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Montag, 23. Juli 2018

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Herkulessaal München 2017, Copyright: Susanne Schimpel

Herkulessaal München 2017, © Susanne Schimpel

World Doctors Orchestra in Hamburg

Atmosphärische (Harfen-)Klänge und Elbgold

Unter dem Motto ‚Abendkleid und Frack statt Kittel‘ treffen sich seit 10 Jahren Ärztinnen und Ärzte aus unterschiedlichen Nationen, um als World Doctors Orchestra gemeinsam für einen guten Zweck zu musizieren. Das Debüt in der Elbphilharmonie gelingt mit sphärischen (Harfen-)Klängen und dem Auskosten der meisterhaften Akustik.

Der Leiter und Gründer des World Doctors Orchestra, Prof. Dr. Stefan Willich (Dirigent und Professor an der Charité Universitätsmedizin Berlin und ehemals Rektor der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin), feiert mit seinem Orchester die 25. Konzertphase und präsentiert sich mit einem ambitionierten und außergewöhnlichen Programm im Großen Saal der Elbphilharmonie: Auf György Ligetis 'Atmosphères' und dem Harfenkonzert in C-Dur von Francois Adrien Boieldieu folgt der von Lorin Maazel arrangierte 'Ring ohne Worte' nach Richard Wagner.

Schwelgen in Sphärenklängen

Mit Ligetis 'Atmosphères' wählt das Orchester einen mehr als passenden Einstieg in den einzigartigen Kosmos der Elbphilharmonie. Durch Ligeti, dessen Mutter auch Ärztin war und der als Professor für Komposition an der Hamburger Musikhochschule tätig war, wird nicht nur ein Bezug zum Aufführungsort, sondern auch zum Orchester geschaffen. Es ist jedoch nicht nur dieser Umstand, der 'Atmosphères' als passendes Eröffnungsstück qualifiziert, sondern vor allem Ligetis Konzeption des Stückes, die speziell in der Elbphilharmonie aufzugehen scheint: Das Werk, welches für das Donaueschinger Musikfest 1961 komponiert wurde und laut Ligetis Vorstellungen nur den unbevölkerten, imaginären musikalischen Raum und nur Zustände – keine Ereignisse – zum Inhalt haben sollte, ist einzigartige Voraussetzung für Sphärenklänge. Das World Doctors Orchestra setzt den Fokus seiner Interpretation dementsprechend auf die Klanglichkeit und versucht, nicht-motivische Ereignisstrukturen detailgetreu herauszuarbeiten. Die kristallklare Akustik der Elbphilharmonie ermöglicht ein Schwelgen in sehr kleingliedrigen Klangstrukturen, die bei sehr feinen und leisen Stellen leider manchmal durch Geräusche im Publikumsraum gestört werden. Ligeti wäre jedoch sicher erfreut darüber, sein Werk, das durch den Film '2001: Odyssee im Weltraum' wohl eher verkannt denn erkannt wurde, in der Elbphilharmonie zu hören. Das World Doctors Orchestra schafft es schließlich, Klangspiralen im Saal zu formen, die nicht klinisch steril wirken, sondern die Akustik gewinnbringend auszukosten.

Verzauberung mit Harfe

Mit Xavier de Maistre und dem Konzert für Harfe und Orchester in C-Dur op. 82 von Francois Adrien Boieldieu wird das Publikum regelrecht verzaubert und gefesselt. Dem französischen Harfenisten gelingt eine klanglich sowie technisch fein zelebrierte Interpretation, die in unterschiedlichen Facetten strahlt. De Maistre arbeitet dynamisch und agogisch sehr fein und führt das Orchester mit auf diesen Wunderpfad. Während der Beginn und Schluss des Harfenkonzertes vor allem die klassische Beschwingtheit des französischen Opernkomponisten zur Schau stellt, gelingt es dem Harfenisten im melancholischen Mittelsatz, auch kontrastreiche Stimmungen zu erzeugen. Das World Doctors Orchestra gestaltet hier gut mit und schafft eine gelungene Symbiose zwischen Harfe und Orchester. Mit einer eindrucksvollen Solo-Zugabe von de Maistre wird der erste Teil des Konzertes wundervoll abgerundet und perfektioniert.

Suche nach dem Elbgold

Nach der Pause wird dann eindeutig klar, dass sich Stefan Willich und sein Orchester definitiv nicht als Amateur-Orchester sehen, sondern Ambitionen nach oben haben: Lorin Maazels 'Ring ohne Worte' ist natürlich immer wieder unterschiedlich bewertet worden, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das umfangreiche und komplexe Musikdrama 'Der Ring des Nibelungen' von Richard Wagner auf 70 Minuten gekürzt nur im Orchester interpretiert werden soll. Ohne eine hinreichende Beurteilung diesbezüglich zeigt sich jedoch, dass diese Zusammenstellung durchaus seinen Reiz haben kann. Das World Doctors Orchestra kann generell gute Solisten in den Blasregistern vorweisen, die die unterschiedlichen Leitmotive und Szenen vital halten und vielmehr das Elbgold als das Rheingold suchen. Die Streicher werden solide vom kanadischen Konzertmeister Mark Lupin in die wagnerschen Klangwelten geführt und das Werk zeigt auch in der Elbphilharmonie die Wirkung des Magiers aus Bayreuth. Auch wenn so manche Stelle des 'Rings ohne Worte' nicht ganz astrein wirken, überzeugen schlussendlich der gemeinsame Eifer und die Homogenität.

Das World Doctors Orchestra unter der Leitung seines Gründers Stefan Willich lässt mit einem einzigartigen Programm in der Elbphilharmonie aufhorchen, das nicht nur stilistisch, sondern auch zwischenmenschlich kraftvolle Impulse setzt: Der Erlös des Konzertes wird an die Kroschke Kinderstiftung und dem Projekt ‚Herzbrücke‘ der Albertinen-Stiftung Hamburg gespendet und verdeutlicht, welche tollen Brücken zwischen Musik und Medizin möglich sind.

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Kritik von Lorenz Adamer

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World Doctors Orchestra: Ligeti / Wagner / Boieldieu

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Richard Wagner, György Ligeti, Francois Adrien Boieldieu

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