Oboe, mit sattem Wohlklang das Fagott in der Tiefe. Dem melancholischen Stimmungswechsel nach d-Moll im Andantino folgte der hoffnungsvolle Ruf des klangvollen ‚Posthorns‘ im Wechsel mit den Streichern. Am Ende stand ein temperamentvolles Finale. Der unmittelbare Vergleich machte den großen Unterschied zwischen den Kompositionen von Vater und Sohn Mozart deutlich, mehr noch: um wie viel stärker als Mozart aus heutiger Sicht authentischer und nachhaltiger Vasks‘ Komposition die Seele bewegt.

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Kritik von Michaela Schabel

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Sol Gabetta : Cellokonzert

Ort: Dom St. Stephan,

Werke von: Péteris Vasks, Leopold Mozart, Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Kammerorchester Basel (Orchester), Sol Gabetta (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Europäische Wochen Passau

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