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Sonntag, 23. September 2018

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Szenenfoto, Copyright: Lutz Edelhoff

Szenenfoto, © Lutz Edelhoff

'Agnes von Hohenstaufen' am Theater Erfurt

Maßlose Musikmacht

Seit der Wiener Klassik wurde das Orchester kontinuierlich größer: Beethoven, Wagner, Strauss und Mahler – so lehrt es der Musikunterricht. Über Umwege erfährt man vielleicht noch von der Grand Opéra und dass es doch nicht ganz so einfach ist. Doch was Gaspare Spontini im Berlin der 1820er Jahre mit seiner letzten Oper schuf, verdreht das Narrativ des allmählich wachsenden Klangapparats völlig. 'Agnes von Hohenstaufen' erfuhr über zehn Jahre hinweg mehrfache Bearbeitung, bis es zu einer endgültigen Fassung kam. Drei hochkarätig besetzte Produktionen der nachträglich geschaffenen italienischen Fassung liegen aus dem 20. Jahrhundert vor. Nun kommt nicht nur erstmals nach etwa 180 Jahren die deutschsprachige Originalfassung (mit kleineren Strichen) zur Aufführung, auch die lange verschollen geglaubte Ouvertüre ist wieder zu hören. Gedruckt kam überhaupt erst 2001 eine deutsche Fassung als kritische Ausgabe der Partitur heraus. Die Schwierigkeiten liegen ganz besonders im Dauerbetrieb des ganzen Orchesters. Dieses umfasst neben u. a. vierfach besetztem Holz und sechs Hörnern im Graben sowie der erstmaligen Verwendung der Tuba in der Oper eine vielfältige Bläserauswahl von Flöte über Bassetthörner und Kenthörner bis zur Bassposaune sowie einzelnen Kontrabass hinter der Bühne. Und auf der Bühne? Da jagt ein Tableau das nächste: Ausartende Gesangsensembles und mehrchörige Szenen dominieren das Geschehen.

Deutscher Tanz und deutscher Marsch

Zur Umsetzung dieses seit Jahren geplanten Großvorhabens suchte sich das Theater Erfurt reichlich Unterstützung, sodass schließlich fünf Formationen vertreten sind: Das Philharmonische Orchester wird ergänzt durch Mitglieder der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach und der Stadtharmonie, der Opernchor erhält Verstärkung durch den Philharmonischen Chor. Trotz des gewaltigen Aufgebots erscheinen besonders im ersten Akt auch tänzerische Figurationen, die Dirigentin Zoi Tsokanou leichtfüßig zum Vorschein kommen lässt, wenn die Wucht des Klangapparats nicht gerade alles Filigrane unvermeidlich überschichtet. Mit partiellen Ungenauigkeiten meistert das Orchester unter Tsokanous Führung die unheimlichen Ansprüche der Partitur bemerkenswert. Stets präsent bleibt die Nähe zur Militärmusik, welche durch spezielle Besetzung und Rhythmen, das perkussive Gewicht und den sich daraus ergebenden Marschcharakter hervorsticht. Wenn zu diesem akustischen Feuerwerk noch der Text tritt, wird einem schnell mulmig zumute: ‚Wir folgen dem Adler des heiligen Reiches, zu blutigen Kämpfen in Welschlands Gefild‘, singt der Chor der Fürsten schon in den ersten Minuten. Regisseur Marc Adam materialisiert diesen Adler: Ein Greifvogel schwingt sich auf die Bühne – zweifellos ein atemberaubender Anblick – und stürzt sich auf einen gefallenen Soldaten. Hier wird der Schrecken des Expansionsdrangs angedeutet. Die Regie versetzt das Geschehen in die Jahre des Ersten Weltkriegs. Von vorangegangenen Konflikten gebeutelt. steht Europa, unwissend, das Schlimmste noch bevor.

Komplexe Figurenkonstellation

Neben der besonders im ersten Akt überladenen Orchestrierung, die zuweilen wie ein Muskelspiel des Komponisten wirkt, bildet die komplexe Figurenkonstellation eine weitere Problematik, der Herr zu werden im Programmheft respektable Arbeit geleistet wurde (Dramaturgie: Arne Langer). Tatsächlich heißen, wie es im mittelalterlichen Adel nun einmal vorkam, von den männlichen Akteuren drei Heinrich und zwei Philipp. Kaiser Heinrich VI. – hier mit Pickelhaube als Wilhelm II. assoziiert – wird von Máté Sólyom-Nagy erhaben ausdauernd gegeben. Im gnadenlosen Anfang etwas hölzern, steigert Sólyom-Nagy die Stimmflexibilität und präsentiert auf der Schlussstrecke schwellende Energie, wenn Heinrich der Löwe, imposant von Juri Batukov verkörpert, als Deus ex machina auftritt, mit seinem Heer schon bis zum staufischen Herrscher vordringt, um dann doch sein Schwert niederzulegen. Dessen Sohn – Überraschung: auch Heinrich – bildet den Angelpunkt der Handlung. Zu Beginn den Franzosen entflohen und als Troubadour untergetaucht, soll seine geplante Verbindung mit Agnes wegen neuen Grolls aufgelöst werden. Bernhard Berchtold triumphiert mit elegant geführtem Tenor und exzellenter Textbehandlung statt mit großer Klangkraft. Des jungen Heinrich Blutsbruder und des Kaisers Heinrich VI. leiblicher Bruder, Philipp, steht zwischen den Stühlen. Todd Wilander zeigt zwar dramatisches Potenzial, kämpft jedoch mit erheblichen sprachlichen Mängeln. Siyabulela Ntlale, manchmal etwas forsch im Klang, bringt in der Rolle des Philipp Auguste, König von Frankreich, der sich zunächst als Abgesandter ausgibt, Spannung und Kraft auf die Bühne. Als Burggraf des Kaisers zeigt Caleb Yoo besonders ausgeglichene Stimmstärke.

