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Samstag, 17. November 2018

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Christian Gerhaher, Copyright: Monika Rittershaus

Christian Gerhaher, © Monika Rittershaus

Achim Freyers Sicht auf Schumanns 'Faust'

Faszination des Rätselhaften

Ist Robert Schumann tatsächlich der undramatische Komponist schlechthin? Die Fakten scheinen dafür zu sprechen, werden doch seine musikdramatischen Werke selten aufgeführt. Dabei hat Schumann sich fast zeitlebens mit Johann Wolfgang von Goethes Drama 'Faust' und dessen kompositorischer Umsetzung beschäftigt. Goethes 'Faust' ist ein Werk voller Musik, die auf eine imaginäre oder symbolische Welt hinweisen (Stichwort ‚Sphärenharmonik‘, ‚Die Sonne tönt nach alter Weise‘). Es gibt rund 60 musikdramatische Werke, die sich mit ihm auseinandersetzen. Komponisten von Spohr bis Mahler vertonten den 'Faust', doch Robert Schumann war der erste Komponist, der sich auch mit dem zweiten Teil des Dramas beschäftigte. Er erfasste die opernhaften Strukturen dieses Teils, dessen Aufführung Regisseure vor immense Probleme stellt. Schumann faszinierte weniger die dramatische Szenenfolge der Vorlage, sondern eher der apotheotische Schluss. Folgerichtig ersetzte Schumann sein ursprüngliches Opernkonzept durch die Idee einer oratorischen Vertonung. Er filterte aus der dichterischen Vorlage ein dem romantischen Empfinden entgegenkommendes Erlösungsdrama heraus. Gretchen und Faust werden durch göttliche Gnade gerettet, wobei Schumanns Annäherung an die Passionsvertonungen unverkennbar ist. Der Komponist lässt den Chor nach Fausts Tod nicht die Goethe-Worte ‚Es ist vorbei‘ singen, sondern ersetzt sie durch die letzten Worte des sterbenden Christus ‚Es ist vollbracht‘.

Modernes Traumspiel

Schumanns Musik unterstützt nicht nur die vom Komponisten wahrgenommene ‚sublime Poesie‘, sondern entwickelt zugleich plastische Bilder der Begegnungen mit dem Jenseitigen. Und es ist das größte Verdienst der subtilen Inszenierung von Achim Freyer, dass er eben genau das erfasste. Er liest Schumanns 'Szenen aus Goethes Faust' als modernes Traumspiel, quasi als ein frühes Beispiel eines imaginären Theaters, das dramatische Handlung als Folie zur Beschreibung innerer Zustände begreift. Im Mittelpunkt seiner Inszenierung und seines Bühnenbildes steht das Bild ‚Wanderer über dem Nebelmeer‘ von Caspar David Friedrich. Orchester, Chor und zeitweise auch die Solisten befinden sich auf der Bühne hinter einem Gazevorhang, der auch als Leinwand dient. Davor eine ovale Vorderbühne, die die Welt darstellt, auf der sich Faust zumeist suchend bewegt.

Manche Akteure sind, wie so oft bei Freyer, anonymisierte Wesen, die sich langsam, schemenhaft über die Bühne (oft verbunden mit Lichtwechsel) bewegen. Ausgeschmückt werden der Bühnenraum und das Gespinst des Vorhangs durch abstrakte Figuren, Farbenspiele und zarte Videos, deren Sinnhaftigkeit sich erst zögerlich erschließt. In der dritten Abteilung kommen strenge geometrische Figuren im Sinne der platonischen Körper hinzu. Achim Freyer ist es wieder einmal gelungen, in alten Werke, fern von bildungsbürgerlicher Betulichkeit, mit einem Röntgenblick verdeckte Strukturen und Inhalte sichtbar zu machen. Dass dies so exzellent gelingen konnte, liegt auch im hervorragenden Solistenensemble begründet. Allen voran der Bariton Christian Gerhaher, der mittlerweile als Spezialist für dieses Werk gelten kann. Darstellerisch bedient er zwar das tradierte Klischee des suchenden Faust, aber ihm gelingt es gleichwohl, diese Figur als Prozess von Überheblichkeit über Verzweiflung bis hin zur Erlösung zu gestalten: Vokal überzeugt Gerhaher ohne Abstriche. Seine stimmliche Gestaltung als Dr. Marianus am Ende ist so fein ausgeführt, dass sie tiefe Spuren hinterlässt.

Gleiches gilt auch für Franz-Joseph Seliger als Mephisto, Pater Profundus und Böser Geist, wie auch für Christina Gansch als Gretchen und weitere Rollen. Auch die anderen Solisten waren glänzend besetzt. Es ist ein großes Verdienst von Kent Nagano, dass er dem lyrischen Grundzug von Schumanns Musik ebenso akribisch wie emphatisch nachspürt, ohne in das Pathetische abzugleiten. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spürt subtil auch den vokalen instrumentalen Linien der Partitur nach und unterstützt so die Einheit von Text und Musik. Der Chor der Hamburgischen Staatsoper und die Hamburger Alsterspatzen überzeugen durch ein hohes Maß an Elastizität und Expressivität. Am Ende begeisterter Beifall für diese mutige Inszenierung, die erneut beweist, dass das Hamburger Opernhaus derzeit zu den spannendsten Opernhäusern gehört.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Szenen aus Goethes Faust: Robert Schumann

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Robert Schumann

Mitwirkende: Chor der Hamburgischen Staatsoper (Chor), Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Christian Gerhaher (Solist Gesang)

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