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Samstag, 23. Oktober 2021

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Tan Dun, Copyright: PR

Tan Dun, © PR

Uraufführung der Oper 'Buddha Passion' von Tan Dun

Weltumspannend interkulturell

Buddha wird Mensch, Mensch wird Buddha. Mit dieser Botschaft endet ein gewaltiges Klangepos im Kulturpalast in Dresden. 'Buddha Passion', so der Titel des knapp zweistündigen Werkes, ist Oper und Oratorium zugleich. Der chinesische Komponist und Wahl-New-Yorker Tan Dun erzählt in sechs Akten vom Selbstopfer zur Überwindung des Irdischen und von der Wandlung zum nicht-göttlichen Licht im Nirvana. Zur konzertanten Uraufführung im Dresdner Kulturpalast stand er am Pult der Münchner Philharmoniker, mit im Bund die Internationale Chorakademie Lübeck und ein Solistenensemble mit Künstlern aus Asien. Das Dresdner Publikum mit hohem Anteil an chinesischen Gästen feierte ihn und die ausführenden Künstler enthusiastisch.

Volksheld Chinas

Tan Dun hat Dresden bewusst als Uraufführungsort des Gemeinschaftsauftragswerk der Dresdner Musikfestspiele mit dem New York und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra gewählt. Vor 35 Jahren begann in dieser Stadt seine internationale Karriere. Damals, 1983, wurde er für sein Streichquartett 'Feng Ya Song' mit dem Carl-Maria-von-Weber-Preis ausgezeichnet. Als erster Chinese der Volksrepublik China, der einen internationalen Musikpreis erhielt, wurde der 26-jährige Musikstudent über Nacht zum Volkshelden Chinas. Schon damals verstand er sich darauf, europäische Tradition und chinesische Volksliedformen geschickt zu kombinieren. Das hat er perfektioniert.

Als Inspirationsquelle für die 'Buddha Passion' dienten ihm die Malereien in den Mogao-Grotten in der chinesischen Stadt Dunhuang, fast fünfhundert Höhlen mit über viertausend Wandgemälden, auf welchen er zahlreiche Musikinstrumente entdeckte, sowie alte Handschriften, die er in den Nationalbibliotheken Frankreichs und Großbritanniens studierte. Zwei Jahre prüfte und forschte er, entzifferte die Musiksprache und schrieb das Libretto. Akt eins bis drei gleicht einer Aneinanderreihung in sich abgeschlossener Geschichten, die doch nur ein Thema in drei Variationen durchspielen. Der kleine Prinz hat Mitleid mit dem toten Vogel und wird durch sein Opfer zum Licht für die Menschen. Das neunfarbige Reh opfert sich aus Liebe zum Ertrinkenden und bittet um die Erlösung der Menschen von Gier, Eifersucht und Leid. Die schönste und liebste Tochter des Kaisers Miaoshan opfert ihre Augen und ihre Hände für eine werdende Mutter, um sie und das Kind zu retten, und wird zur tausendarmigen und tausendäugigen Bodhisattva, die auf die Erde ein Loblied singt und von der Erhabenheit der Menschheit tanzt. In Akt vier bis sechs erzählt Tan Dun mit philosophischer Weisheit den Werdegang Buddhas bis zu seinem Eingang in das Nirvana.

Musikalisch weltumspannender Erlösungsgedanke

Die Musik, die er dazu erfindet, ist weltumspannend und interkulturell, ein intelligentes Neben- und Miteinander westlich und östlich geprägter Musik, Mönchsgesang aus der Stille heraus, fein umhüllt vom wehenden Sound der Klangschalen, einmündend in ein nach oben verlaufendes Glissando, abgelöst von virtuos geführter dissonanter Bläserwucht, verwoben mit collageartig zusammengesetzten Zitaten chinesischer und europäischer Weisen, rhythmisch aufpeitschend durch dreifaches Schlagwerk nach Orffschem Burana-Muster, die Arien hochvirtuos und süßlich wie Puccini oder dramatisch wie Verdi. Dazwischen eingestreut impressionistischer Harfenzauber, Volksweisen und Obertonklang und immer wieder Glissando- und Flageottpassagen in den Streichern, Ethnoeinsprengsel durch Percussion-Naturmaterialien wie Wasser, Stein oder Holz, Spiritual-Sattheit im Chor und eine Gänsehaut erzeugende musikalische Apotheose am Ende eines jeden Aktes in Gestalt eines Schlusschorals, entwickelt aus dem Unisono heraus im Stil der großen Oratorien, durch und durch christlich auf Sanskrit. Das 'Namo Amitabha'“ ('Ehre sei Buddha Amitabha') klingt wie das Amen bei Bach. In diesem multistilistischen Konglomerat aus klangvoller Imposanz mit dissonanter Durchquerung ist die Omnipräsenz einer Grundmelodie das eigentlich Faszinierende. Damit trifft Tan Dun die Sehnsucht des Zuhörers nach aufgeladener, selbst in den ruhigeren Passagen feinnervig explosiver Emotionalität, die, überwiegend spannend aufgebaut, den Gegenwartsmenschen erreicht und sättigt, ohne ihn weiter zu beschäftigen. Tan Dun liefert mit seiner 'Buddha-Passion' die naive Variante eines weltumspannenden Erlösungsgedankens.

Zur Umsetzung hat er hervorragende Interpreten um sich geschart: Sen Guo (Sopran), Huiling Zhu (Mezzo Sopran), Kang Wang (Tenor), Shenyang (Bariton). In den Gesangspartien fordert er über weite Passagen rezitativischen Sprechgesang und die typische Bravourarie mit weitgespanntem Ambitus. Mühelos erfüllen diese Sängerinnen und Sänger aus China ihren Part. Sie beweisen Potential für die große Oper. Den Volkssängern Tan Weiwei und Batubagen widmet Tan Dun Akt V, das ‚Herzsutra‘. In Akt IV, dem ‚Zen-Garten‘, faszinierte die an kultische Handlung erinnernde und dabei die Fantan Pipa schlagende Tänzerin Wenqing Shi das Publikum.

Einen unvergleichlichen Chorklang bot die Internationale Chorakademie Lübeck, einstudiert von Gründer Rolf Beck. Zusammengesetzt aus jungen Sängerinnen und Sängern aus 15 Nationen, zählt für diesen Chor Perfektion zum Selbstverständnis. Mühelos agierten diese Klanggestalter in allen Sprachen und Stilen. Tan Duns Philosophie lautet, ‚Gefühle zu sprechen und Liebe zu reden und den Weg in die Herzen des Publikums zu finden‘. In diesem Chor fand er die idealen Übersetzer seiner Intention.

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Kritik von Christiane Franke

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Buddha Passion: Uraufführung

Ort: Kulturpalast,

Werke von: Tan Dun

Mitwirkende: Tan Dun (Dirigent), Münchner Philharmoniker (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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