Gipfelkunst

Was für eine Kunst des Übergangs, was für Klangmischungen entfalten sich besonders im zweiten Akt. Geradezu wagnerisch ertönt hier das Blech; auch und besonders zu Verdis Klangsprache lassen sich Bezüge ziehen. Nun flüchten sich die Liebenden Agnes und Heinrich (der junge) in ein Kloster. Mit leuchtender Prägnanz gibt Claudia Sorokina die Titelpartie; wenn auch manchmal der Ansatz ungenau wird, das Vibrato zu sehr ausschweift, so glänzt sie doch mit einem Stimmkern, der jede Lage durchflutet. Margarethe Fredheim als Mutter Irmengard mischt sich schon im Duett des ersten Aktes ausgezeichnet. Ihr durchscheinender Sopran strahlt auch in den Höhen anmutig und klar. Irmengard ist es auch, welche das junge Liebespaar zur Vermählung drängt, die der Erzbischof von Mainz besiegelt. Kakhaber Shavidze verleiht diesem gefestigt die nötige Wärme und Autorität. Doch kaum ist die Trauung vollzogen, tost schon ein Sturm – das tobende Orchestertönen durch simple Soundeffekte zu überschatten stört schlichtweg – und die Verfolger stürmen herein. Binnen weniger Sekunden sammeln sich Chor und Solistenensemble auf der Bühne, die im Zusammenspiel mit dem Nonnenchor aus dem Rang einen mitreißenden musikalischen Gipfelpunkt eröffnen. Tsokanou koordiniert gelassen und besonders der Chor beweist musikalisch-szenisches Vermögen (Chorleitung: Andreas Ketelhut). Resultat des Aufeinandertreffens: Der französische König, noch immer als Gesandter getarnt, fordert den jungen Heinrich zum Duell.

Kontextualisierung ohne Thematisierung

Auch wenn die Verortung des ausgehenden Deutschen Kaiserreichs zuweilen nicht ganz aufgeht, liegt das eigentliche Problem der Regie andernorts. Die Auseinandersetzung mit dem geschilderten Vorgang, mit der Essenz der Handlung, bleibt schlichtweg aus. Während Werke wie etwa Verdis 'Don Carlo' (der übrigens unfassbar viele Parallelen im Handlungsverlauf und sogar in der Fassungshistorie aufweist) in sich schon eine Kritik absolutistischer Mächte bergen, erscheint die 'Agnes' – ungenügend kommentiert – geradezu als Propagandaprojekt. Ein Standpunkt muss bezogen werden, wenn die später in so positivem Licht erscheinende Mutter Irmengard zu Beginn singt: ‚Ja, Deutschlands Helden! Ja, tragt die Fahnen jenseits der Alpen steiler Wand. Eilt unserm Kaiser den Weg zu bahnen zu Ruhm und Sieg im fremden Land.‘ Stattdessen: Bebilderung. Gegen die zentrierende Bühne und das historisierende Kostüm (Ausstattung: Monika Gora), das klare Licht (Florian Hahn) und die ergänzenden Projektionen (Holger Bück) ist grundsätzlich nichts einzuwenden und auch die Massenaufläufe sind durchdacht geführt. Doch ohne Stellungnahme verharrt das gezeigte in gefährlicher Ideologie. Als wäre der Wunsch nach Weltherrschaft dann doch eine Kleinigkeit neben den zwischenmenschlichen Beziehungen. Und selbst wenn diese Ebene dem Werk innewohnt, so ließen sich doch die gesellschaftlichen Umwälzungen im Hintergrund deutlicher thematisieren.

Verschenkte Chancen

Letztlich schließt die Inszenierung mit der banalen Fertigerzählung der Geschichte. Philipp zeigt noch einmal, dass er sich für den guten Freund sogar opfern würde (Marquis de Posa lässt grüßen). Ein paar für Opernverhältnisse sogar recht ansehnliche Fechtchoreographien folgen (Kampfchoreographie: Jean-Loup Fourure); Opernstudiomitglied Henry Neill behauptet sich stimmlich kraftvoll als Kampfrichter. Ganz augenscheinlich bleibt auch im Schlussakt die Mutterfigur Irmengard zentral – Fredheim läuft nochmal zu energetischer Hochform auf. Das eröffnet gerade im Kontext der patriarchen Konstellation eine ganz eigene Stoßrichtung, die gar nicht zur Sprache kommt. So viel Potenzial.

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Kritik von Theo Hoflich

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Agnes von Hohenstaufen: Historisch-romantische Oper in drei Akten

Ort: Theater,

Werke von: Gaspare Spontini

Mitwirkende: Philharmonisches Orchester Erfurt (Orchester)

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